6. November 2016

Rezension zu "Golden Boy" von Aravind Adiga


Ein Blick hinter die Kulissen

Der Indische Journalist und Autor Aravind Adiga, der mit seinem Roman "Der weiße Tiger" den renommierten Man Booker Price 2008 gewann, hat in seinem neuesten Buch den Nationalsport Indiens - Cricket - thematisiert. 
Er verknüpft die Heilige Kuh Indiens mit dem gesellschaftskritischen Bild der Gegenwart dieses Landes, das keinesfalls zum schillernden Bollywood passen will. 

Mit satirischer, fast schelmenhafter Erzählart bowlt der Kosmopolit Adiga in schneller Abfolge literarische Bälle auf den Leser, die mich getroffen und betroffen gemacht haben, lachen ließen und mir großes Vergnügen bereitet haben. 

Der Zugang zum Roman ist nicht leicht. 
Als Kontinentaleuropäer hatte ich vor der Lektüre keine Ahnung von Cricket. Und auch in Bezug auf die Gesellschaft im heutigen Indien, insbesondere über den Rummel um den Nationalsport - über die Talentscouts, Wettbetrüger, windigen Geschäftemacher, ehrgeizigen Familien, die ihren Jungen durch Cricket gesellschaftlichen Aufstieg verschaffen wollen, Cricket-Gottheiten und Cricket-Clubs und deren Gepflogenheiten, bin ich nicht gut informiert. 

Doch die Mühe beim Einstieg hat sich sehr gelohnt und ich konnte einen grandiosen Entwicklungsroman über die Jugend der beiden Brüder Manju und Radha verfolgen. 

Indien, so der Autor im Anhang, kennt eigentlich nur zwei Religionen: Kino und Cricket. 
Nach der Lektüre bin ich geneigt, das zu glauben. 
Es gibt geheime Verträge mit Göttern, Hindu-Gottheiten und deren Tempel, in denen für den Erfolg im Cricket gebetet und geopfert wird, fast an Gebete erinnernde Rituale zu Beginn des Auftritts eines Schlagmannes auf der Pitch (der rechteckige innere Bereich eines Cricket-Spielfeldes), Gelübte für die Keuschheit zur Unterdrückung niederer Instinkte als Garant für den Aufstieg als Cricket-Star. 
Der Mythos lockt Jungen zum Aufstieg aus indischen Slums in ein besseres Leben, 
aus Schulmannschaften werden Spieler für die Indische Nationalmannschaft dieses einstigen Sportes der Oberschicht gewählt. 
Young Lions werden zu Cricketlegenden, Jungen aus der Provinz und aus armen Stadtteilen von Mumbai sind die hungrigsten und ehrgeizigsten, werden von Familie und Nachbarn gefördert, gefeiert und verehrt. 

Aravind Adiga erzählt die Geschichte zweier Brüder aus Dahisar, einem Slum in Mumbai, 
die von ihrem ehrgeizigen und verrücktem Vater Mohan Kumar ohne Einhaltung irgendwelcher Schamgrenzen zu Cricket-Schlagmännern herangezüchtet werden und auf dem Weg nach oben sind. 
Auf dem älteren Radha liegen alle Hoffnungen und Wünsche des Vaters und er wird bevorzugt gefördert, der jüngere und talentiertere Manju lernt und trainiert gemeinsam mit seinem Bruder widerspruchslos, eisern und diszipliniert, so dass er selbst mit gebrochenem Daumen auf der Pitch bleibt und Bälle weiterschlägt, als sei nichts gewesen. 
Manju stellt alle Bedürfnisse und Wünsche hintenan und verleugnet seine Persönlichkeit für den Erfolg, als dieser in Form eines windigen Förderers und Ivestors an die Tür klopft. 
Die Verhandlungen über die Finanzierung und Unterstützung von Radha und Manju zwischen Vater, Talentscout und Investor erinnern an einen Viehmarkt. 

