19. Mai 2019

Trauriges Mahnmal




Der Roman „Die Frauen von Själö“ der Autorin Johanna Holmström erzählt die Geschichte zweier Frauen, die zu unterschiedlichen Zeiten Insassinnen einer Nervenheilanstalt, gelegen auf einer Insel im finnischen Schörengarten, sind. Beispielhaft stehen diese beiden Einzelschicksale im Mittelpunkt der Erzählung für das Schicksal von psychisch kranken Frauen zu früheren Zeiten, den Behandlung eher an Gefängnisaufenthalte als an Heilung erinnerte.

Die Handlung setzt 1891 mit Kristina ein, die nach der Geburt eines unehelichen Kindes im gesellschaftlichen Abseits stehend zwar einen Partner findet, doch ihr Alltag ist bestimmt von Einsamkeit und zunehmender Erschöpfung. Sie ertränkt ihre eigenen Kinder im Fluss und landet schließlich in der Nervenheilanstalt Själö. Dies ist für sie wie für die meisten anderen Patientinnen auch Endstation, die sie nie wieder verlassen werden. Gesellschaftlich geächtet und nicht gebraucht, ohne Therapie, vegetieren die eingesperrten Frauen in diesem Gefängnis dahin.

Die 17jährige Elli wird in den 1930er Jahren mit Depressionen nach einem Ausbruchsversuch mit ihrer großen Liebe in die Nervenheilanstalt eingewiesen. Sigrid, eine neue Pflegerin, die ihren Dienst kurz vor Ellis Einweisung antrat, versucht sich den Patientinnen mit Verständnis und Empathie zu nähern anstatt zu bestrafen und stößt dabei an Grenzen des eingefahrenen unmenschlichen Systems und harter überholter Denkstrukturen.

Schonungslos und eindringlich schreibt die Autorin davon, wie die psychisch kranken Frauen in der Anstalt weggesperrt, bestraft und gegängelt statt behandelt wurden und ohne Hoffnung verkümmerten.  Erschreckend liest es sich, wie Menschen, die den gesellschaftlichen Anforderungen nicht genügen konnten, einfach aus dem Blickwinkel der Menschen verschwanden und in Nervenheilanstalten wie in der Klinik Själö verwahrt wurden, ohne Chance auf Rückweg ins normale Leben.

Schon der historische Beginn mit der Beschreibung eines verabscheuungswürdigen Behandlungsverfahrens der Hysterie des französischen Hofarztes Pierre Pommes aus dem 18.Jahrhundert durch Kältebad, bei dem die stolz verkündete Heilung auch den Tod der Patientin zur Folge hatte, weist auf gute Recherche der Autorin hin.
Doch werden die Erwartungen der Leser an eine psychiatrische Schauergeschichte nicht erfüllt, Johanna Holmström wählt leise Töne, um von der verheerenden Frauenschicksalen zu berichten, von Landschaftsbeschreibungen getragen vermittelt sie aber trotz der Ruhe ein Gefühl der Gewalt.

Die mit viel Empathie gezeichneten Frauenfiguren tragen die Geschichte, Männer sind die abwesenden Strippenzieher im Hintergrund, was den Roman in meinen Augen den damaligen Einfluß des Patriarchats auf Frauen umso deutlicher herausstreicht.


Ein lesenswertes Buch, das auf Tatsachen beruht, sehr eindringlich geschrieben, wenn auch manchmal ein bisschen langatmig und mit einem mir zu versöhnlichen Ende.



Johanna Holmström „Die Frauen von Själö“
Roman gebunden, 368 Seiten
Erschienen im Ullstein Verlag
am 8.Februar 2019
ISBN 978-3-550050442
Preis 22€

Leise und berührend





Sally rebelliert, gegen alles und Jeden. Sie ist wütend auf ihre Eltern, auf die Psychiater der Klinik, die ihr sagen, was sie tun muss um ihr Leben zu leben und wie sie mit ihren Essstörungen umgehen muss. Sie ist aus der Klinik geflohen und trifft auf Liss, eine knapp 50jährige Frau, die allein auf einem großen Bauernhof am Weinberg lebt. Liss nimmt Sally auf, und mit ihrem Pragmatismus beruhigt sie Sally, sie nimmt sie wie sie ist, sie legt ihr keine Verpflichtungen oder Empfehlungen nahe.

Beide beginnen vorsichtig, Vertrauen zueinander zu fassen und nähern sich aneinander an. Sally beginnt wieder zu essen, ohne dass es verlangt wird, sie findet großes Vergnügen an einfachen Kartoffeln oder an den Birnen alter Sorten, die Liss in ihrem Obstgarten anbaut.
Liss findet in Sally’s rebellischer Art sich selbst wieder, als junges Mädchen musste sie gegen ihren Vater und die von ihm auferlegten Zwänge ankommen. Davon getrieben flüchtet sie in eine Ehe und bekommt neue Fesseln angelegt, die sie bis zur Unerträglichkeit erdrücken.

Ewald Arenz versteht es auf einzigartige Weise, den Leser in die Geschichte zu holen. Schon auf den ersten Seiten spürt man die Wärme der Sonne des Spätsommertages, riecht die Erde, sieht das Flirren und die Insekten in der Luft. Sprachlich zaubert er Bilder, die die Einfachheit des Lebens auf dem Bauernhof mit viel Arbeit, aber auch dem großen Vergnügen und der Zufriedenheit nach körperlicher Arbeit lebendig werden lassen. Damit schafft er große Nähe zu den Figuren und zur Geschichte. Mit viel Warmherzigkeit und Liebe hat Ewald Arenz die beiden versehrten Frauen gestaltet, er vergibt ihnen ihre Schwächen, lässt sie aufstehen und kämpfen, auch wenn sich beide dabei stützend aneinander lehnen müssen.


„Alte Sorten“ ist ein leise erzähltes kraftvolles und warmherziges Buch über einen Neuanfang, das ich sehr gerne gelesen habe.




Ewald Arenz „Alte Sorten“
Roman, gebunden, 256 Seiten
Erschienen im Dumont Buchverlag
am 3. April 2019
ISBN 978-3-83218381
Preis 20€

18. Mai 2019

Warmherziges Ferienbuch




Lapidar, very British und wunderbar leichtfüßig erzählt Jane Gardam in ihrem Buch „Bell und Harry“ die Sommergeschichten einer Freundschaft, grandios übersetzt von Isabel Bogdan, die den Ton der Autorin sehr gut trifft.