Manju bekommt seine Cricket-Laufbahn, aber zu einem hohen Preis. Er gibt seinen Traum vom Studium der Naturwissenschaften auf genau wie er seine homosexuelle Neigung komplett unterdrückt, um Erfolg im Cricket haben zu können. 
Und der ältere Bruder Radha bleibt auf der Strecke, weil er es nicht schafft, die an ihn gestellten Erwartungen zu erfüllen, auf die schiefe Bahn gerät und nicht wieder zurück finden kann. 

Die beiden Brüder Manju und Radha sind sehr aufmerksam gezeichnete und komplexe Charaktere, die eindrücklich durch die Nebenfiguren unterstrichen werden. Die wichtigste dabei ist Manjus Freund Javed. Er ist fast ein ins Gegenteil gekehrtes Bild des jüngeren Bruders. Javed stammt aus reicher Familie, muss nichts beweisen, steht zu seiner Homosexualität und will auch Manju dazu bringen, sich seinen Neigungen und Wünschen zu stellen.
Er setzt Manju in einer Gesellschaft, in der Homosexualität unter Strafe steht, damit gehörig unter Druck, dem dieser nicht standhält und in den Schoß des Cricket zurück kehrt. 

"Ich kenne eigentlich niemanden, der Cricket schätzt. Ich meine, Lunchpause! Spiele, bei denen Lunchpausen üblich sind, sollte man nicht als Sport bezeichnen." 

Cricket ist zwar das Feld, auf dem der Roman angesiedelt ist, doch es geht um weit mehr als um den Sport. Cricket selbst ist der Schauplatz der Doppelmoral der indischen Gesellschaft, gibt Platz für den Zwist zwischen Tradition und Moderne, für soziale und gesellschaftliche Verbandelungen und Brüche. Aravind Adiga räumt mit Bezug auf das beliebte Spiel auf und hat den Daumen der Kritik tief in der Wunde, zum Beispiel auf Seite 116: 
"...Wissen sie, wir sitzen auf einer Zeitbombe: Weil Mädchen im Mutterleib getötet werden, fehlen unserer Bevölkerung ungefähr zehn Millionen Frauen....... Ich prophezeie ihnen, dass junge indische Männer zunehmend geistesgestört werden, weil sie keine Frauen zum Heiraten finden, und nicht einmal welche, mit denen sie sich paaren können. ...Nur eines kann uns vor diesem geballten bösartigen Hindu-Testosteron schützen: Cricket......". 

Das Buch strotzt von teils sehr zynischen oder schelmischen Lebensweisheiten, die nebenbei und lapidar dargeboten werden, wie auf Seite 54: 
"Rache ist der Kapitalismus der Armen: die Art und Weise, wie sie die ursprüngliche Wunde bewahren, unmittelbare Genugtuung aufschieben, die erste Beleidigung mit neuen Beleidigungen mästen, Bosheit investieren und reinvestieren und auf den perfekten Augenblick warten, um zurückzuschlagen." 

Ich empfehle das Buch allen, die keine Angst vor anspruchsvollen Romanen haben und für konzentriertes Lesen belohnt werden möchten. Auch für Nicht-Sportbegeisterte entpuppt sich das Buch als ein genialer Schmöker, der eine verrückt-tragische Familiengeschichte ohne klassisches happy end gespickt mit viel Kritik an der Indischen Gesellschaft erzählt, ich vergebe fünf Sterne.



Aravind Adiga
"Golden Boy"
Roman, gebunden, 335 Seiten
Aus dem englischen von Claudia Werner
Erschienen am 19.09.2016
ISBN 978-3-406-69803-3
21,95€

Hörbuchbewertung "Die Insel der besonderen Kinder"



Das von Simon Jäger gelesene Hörbuch "Die Insel der besonderen Kinder" ist ein gelungener Auftakt einer fantastischen Grusel-Trilogie nach der Romantrilogie von Ransom Riggs, es ist schaurig schöne Fantasy passend zur Jahreszeit.
Simon Jäger, der als Synchronstimme von Matt Damon oder Josh Hartnet bekannt ist, erweist sich als sehr gelungene Wahl, um die düstere Gruselstimmung in diesem Hörbuch gekonnt zu transportieren.