Die Londoner Familie Bateman sucht auf dem Land Ruhe und Enstpannung. Sie mieten das Farmerhaus „Light Trees“ von der Familie Teesdale im Westmorland, einer alten Bergbauregion in Yorkshire. Hoch auf den Hügeln nahe am Tal Mallerstang finden die jüngsten beider Familien, Bell Teesdale und Harry Bateman zueinander, und was die Erwachsenen der Familien im ersten Sommer in den 1960er Jahren nicht zustande brachten schaffen die beiden: Verständnis füreinander bei völlig unterschiedlicher städtischer und bäuerlicher Lebensweise und Denken zu schaffen. Eine tiefe Freundschaft zwischen Bell und Harry entsteht, die jahrelang hält, bis ins Erwachsenenalter, Sommer für Sommer durch neue Abenteuer geschürt.

Leicht, witzig und manchmal hintersinnig lesen sich die Geschichten der Sommerabenteuer der beiden Jungen, die episodenhaft aneinander gereiht das Buch ergeben. Ruhig und sehr menschlich, mit großer Wärme spult Jane Gardam die Abenteuer der beiden Jungen auf. Schlimmes passiert nebenbei, aber die Welt im „Hohlen Land“ ist in Ordnung, so dass das Buch ein wahres Wohlfühlbuch ist.

Ein bisschen gelangweilt habe ich mich allerdings nach einer Weile, denn das Buch, als leuchtendes Ferienbuch angepriesen, liest sich ein bisschen wie Bullerbü für Erwachsene. Scherzhaft sind alle Abenteuer, keine wirklichen Konflikte trüben die heile Welt, und am Ende wird alles gut, trotz großer Krisen. Das ist sicher Jammern auf hohem Niveau, denn die Weisheit und große Empathie, mit der die oftmals schrulligen Figuren beim Leser ankommen, der äußerst gekonnte Sprachwitz und das leichtfüßige Handeln der Figuren sind nun mal Konzept und überzeugen, dass die Autorin ihre Charaktere liebt. 


Sprachlich einfach nur großartig, voller Wärme und Witz kann ich dieses Buch für Leser von leichtfüßigen hintersinnigen Wohlfühlgeschichten sehr empfehlen.



Jane Gardam „Bell und Harry“
Aus denn Englischen von Isabel Bogdan
Roman, gebunden, 192 Seiten
Verlag Hanser Berlin
ISBN 978-3-446-26199-0
20 €

28. April 2019

Grandios und aufrüttelnd






„Ein Roman wie ein Faustschlag“ steht auf dem rückwärtigen Cover des Buches als Zitat aus Le Parisien, und genau dieses Gefühl hat man nach dem Lesen des neuesten Werkes von Sorj Chaladon „Am Tag davor“. Der französische Bestsellerautor und Journalist hat mit diesem Buch den 42 Opfern des Grubenunglücks in Liévin vom 27.Dezember 1974 und zugleich allen Bergleuten, die unter unmenschlichen Bedingungen ihr Leben aufs Spiel setzten, ein Denkmal gesetzt.

Vierzig Jahre nach dem Grubenunglück in der Zeche Saint-Amé in Liévin hat Michel Flavent noch nicht damit abgeschlossen. Er ist der Bruder von Joseph Flavent, der in der Nacht der Grubengasexplosion verunglückte und an den Folgen starb. 
Michel fährt mit seinem geliebten und bewunderten älteren Bruder Joseph in der Nacht vor dem Grubenunglück mit dem Moped durch die französische Stadt Liévin, vorbei am Tor der Zeche Saint-Amé, wo Joseph unter Tage als Hauer arbeitet. Er fühlt sich frei und stark, genießt das Große-Bruder-Lachen und will werden was sein Bruder ist - ein Bergmann und ein Held. Schon als kleiner Junge versuchte er dem Bruder nachzueifern, aß begeistert das aus dem Bergwerk mitgebrachte „Hasenbrot“ und jetzt mit 16 Jahren hegt er den heimlichen Wunsch, nicht den Bauernhof seines Vaters zu übernehmen, das Lyće zu verlassen und genau wie Joseph als Kumpel und Mechaniker im Bergwerk zu arbeiten.

Am 27.Dezember 1974 in den frühen Morgenstunden geschieht das Unfassbare. Eine Grubengasexplosion passiert wegen eines vermeidbaren Fehlers der Werksleitung, bei der 42 Bergleute unter Tage gefangen sind und umkommen. Joseph Flavent stirbt später im Krankenhaus an den Folgen seiner Verletzungen und Michel schwört Rache an den Verantwortlichen. Joseph erscheint nicht in der Liste der Opfer, bekommt keinen Platz auf den Ehrentafeln, wird in den Ehrenreden der Stadtväter und Politiker nicht erwähnt und erscheint auch nicht im Verzeichnis der verlorenen schutzbefohlenen Kumpel des Steigers Lucien Dravelle, den Michel als den wahren Schuldigen wähnt.

Trotz des Umzuges nach Paris, obwohl er keine Kontakte mehr in seine alte Heimat hat, ist Michel dem Unglück, das seinen Bruder ereilte, verfallen. Er richtet in seiner Garage ein Mausoleum ein, dort sammelt er neben Erinnerungsstücken an seinen Bruder wild zusammengetragene Bergmannsausrüstung, Zeitungsartikel, Bilder. Er befasst sich mit der Ursache der Explosion von 1974, ermittelt fieberhaft in der Frage der Schuld, verfolgt das Leben der Verantwortlichen, insbesondere das des ehemaligen Steigers Dravelle. Der Schmerz wird dabei nicht kleiner, und nachdem er nach dem Krebstod seiner Frau Cecile seine letzte Stütze und den letzen Menschen verliert, der ihm etwas bedeutet, beginnt Michel knapp 40 Jahre nach dem Grubenunglück von 1974 seinen Rachefeldzug in seiner alten Heimat.

In der seit Jahrhunderten vom Untertagebau geprägten Gegend Nordfrankreichs hatte man bis Ende der 1970er Jahre, also zu Zeiten von Michels Jugend, nur die Wahl zwischen Scholle und Zeche. Überall waren die Auswirkungen des Bergbaus zu sehen und zu spüren. Abraumhalden bestimmten das Landschaftsbild, Kohlenstaub bedeckte die Felder und das Gemüse, Bergleute erkannte man auf der Straße am gebeugten Gang und am Husten, aber auch am Stolz. Im Laufe der Jahrhunderte hatte sich die Technik für den Bergbau zwar enorm weiterentwickelt, aber Profitgier und Einsparungen stand beim Grubenunglück 1974 auf der Schuldliste ganz oben. Niemand wurde ernsthaft dafür verurteilt, dass es gravierende und vor allem vermeidbare Mängel im Sicherheitssystem der kurz vor der Schließung stehenden Zeche Saint-Amé gab, dass unter erhöhten Gefahr wegen nicht funktionierender Bewetterung und ohne Befeuchtung der Luft die Bergleute zur letzten Ausbeute des alten Schachtes in die Tiefe geschickt wurden und dabei umkamen. 

Sorj Chaladon erinnert daran, prangert an, zeigt auf die Schuldigen. Doch tut er dies nie brachial, sondern immer verpackt in die Brüder-Geschichte aus Verdrängung, Schuld, Sühne und Vergebung, im Rahmen der Rache von Michel und einer danach folgenden Verhandlung vor Gericht. Chaladon erzählt dies vielstimmig durch den Mund des Bruders des Opfers Michel Flavent, durch Lucien Dravelle, den alten Steiger, den Michel sein Leben lang verfolgt und der am Ende selbst ein gebrochener Mann ist, durch die Anwältin von Michel vor Gericht, die ebenfalls mit der Zeche vor Ort verbandelt ist, und durch das Gericht selbst mit Staatsanwaltschaft, Richterin und Geschworenen, die ein unabhängiges Urteil zu fällen haben. Und voller erzählerischem Geschick stellt Chaladon dabei das bisher aufgebaute Mitgefühl des Lesers mit dem Bruder des Opfers, mit Michel, auf die Probe.

Mit karger spröder Sprache rollt Sorj Chaladon die Geschichte auf, gekonnt Spannung aufbauend durch Perspektiv- und Zeitwechsel, aber nie zu sehr zerfasernd. Es ist großartig, wie Chaladon es schafft, den Leser in Gefühlstaumel zu stürzen ohne allzu viele Worte. Wie das Buch den Focus vom Grubenunglück, Rache, Schuld und später auf eine Familientragödie richtet, die die Hauptfigur Michel überraschend in neuem Licht erscheinen lässt, ist ebenso brilliant wie verblüffend. Sorj Chaladon kann es einfach, er zieht den Leser in den Bann mit der Mischung aus wütender, fast reportagenhafter Wahrheit über das Grubenunglück und dem fiktiven Familiendrama um das von ihm erfundene 43.Opfer Joseph Flavent.
Ein Buch, das unbedingt gelesen werden muss.



Sorj Chaladon „Am Tag davor“
aus dem Französischen von Brigitte Große
Roman, gebunden, 320 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft
am 18. April 2019
ISBN 978-3-3423281690
Preis 23,00 €

Unsympath


Quelle: www.diogenes.ch


Ein Wortakrobat und Hochstapler ist er, der Protagonist Johannes Hosea Stärckle aus dem neuen Roman von Charles Lewinsky „Der Stotterer“. Ein unzuverlässiger Erzähler, ein unsympathischer Egomane, der beim Monologisieren ohne Gegenpart sein Umfeld genau so wie den Leser auf die Schippe nimmt. Daran muss man sich beim Lesen zunächst gewöhnen.

Der Protagonist stottert seit Kindertagen, kaum ein Wort kann seinen Mund verlassen ohne Stotterei. Deshalb ist er dem geschriebenen Wort sehr zugetan und beherrscht schriftliche Kommunikation meisterlich. Er schreibt beruflich, aber nicht als Journalist oder Autor, sondern als Betrüger, weshalb er jetzt im Knast sitzt. Dort schreibt er an den Geistlichen des Gefängnisses, den Padre, um seine Situation zu verbessern, er vertraut ihm (und dem Leser) Erinnerungen und Ereignisse aus seiner Kindheit an, über sein Leben in einer christlichen Sekte, über seine Familie, über seine Betrügereien. Was zunächst wie die Beichte eines Bekehrten klingt ist mit großer Wahrscheinlichkeit ausschließlich Mittel zum Zweck, und der Wahrheitsgehalt der Briefe ist auch für den Leser unklar. Der Stotter manipuliert den Padre mit seinen Briefen genauso wie den Leser. Als mächtige Mithäftlinge von diesem Talent Wind bekommen, versuchen sie Profit aus dem Stotterer zu schlagen, da dieser sich nicht wirklich wehren kann. Doch Stärckle behält den Überblick, denn die Sprache ist seine Macht, und er spielt auch hier seine Möglichkeiten voll aus, dramatisch und manipulativ.

Genau genommen ist Stärckle der einzige Erzähler im Roman. Intelligent und äußerst geschickt hält er alle Fäden in der Hand, führt den Padre und andere Mächtige im Gefängnis an der Nase herum wie zuvor alte Damen und so wie auch den Leser. Er bündelt die Unsympathien den Romans in seiner Person, er ist unzuverlässig und unglaubwürdig, letztlich macht er vor nichts und niemanden Halt. Stärckle taugt nicht zu einer Romanfigur, mit der man sich identifizieren kann oder der man heimlich die Daumen drückt wie oft anderen Hochstaplern als Romanfigur. Dennoch verführt er den Leser anfangs dazu, ihm sein dramatisiertes Märchen glauben zu wollen, doch seine Hochstapelei und sein äußerst boshaftes und unsoziales Verhalten spielen ihn recht schnell ins Abseits. Lediglich am Schluß bekommt man wieder Zweifel, ob nicht doch Gutes in ihm steckt und er für seine Entwicklung nicht allein Schuld zugesprochen bekommen sollte.

Die Stimme des Stotterers kommuniziert im Roman ausschließlich schriftlich, in Briefen, in Tagebucheinträgen und in Fingerübungen, letztere als von der Handlung losgelöste Geschichten, die kleine schriftstellerische Meisterwerke darstellen. 
Ohne Gegenpart ist man immer im Unklaren, was der Wahrheit entspricht und was erlogen ist. Das ist genial erdacht und mir gleichzeitig ein wenig Zuviel, immer nur diese eine Stimme, ewig monologisierend und sich selbst feiernd. Keine Antworten auf die Briefe, kein Gegenpart, kein unabhängiger Erzähler, so das Konzept, das für mich nicht komplett aufging.

Sprachlich ist der Roman ein Meisterwerk, ganz im Sinne der bevorzugten Ausdrucksweise des Stotterers verblüfft Charles Lewinsky mit äußerst genialer Wort- und Satzakrobatik. Viele Passagen haben fast philosophischen Charakter, zumal der Stotterer als ein großer Bewunderer Schopenhauers höchst intelligente und gewiefte Äußerungen tut.
Charles Lewinsky zeigt mit dem Roman „Der Stotterer“ erneut auf beeindruckende Weise seine Wandelfähigkeit und sein Sprachtalent. Allein dafür ist es lohnend, das Buch zu lesen.