Jacob hört seit seiner Kindheit von seinem aus Polen stammenden Großvater Geschichten über ein seltsames Kinderheim auf einer Insel, in der besonderen Kinder wohlbehütet und beschützt leben, über Monster auf der Jagd nach diesen Kindern und über die Abenteuer, die der Großvater selbst dort erlebt hat, als er in dem Kinderheim aufwuchs. Als der Großvater stirbt glaubt der nunmehr 15jährige Jacob an einen Mord und meint für einen winzigen Moment, die schrecklichen Monster aus den Geschichten im Unterholz ausmachen zu können. Psychiatrische Behandlung, von Jacobs Eltern angestrengt, um dem Jungen klar zu machen, dass er sich alles nur eingebildet hat, hält Jacob dennoch nicht davon ab, an die Insel der besonderen Kinder zu glauben und sie zu suchen. Ganz allmählich hebt sich der Vorhang für Jacob und für den Hörer gleichermaßen, Mystik und Spannung beherrschen ab da die Geschichte, die Insel existiert genauso wie die Monster, die Jacob dorthin gefolgt sind.

Man begibt sich als Hörer geführt von einem hervorragenden Sprecher in ein Reich aus Fantasie, Mystik, Spannung und Witz, das eine wirklich originelle Geschichte umrahmt. Mir hat besonders der ständige Bezug zur Realität, sowohl im Hinblick auf die Handlung selbst als auch in Hinsicht auf Interpretationsmöglichkeiten für die Monster, die besondere Kinder während des Zweiten Weltkrieges weltweit verfolgten, gefallen. Es ist ein schöner Gedanke, dass ein Zufluchtsort geschaffen werden könnte, den ein Junge auch aus der heutigen Zeit heraus finden kann. Dass dort nicht alles im Frieden lebt macht die Geschichte interessanter. Natürlich gibt es Querulanten und auch neugierige Kinder, die aus der abgeschotteten Blase ausbrechen und die Welt sehen möchten. 

Ich habe das Hörbuch, das erst allmählich seine Schönheit und Spannung preisgibt und dem man aufmerksam folgen sollte, um interessante Kleinigkeiten nicht zu verpassen, sehr genossen und vergebe fünf Sterne für eine unterhaltsame und grandios gelesene Geschichte.


Ransom Riggs "Die Insel der besonderen Kinder"
Lesung mit Simon Jäger
7 Std 8 Min, 1 mp3-CD
DAV Verlag 
Erschienen im November 2016
ISBN 9783862315871
9,99€


1. November 2016

Der Kreis schließt sich



Mit "Die unsterbliche Familie Salz" legt Christopher Kloebele einen anspruchsvollen Familienschmöker vor, der die Zeit vom Ersten Weltkrieg 1914 bis zum Jahr 2015 in Deutschland anhand einer Hoteliersfamilie verfolgt.

Klappentext
Reich an Glanz und voller Schatten ist die Geschichte er außergewöhnlichen Familie Salz - in deren Zentrum das prächtige Hotel Fürstenhof in Leipzig steht. 1914 kauft es der autoritäre Herr Salz; nach einem mysteriösen Tod in der Familie wird seine Tochter, die Schauspielerin Lola, dafür verantwortlich gemacht und aus der Familie verstoßen. Lange wird sie den Fürstenhof nicht mehr betreten-weder während der Flucht mit ihren Kindern durch das Deutsche Reich noch in den 60er Jahren, als das Hotel Staatseigentum der DDR ist und Lola mit ihrer labilen Tochter Aveline in München lebt. Erst Kurt Salz, Lolas Sohn, gelingt es in einem abenteuerlichen Finale, das Hotel gleich nach der Wende 1989 in den Familienbesitz zurückzuholen. Hochbetagt regiert Lola endlich über das Hotel und über eine Familie, die immer noch tief zerrüttet ist - vom Wandel der Zeiten und den Versuchen, der eigenen Geschichte zu entkommen. Der überraschende, höchst faszinierende Roman einer höchst eigenwilligen Familie, in der sich die Schatten einer Generation auf die nächste legen - auch wenn jeder versucht, sein Leben in ein ganz neues Licht zu rücken.