Charles Lewinsky „Der Stotterer“
Roman Leinen gebunden, 416 Seiten
Verlag: Diogenes
erschienen am 20. März 2019
ISBN 978-3-257070675

Preis 24,00 €






Verzweifelte Suche



Fatima Farheen Mirza hat mit ihrem Roman „Worauf wir hoffen“ eine vielstimmige und mitreißende Geschichte geschrieben über indische Migranten zwischen Tradition und Moderne. Zeitgemäß und mit aktuellem Bezug erzählt das Buch von der Suche und Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Liebe der drei Kinder muslimischer Auswanderer, die fest in ihrer traditionellen kulturellen Situation verankert sind und gemäß ihren Neigungen und Prägungen ihren Weg suchen müssen. Dabei bekommt man als Leser ungewöhnliche Einblicke in die kulturelle Lebenssituation und das Umfeld der Familie.

Amar, jüngstes Kind und einst Hoffnungsträger der muslimischen Familie, kommt nach drei Jahren Streit nach Hause, zur Hochzeit seiner ältesten Schwester Hadia. Nach jahrelangem Tauziehen mit seinen muslimischen Eltern beim rebellischen Kampf und der gleichzeitigen Suche nach Zugehörigkeit und Zuneigung war Amar nach einem letzten Streit mit seinem Vater weggelaufen. Hadia hatte ihn immer beschützt und behütet, bis sie selbst den ersten Platz in der Hierarchie der Kinder einnimmt und ihre eigenen Interessen durchzusetzen versucht. Sie studiert Medizin an einer Universität weit weg von zu Hause und heiratet den Mann, den sie sich selbst ausgesucht hat. Amar kehrt auf ihre Bitte hin zurück, aber mit ihm kehrt auch die geschwisterliche Eifersucht, die Verzweiflung und der Kampf um Akzeptanz heim. 

Amar ist der Rebell, der nicht weiß, wohin er gehört und was er tut. Auch nach drei Jahren Abwesenheit hat sich daran nichts geändert. Während seine Schwestern Hadia und Huda immer bestrebt waren, den Eltern zu gefallen und sich anzupassen hatte er schon als Kind große Schwierigkeiten damit. Amar bewegt sich seine ganze Jugend hindurch Abgrund entlang, aus Sicht der muslimischen Gemeinde ist er ein Abtrünniger, der sich Alkohol und Zigaretten zuwendet und sich heimlich mit einem Mädchen trifft. 

Hadia rettet ihn mehr als einmal, bis sie sich fragt, wozu sie ihn beschützt, der Wege hat, die ihr als muslimischer Frau immer verschlossen bleiben werden. Sie gleitet aus der Mutterrolle in die Konkurrenz zu ihrem Bruder, was für ihn schmerzhafte Folgen hat. Die große Strenge und Traditionalität der Familienoberhauptes kommt ohne Bollwerk zum Tragen, Amar ist dem nicht gewachsen und läuft letztlich weg.

Huda, die mittlere der drei Geschwister, unterwirft sich willig den Eltern und den muslimischen Traditionen und scheint im großen Schatten zwischen den beiden andereren ihren Platz gefunden zu haben. Sie ist das Kind, das bei der Familie zwischen den Fronten unbemerkt aufwächst ohne ihre Interessen vornan zu stellen und auch im Roman wenig Stimme bekommt.

Neben den inneren Spannungen spielen auch Einflüsse von außen eine große Rolle. Die posttraumatischen 9/11-Verfolgungen und Ängste bekommen die Kinder in der Schule genauso zu spüren wie die strenge Einhaltung des traditionellen Lebens durch alle andern Kinder der muslimischen Gemeinde. Kein Abweichen von der Norm wird geduldet, und das Weglassen des Kopftuches bei den Mädchen in der Schule nach den Anschlägen ist der Angst und nicht der Offenheit geschuldet. Amar scheint der einzige in der gesamten muslimischen Gemeinde des Ortes in Kalifornien, der ernsthaft aufbegehrt. Das erscheint mir ein klein wenig irreal, auch wenn es zur Geschichte passt.

Vielstimmig, aus verschiedenen Erzählperspektiven und mit vielen Zeitsprüngen spult die Autorin die Geschichte ab. Sie bewegt sich immer ganz eng bei den Figuren, die nie klischeehaft wirken trotz der Klischees, die sie bedienen. Man spürt beim Lesen Wut und Schmerz von Amar genau so wie die Sehnsucht nach dem Auflehnen bei Hadia, die sie zunächst hinter ihrer Beschützerrolle für den kleinen Bruder im Zaum hält. 
Wie eine indische Patchworkdecke fügen sich im Laufe des Buches die einzelnen Stückchen zu einem Gesamtbild der Familie, das die wesentlichen Eckpunkte aufzeigt, zerrissen und zersplittert bis auf einen einzigen wertvollen Augenblick - einen sonnigen Nachmittag am Fluss.
Sprachlich bewegt sich der Roman auf gut lesbarem, mir persönlich stilistisch ein wenig zu simplem Niveau ohne große Ecken und Kanten. Das kann aber an der Übersetzung liegen, denn allein der deutsche Titel „Worauf wir hoffen“ ist meilenweit entfernt vom Originaltitel „A Place For Us“, der in meinen Augen die wesentliche Botschaft des Buches im Gegensatz zur deutschen Version bereits in sich trägt.


Das Buch als Sittengemälde einer indischen Auswandererfamilie empfehle ich als sehr lesenswerten, spannenden Roman aus sehr jugendlicher Sicht, der den Status quo feiert mit letztlich übergroßer Liebe der Familienmitglieder und dem damit verbundenen Schmerz und Leid. Verzeihen und Zurücktreten ist ebenso wie Kompromisse ausgeschlossen, was die Geschichte zum einen so überaus reizvoll und jung, zum anderen aus meiner ganz persönlichen Sicht (auf durchaus angenehme Art) etwas euphorisch-verschoben werden lässt. Unbedingt lesen!



Fatima Farheen Mirza „Worauf wir hoffen“
Aus dem Amerikanischen von Sabine Hübner
Roman gebunden, 480 Seiten
Erschienen bei dtv am 28.Februar 2019
ISBN 978-3-423281768
€ 24,00 (D) / € 24,70 (A)

27. April 2019

Sympathischer Ermittlerkrimi



Bildquelle: www.diogenes.ch


Die dänische Autorin Katrine Engberg schrieb mit „Blutmond“ den zweiten Band der Kopenhagener Krimiserie um die Ermittler Jeppe Kørner und Anette Werner.
Es ist nicht zwingend erforderlich, den ersten Band zu kennen, aber Figuren und Geschichten, aus dem ersten Teil werden aufgegriffen, insofern ist es durchaus sinnvoll, den neuen Roman mit Kenntnis der Krimidebüts „Krokodilwächter“ zu lesen.

Das Setting ist ein klirrend kalter Januar mit einem Toten am Rande der Fashion Werk in Kopenhagen. Mit großer Spannung im Prolog wird man als Leser mitten in die Geschichte gesetzt,  bei der die dänische Modewelt vom Tod eines Partygastes erschüttert wird. Der Designer Alpha Bartholdy, getötet mit Abflussreiniger, ist der erste Tote, einer Serie von Morden, die alle in gleicher Art ausgeführt das Ermittlerteam und ihre Helfer in Aufregung versetzen.

In gewohnter Manier rollt Katrine Engberg die Geschichte mit vielen Nebenschauplätzen auf, die zunächst verwirrend erscheinen, aber wie bereits im ersten Band hält sie gekonnt alle Fäden der Geschichte in der Hand, führt den Leser an der Seite der Ermittler durch den Fall, stiftet hier und da Unruhe durch private Querelen, mit denen sich Jeppe und Anette herumschlagen müssen, und berücksichtigt in für mich bewundernswerter Weise die Fehler und Menschlichkeit ihrer Figuren.
Man trifft alte lieb gewonnene Bekannte aus dem Band „Krokodilwächter“ wieder. Esther und Gregers, zwei Rentner, unterstützen die Polizei mit Privatinitiative und liefern hilfreiche Hinweise.

Glaubhaft und lebensecht sind alle Figuren gezeichnet, es gibt keine Polizei-Übermenschen und keine abgrundtief bösen Gangster, und genau das macht für mich den Roman so sympathisch, die Charaktere so dreidimensional mit vielen Facetten, die für mich als Leser absolut nachvollziehbar sind.


Es ist keine nägelkauende Spannung, die das Buch verbreitet, aber es ist ein angenehmer, spannender, sehr gut lesbarer und spannender Ermittler-Krimi, bei dem am Ende die meisten Fäden logisch und nachvollziehbar entwirrt sind, und der zugleich durch die Blutmondstimmung ein wenig Düsternis in das Geschehen zu streuen vermag.




Katrine Engberg „Blutmond“
Hardcover Leinen mit Schutzumschlag
480 Seiten
Verlag: Diogenes
Erschienen am 20.März 2019
ISBN 978-3-257070583
€ (D) 24,00 / sFr 32,00 / € (A) 24,70

Kraftvolles symbolträchtiges Familienfresko




Mit großer Leichtigkeit, ein bisschen französisch-schwatzhaft, aber mit enormem Tiefgang und viel Gespür für bewegende symbolhafte Situationen führt die Autorin Tatiana de Rosnay in ihrem Roman „Fünf Tage in Paris“ die Leser durch eine überflutete Stadt und zugleich durch eine bewegende Familientragödie.

Ein Wochenende in Paris, zum 70.Geburtstag des Familienoberhauptes Paul Malegarde und zum Hochzeitstag mit seiner Frau Lauren, nur mit dem Sohn Linden, ein in L.A. lebender erfolgreicher Fotograf, und der in London lebenden Tochter Tilia, ist Ausgang einer dramatischen Geschichte. Paris versinkt im Regen, das Wasser der Seine steigt bedrohlich an und der stets gesund wirkende weltweit berühmte Baumschützer Paul wirkt kraftlos und grau, bis er am Abend seines Geburtstages im Restaurant zusammenbricht und ins Krankenhaus gebracht werden muss.
Ein apokalyptisch-dystopisches Hochwasserszenario ist Hintergrund und zugleich Hauptakteur der dramatischen Entwicklung in der Familie Malegarde, in deren Verlauf auch Lauren an einer Lungenentzündung erkrankt und ans Hotelbett gebunden ist. Während Sohn Linden am Bett seines Vaters im Krankenhaus wacht strömen Erinnerungen auf ihn ein, und er entschließt sich endlich, mit seinem Vater zu reden und sich zu outen.

Symbolträchtig steigt das Wasser der Seine in dem Maße, in dem sich auch die bereits präkere Familiensituation zuspitzt. Das Krankenhaus, in dem Paul versorgt wird, befindet sich im Hochwassergebiet, der Ehemann von Tilia, ein Alkoholiker, taucht überraschend auf, und apauls Gesundheitliche Situation ist unklar. So wie das Hochwasser seinem Scheitel zustrebt bewegt sich auch die Familiensituation in dramatischer Weise auf einen Höhepunkt zu, an dem es Entspannung, in welche Richtung auch immer, geben muss. 

Die Autorin spricht in ihrem Roman viele aktuelle Themen an, neben Naturgewalten durch Klimaveränderungen wie Hochwasser und Sturm berührt sie politische und soziale Sprengsätze der herrschenden französischen Machtverhältnisse in Ausnahmesituationen, sinkende Menschlichkeit im Umgang miteinander und nicht zuletzt die Hilflosigkeit des Einzelmenschen der Moderne in der Großstadt in Katastrophensituationen.
Doch nichts wirkt Zuviel, denn der Roman bewegt sich immer an der Entwicklung der Familie, an den Einzelschicksalen entlang, so dass man von der Größe und Mächtigkeit der angesprochenen Probleme als Leser eben nicht erschlagen zu werden droht, sondern sich hervorragend am Erzählfaden entlanggingen kann.

Die Familie selbst ist mit reichlich Konfliktpotenzial ausgestattet in der Art, dass in Extremsituationen Dinge hochgespült werden, die bis dahin unter der Oberfläche schwelten. Andererseits verbindet diese vier Menschen eine große Zuneigung und Liebe, die sie jetzt füreinander sorgen lassen, auch wenn in früheren Jahren Schweigen oder Unverständnis tiefe Wunden gerissen hat.

Tatiana des Rosnay hat einen sehr leichtfüßig erzählten und gut lesbaren Roman geschrieben, der große Katastrophen in großen und kleinen Rahmen mit viel psychologischem Gespür und enormen Lesesog miteinander verknüpft, ohne jemals seicht oder allzu pathetisch zu wirken. Nichts wirkt auf mich konstruiert oder aufgesetzt. Die Probleme innerhalb der Familie erscheinen sehr wahrhaftig und lebensnah realistisch, die Naturgewalten sehr greifbar und äußerst bedrohlich. Ich möchte nicht sagen, dass ich den Roman völlig atemlos las, aber die kraftvolle Geschichte hat mich sehr bewegt und ich möchte dieses mitreißende Buch unbedingt zu Lesen empfehlen.






Tatiana de Rosnay
Fünf Tage in Paris
Aus dem Französischen von Nathalie Lemmens
Roman, gebunden, 304 Seiten
Erschienen am 25.März 2019
Verlag: C.Bertelsmann
ISBN 978-3-570103654
Preis 20 €

1. April 2019

Zerreißprobe





Der neue Roman der Franko-Kanadierin Jocelyne Saucier „Niemals ohne sie“ ist einfach wunderbar, und ich war, was mir selten passiert, ein bisschen traurig, als ich das Buch zuklappte. Es ist die ungewöhnliche Geschichte einer Großfamilie mit 21 Kindern, vielstimmig von den Kindern mäandernd erzählt, voller Wildheit, Leid, Geheimnisse und Zusammenhalt. Es ist kein Wohlfühlbuch, obwohl es viele Momente der Geborgenheit und Fürsorge gibt, treibt ein unglaubliches Geheimnis die 21 Geschwister in alle Welt auseinander, Schweigen und Ausweichen macht sich breit wo vorher Lärm und Lebenslust gewesen ist.

Die Cardinals nennen sich die Kings von Norco, einer Bergbaustadt im französischen Teil Kanadas. Die Geschwister, wild und nicht besonders zimperlich, keine Sympathieträger, wachsen ziemlich sich selbst überlassen freiheitsliebend und regellos in der verarmten Stadt auf. Der Vater versorgt die Familie als Erzsucher, und hatte einst der Stadt durch einen unglaublichen Zinkfund zu Reichtum und Wohlstand verholfen. Die Schürfrechte der Mine wurden an ein globales Bergbauunternehmen verkauft, das die Mine inzwischen stillgelegt hat. Die Bevölkerung verlässt den Ort inmitten der kanadischen Einöde oder verarmt hier so wie die Cardinals. Die ruppige Kindheit, erzählt am Beginn des Romans von Matz, dem Nachzügler, ist geprägt von Tyrannei gegen andere Kinder, Hauskatzen, schlimmen und weniger schlimmen Streichen gegen die Nachbarn. Doch als Jüngster bekommt Matz nichts mit von dem großen Familiengeheimnis einer dramatischen Entscheidung, die zur Rettung der Familie von den älteren Geschwistern ausgeheckt fürchterlich schief geht und die Geschwister zersplittert.
Die Spannung im Roman besteht unter anderem darin, dass man nach dem einführenden Erzählung von Matz ständig ein Damoklesschwert über den Erzählungen aus der Sicht der ändern Geschwister spürt, das diese zunächst zu verbergen suchen. Details werden gekonnt allmählich aus verschiedenem Blickwinkel gelüftet, und obwohl oftmals abschweifend ist es eine sehr gut verfolgbare Geschichte, die hier erzählt wird.
Überraschend und absolut grandios, wie sich aus immer größer werdenden Bruchstücken am Ende ein Bild ergibt, wenn das letzte Puzzleteil an seinen Platz gefallen ist.

Das Buch besitzt nicht nur durch die Geschichte selbst Dynamik, sondern auch als Studie zwischenmenschlicher Beziehungen und als Milieustudie verarmter Bergbaugebiete. Das Setting einer in Bedeutungslosigkeit versinkenden Stadt, die einst wegen des größten Zinkfundes in Nordamerika aus dem Boden gestampft wurde, im Zusammenhang mit sich selbst überlassenen Kindern, deren Hass auf die Nachbarn, die Suche nach Anerkennung durch den vielbeschäftigte Vater und das Verlangen nach der Liebe der vollkommen ausgelaugten Mutter sind sehr vielschichtig und absolut nachvollziehbar beschrieben. Man ist erstaunt, wie groß der Zusammenhalt der Geschwister in der Kindheit untereinander ist, trotz aller Konkurrenzkämpfe und Machtspiele, die nicht immer harmlos sind. Man mag sie nicht alle, darum geht es in dem Roman aber auch nicht, genauso kann ich über kleine Ungereimtheiten sehr wohlwollend hinweg sehen.

Es ist einfach ein grandioses Leseerlebnis für mich gewesen. Mit hintersinnigem Witz, warmherzig und spannend erzählt Jocelyne Saucier diese wirklich mitreißende Familiengeschichte.



Jocelyne Saucer „Niemals ohne sie“
Roman gebunden, 255 Seiten
Erschienen im Inselverlag
Am 11.März 2019
ISBN 9783458178002
Preis 20€

King Lear in Bollywood

Bildquelle: Verlagsseite C.H. Beck
https://www.chbeck.de/taneja-wir-jung/product/26464786


Episch und spannend kommt die dramatische Familiengeschichte aus Indien „Wir, die wir jung sind“ von der Autorin Preti Taneja daher. Der Generationen- und Machtwechsel und der Geschlechterkampf innerhalb der Familie und gleichzeitig um ein Firmenimperium steht dabei im Mittelpunkt, und ist erzählt in Anlehnung an King Lear als düstere und äußerst spitzfindig-brisante, moderne und gleichzeitig so zeitlose Variante des alten Shakespeare-Stoffes.

Devjat, alternder Machhaber und Patriarch eines mächtigen indischen Konzerns in Dehli, genannt „The Company“, will sein Erbe verteilen. Er begibt sich in den Ruhestand und überläßt es einfach seinen Nachkommen, ihren Snteil zu finden. Zu bedenken sind seine drei Töchter und die zwei Söhne seines Teilhabers Ranjit Singh. Und wie bei King Lear entwickelt sich ein Generationenrevolte und eine Tragödie, erzählt im modernen heutigen Indien.
Die Geschichte beginnt mit der Heimkehr des verlorenen Sohnes. Jivan, Harvard-Absolvent und unehelicher verstoßener Sohn von Ranjit, die der Beginn der Eskalation der Ereignisse ist. Die beiden ältern Töchter Deviats, Gargi und Rhada, sind sich über ihren Anteil an der Firma einig, sie wollen die Company übernehmen. Die jüngste Tochter Sita, Umweltaktivistin und Feministin, verschwindet vor ihrer Verlobungsfeier mit ihrem Freund, und auch der Halbbruder von Jivan, Ranjits rechtmäßiger Sohn Jeet, verschwindet.
Jedes der Kinder hat eigene Ziele, es geht um Macht, sie kämpfen auf ihre Weise für ihre Überzeugungen und gleichzeitig um die Anerkennung der Väter. Und merken dabei nicht, dass sie sich wie alle Geschichten im Kreis drehen, spiralförmig bewegt, anstatt geradlinig verlaufend. Dinge überlappen sich und wollen sich dennoch dabei selbst nie verleugnen. Das wirkt fast ein bisschen aufgesetzt und albern.

Wie im modernen Indien geben sich bei dieser Geschichte Raubtierkapitalismus und Verbundenheit mit Tradition und Mythen die Klinke in die Hand, Kastenwesen und rasante Modernisierung als Spaltformel für eine Gesellschaft. Die Shakespeare-Adaption wird hier nicht nur zur langweiligen Verlagerung in die heutige Zeit, sondern durch die vielen Zwiespälte in der indischen Gesellschaft und den nahe daran festgemachten Familienmachtkampf ergibt sich aus der jahrhundertealten Tragödie eine äußerst überzeugende Neuerzählung.


Ein Wermutstropfen ist allerdings, dass zum einen durch die vielen Querverweise, gesellschaftlich-historischen Bezüge und Andeutungen die Protagonisten ein wenig fern bleiben. Dazu kommt die anstrengend zu lesende Sprache. Anspruchsvoll und teilweise gespickt mit ganzen unübersetzten Passagen ist es für mich doch recht mühsam gewesen, das Buch ganzheitlich und mit Vergnügen zu lesen. Ein Glossar bietet leider auch nicht den nötigen Aufschluss, und ständiges Nachschlagen beim Lesen, um Verständnis ringend, mag ich nicht besonders. Das ist sehr schade, denn andernfalls wäre es ein absolut grandioses Buch und Leseerlebnis für mich gewesen.



Wir die wir jung sind von Preti Taneja
Roman gebunden, 629 Seiten
Verlag: C.H. Beck
Erschienen am 14. Februar 2019
ISBN 9783406744472
Preis 26 €

28. März 2019

Verstörend Faszinierend




Unangenehm, ein bisschen sperrig, gespickt von trutzig-teutonischer Lyrik, verwirrend und für mich nicht durchgängig witzig ist die Satire „Zornfried“ von Jörg-Uwe Albig über den Journalisten Jan Bröck, der sich bei Recherchen zum Dichterfürsten Storm-Linné der Neuen Rechten zu verlieren droht. 
Nichts der im Buch erdachten Orte und Personen ist real, man könnte beim Lesen des Namens Zornfried mit seinem Burgherrn von Schierling zwar an Götz Kubitschek und das Rittergut Schnellroda denken. Doch vermutlich ist sowohl Burgname ein spielerischer Hinweis ebenso wie der Dichtername Storm Linné, zusammengesetzt aus Theodor Storm und Carl von Linné, dem aus Schweden stammenden Begründer der Klassifizierung von Pflanzen, was nach Aussage des Autors Albig irgendwie zur Rechten passen würde - Einteilung, Klassifizierung in Rassen. Namentlich ebenso symbolträchtig erscheint mir Freiherr von Schierling, Burgherr von Zornfried, namensgebend hier die giftigste Pflanze Deutschlands und alte Tötungsmethode - der Schierlingsbecher. Dazu gesellen sich mit Freya, Burglinde oder Teutonia als austauschbare Töchter von Schierlings und seiner Ehefrau Brigitte. 
Ergänzt wird die illustre Gesellschaft von Computer-verspeckten Möchtegern-Kämpfern, die im Burghof brüllen und sich schlagen, sich bei einer Antifa-Demo vor den Mauern der Burg gemeinsam mit den Burgbewohnern und reichlich Sekt auf dem Burgturm verschanzen, fröhlich ihre Unerreichbarkeit als Sieg feiernd, von Juristen, Studienräten, Burschenschaftlern, und böse-genialen Filmemachern die sich regelmäßig zur Tafelrunde und Gedichtrezitation Storm-Linnés versammeln.
Dazwischen bewegen sich der Journalist Jan Brock und die Journalistin Jenny Zerwien von der Konkurrenz auf ihrer Reportagereise wie zwei Fremdkörper inmitten all des Deutschtums, beide Gefahr laufend, die Orientierung zu verlieren inmitten all der Teutonik, abstoßend und zugleich faszinierend  weihevollen Waldgängen, Kampfesproben. Für Jan Brock drohen sich die Grenzen zwischen Beobachtung aus Abstand und dem Willen nach Teilnahme und Zugehörigkeit zu verwischen, doch in seinem allabendlichen Rückweg zum Gasthaus im nahegelegenen Wuthen verschafft er sich mit (ebenso erdachter) Musik von Shit Tsunami oder Braineaters wieder seine Erdung.
Mehrere Tage begleitet Brock als freier Journalist den Burgherrn von Schierling auf dessen Einladung, nachdem er einen kruden Verriss der Lyrik von Storm-Linné verfasste, um einen intensiveren Eindruck vom schwülstig teutonisch-weihevollen Dichter Storm Linné zu erhaschen, mit angeborener Neugier und getreu seinem Motto, dass man über alles, was es gibt, schreiben muss, getreu seinen Vorbildern im Gonzo-Journalismus, die mit Rockern kifften und prügelten, um über sie zu berichten. Im Geiste ein solcher Rebell stolpert er dennoch in die Fallstricke, die seit Jahren von der Rechten ausgelegt werden, nämlich Publicity um jeden Preis zu bekommen. Er beginnt an den rechten Ritualen teilzunehmen, unbemerkt nickend, auf dem Burgturm heimlich am Sekt nippend, immer in der Hoffnung, dass es nicht gesehen und bemerkt wird...und er verschafft den Rechtsintelektuellen Vordenkern zumindest zeitweise genau das, was sie wollen.


Richtig unheimlich und gruselig, markig-romantisch und erdig-blutig ist die kleingeschriebene Lyrik, die Jörg-Uwe Albig für den Roman schuf:

„Und wenn auch brunst-geschmeiß und vieh die kirchen fluten
Wenn hass aufs eigne schrill von den altären klingt 
Wenn üble priester mann und mann vermählen 
Und grauser chor der massen herrschaft singt
So bleibt uns doch der größte dom von allen 
Wo wahrhaft frommer sang durch kuppeln hallt
Wo licht durch säulen bricht und grüne ornamente 
So bleibt uns doch der ewig deutsche wald“

Zum Glück umgibt diese mystifizierenden Gedichte mit perfektem Versmaß und Rhythmus eine bitterböse Satire, andernfalls könnten sie durchaus aus der Ultra-rechten Ecke stammen. 
Und natürlich ist der Roman trotz aller satirischen Persiflage auf die Homestories aus Schnellroda von einer entscheidenden Grundfrage geprägt: Wie weit darf journalistische Neugier gehen? 

Ich fand es nicht ausschließlich witzig, was ich gelesen habe. Aber gelesen werden muss dieses Buch meiner Meinung nach. An hellen Sonnentagen und weit weg vom Wald.



Zornfried von Jörg-Uwe Albig
Roman gebunden, 208 Seiten
Verlag: Klett-Cotta
Erschienen am 28.02.2019
ISBN 9783608964257
Preis 20€

13. März 2019

Unterhaltsamer Mix aus Fakten und Fiktion




Der zweite Roman des Autors Graham Moore ist eine Hommage an Arthur Conan Doyle und seinen berühmten Detektiv Sherlock Holmes, ein gelungenen Mix aus Fakten und Fiktion. Moore war schon mit seinem ersten Roman um die Erfindung der Elektrizität durch Thomas Edison sehr erfolgreich und bewies bereits da, dass er neben guten Drehbüchern auch spannende Historien gut recherchiert in Romane umsetzen kann. Dies ist ihm bei dem nunmehr vorliegenden Buch „Der Mann, der Sherlock Holmes tötete“ sehr gelungen.

Der Autor Arthur Conan Doyle begibt sich auf Mörderjagd: im Stil seiner Romanfigur Sherlock Hommes, die er zuvor in einem Roman sterben ließ weil er ihrer überdrüssig war, versucht er in den Straßen des viktorianischen London zusammen mit seinem Freund Bram Stoker (der Autor von „Dracula“) den Mörder eines „leichten Mädchens“ zu finden und gelangt dabei in finstere und zwielichtige Verstrickungen.
Einhundert Jahre danach wird der Sherlockianer Harold in einen mysteriösen Mord-Fall verwickelt, bei dem es um das verschollene Tagebuch des von ihm verehrten Autors Arthur Conan Doyle und um einige berühmte Fälle von Sherlock Holmes geht.

Graham Moore spielt geschickt mit Fakten und Fiktion, sowohl in der Vergangenheit als auch im Gegenwartsplot. Abwechselnd und wie bei einem komplizierten Puzzle ergeben sich die Zusammenhänge um den leicht arroganten und etwas kauzigen Schriftsteller Doyle, der sich wie sein berühmter Detektiv mit der Dummheit der Scotland Yard-Beamten herumschlägt und mit verärgerten Lesern seiner Romane zu tun hat, und um den tölpelhaften und eher unbedarften Harold, der bei den Ermittlungen liebenswert, wenn auch oft ungeschickt, voranschreitet und sich selbst übertrifft. 
Mit feinem Witz, spannend und mit großer Lust an Fabulieren bietet Graham Moore dem Leser seine Geschichte dar, die nicht tiefsinnig, aber dafür durchaus unterhaltsam ist.

Mir gefiel der historische Bezug zu realen Figuren und die Krimigeschichte ganz ausgezeichnet, etwas weniger spannend fand ich hingegen den Gegenwartsteil, weshalb ich einen Stern in der Bewertung abziehe. Doch lesenswerte Unterhaltung ist das Buch auf jeden Fall.



Graham Moore
Der Mann, der Sherlock Holmes tötete
Roman Hardcover, 480 Seiten
Erschienen im Eichborn Verlag
Februar 2019
ISBN 978-3-8479-0038-2
Preis 22 €

10. März 2019

Sprachgewaltige Melancholie





Düster und melancholisch ist Lars Myttings neues Buch „Die Glocke im See“, das Auftakt einer Norwegischen Familiengeschichte ist. Historisches und Mystisches gepaart mit einem Sittengemälde des ausgehenden 19. Jahrhunderts in einem abgelegenen Tal ergeben eine höchst interessante Mischung.

Im Winter 1880 ist es in der uralten Stabkirche von Butangen für die Gemeinde zu eng und so kalt, dass eine alte Frau beim Neujahrsgottesdienst erfriert. Daher verkauft der junge Pastor Kai Schweigaard die Kirche, wie so viele andere Norwegische Gemeinden auch, mitsamt allen Inventars. Dazu gehören auch zwei Glocken, die ein Vorfahr der seit gut 400 Jahren ortsansässigen Familie Hekne einst der Gemeinde spendete, und in die damals nicht nur das komplette Tafelsilber der Familie mit gegossen wurde, sondern um die sich mystische Legenden von zwei Zwillingsmädchen und ihrer Mutter ranken. Die Glocken läuten angeblich von selbst bei Gefahr für die Gemeinde, und haben dank des Silbers einen außergewöhnlichen Klang. Der Junge Pfarrer, kein Anhänger alter Bräuche und Mythen, stößt auf Widerstand, als der Verkauf der Kirche bekannt wird, besonders bei Astrid, der stolzen ältesten Tochter vom Hekne-Hof. Ein junger Architekt aus Dresden reist im Auftrag des Sächsischen Königshofes nach Butangen, um Zeichnungen der Kirche anzufertigen und ihren Abbau dort zu organisieren und den Transport nach Deutschland zu überwachen. Astrid verliebt sich in Gerhard, fühlt sich aber auch zu Kai Schweigaard hingezogen und versucht gleichzeitig, die Glocken für die Gemeinde zu retten.

Lars Mytting erzählt in unglaublich bildhafter Sprache vom Leben im ausgehenden 19.Jahrhundert, von am Hang klebenden kargen Höfen, von Kälte, Hunger und Armut und der extremen Rückständigkeit. Die Christianisierung war im damaligen Norwegen zwar weit fortgeschritten, Pastoren hatten ihren festen Platz, aber der Aberglaube und die mystischen Schaudergeschichten beherrschten das ländliche Leben. Im Roman wird genau das durch die Person des fortschrittlichen Pfarrers Kai transportiert, der versucht gegen alte Bräche anzukämpfen und dabei wenig Verbündete findet. Astrid stellt eine der wenigen in Butangen dar, die klar und fortschrittlich unkompliziert denkt und aufgeschlossene Ansichten hat, sehr untypisch für eine Frau der damaligen Zeit ihre Meinung äußert. Dennoch ist sie in den Legenden und Bräuchen ihres Umfeldes verwurzelt und sträubt sich gegen das Karrieretum, das Kai verkörpert.

Höchst interessant finden sich im Buch viele Details zur Geschichte der Stabkirchen, von denen tatsächlich viele verkauft, abgebaut und andernorts wieder aufgebaut wurden. Der damit verbundene schale Beigeschmack des Deutschtums zwecks Bewahrung und Hochhaltung germanischer Wurzeln im Norden, das sicherlich der Auslöser für die damalige Euphorie für die alten Stabkirchen gewesen ist, wird hervorragend und gänzlich ohne den oft so störend erhobenen Zeigefinger serviert. 
Es war mir übrigens beim Lesen ein großes Vergnügen, mich mit einzelnen im Roman erwähnten alten Norwegischen Kirchen näher zu befassen.

Diese großartige, spannende, von Melancholie und Mystik überstäubte Geschichte, die mir im Hinblick auf das alte Norwegen tiefe Einblicke gab, mit feinsinnigem Humor und sehr bildhafter Sprache geschrieben, kann ich nur empfehlen zu lesen. Weise und traurig, gewebt wie ein Teppich der sagenhaften Hekne-Schwestern, ist das Unglück und die Tragik gerade noch auszuhalten, durchzogen von glücklichen Momenten. Ich freue mich schon sehr auf den nächsten Teil.


Lars Mytting
Die Glocke im See
Roman, Hardcover, 482 Seiten
Erschienen im Januar 2018
Verlag: Insel
ISBN 978-3-458-17763-0

Preis 24,00 €