Eine Familiengeschichte voller Licht und Schatten, erzählt von verschiedenen Mitgliedern der Familie und unterteilt in ebensolche Abschnitte, verfolgt im wesentlichen das Leben der Protagonistin Lola Salz, sie ein sehr langes Leben von 1905 bis 2015 lebte. Die Matriarchin der Familie ist geprägt durch ihre Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg, als sie auf sich selbst gestellt kraftvoll und mutig handelt. Aus der Kindheit trägt sie das Schweigen und die Ignoranz des Vaters gegenüber der Mutter mit sich herum und bleibt ebenso stumm ihren Kindern und ihrer Umwelt gegenüber. Sie schafft es nicht, ihren Kindern nach dem Krieg eine gute Mutter zu sein. Ihr Sohn Kurt erkennt erst sehr spät die Wahrheit und ist bis dahin ungewöhnlich eng unter der Fuchtel seiner Mutter. Aveline gleitet ab und versinkt schon als Teenager im Alkohol, so dass sie ihren Sohn Alexander nicht aufziehen kann. Kurt und auch Aveline bekommen letztlich ihr Leben nur durch Flucht weg von Lola in den Griff.

Die verschiedenen Sichtweisen auf die Geschichte ermöglichen ein rundes Bild beim Lesen und verhindern, dass man als Leser durch die Protagonistin Lola vereinnahmt und beeinflusst wird. Der Wechsel der Erzählperspektiven geben der Geschichte Spannung und Dynamik und ermöglichen die Fokussierung auf jeweils ein Familienmitglied, nämlich das jeweils erzählende, auch wenn Lola Salz in jedem der Abschnitte eine entscheidende Rolle spielt. Man erhält dadurch tiefe Einsichten in die einzelnen Charaktere, was den Roman sehr charmant macht.

Fixpunkt des Generationenromanes ist das Hotel Fürstenhof im Zentrum von Leipzig, das Freude, Leid und Begehren für jedes der Familienmitglieder bis 2015 bedeutet, bis es wieder in Familienbesitz fällt.
Ein weiteres Verbindungselement der einzelnen Erzählstränge sind Schatten, sowohl als Scherenschnitte der Mutter von Lola, die sie von jedem Familienmitglied anfertigt und Schatten, in denen sich Dinge verbergen bis hin zu Menschen, die keine Schatten haben. Mystizismus spielt hier ebenso eine Rolle wie die symbolische Bedeutung der Dunkelheit und Boshaftigkeit. Der Kreis schließt sich durch die Schatten, als Tara Jain als jüngstes Familienmitglied genau wie Lola Salz als 9-jährige einen unsichtbaren Freund hat und Schatten in ihrem Leben eine große Rolle spielen.

Ich habe die Lektüre dieses spannenden und sprachlich abwechslungsreichen Buches trotz einiger kleiner Längen sehr genossen, zähle es zu anspruchsvoller Unterhaltung und vergebe vier Sterne dafür.

Der Autor Christopher Kloeble lebt in Berlin und in Dehli, studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und erhielt 2008 den Literaturpreis der Jürgen-Pronto-Stiftung für das beste Romandebüt "Unter Einzelgängern". Neben dem Schreiben wirkte er als Gastprofessor in Cambridge und an verschiedenen Universitäten der USA. Er veröffentlichte 2012 den viel gelobten Roman "Meistens alles sehr schnell".

Christopher Kloebe
Die unsterbliche Famile Salz
Roman, gebunden
dtv Literatur
440 Seiten
ISBN 978-3-423-28092-1
22,00€
26.August 2016

4. September 2016

Rezension zu "Secret Fire. Die Entflammten"



Das Buch "Secret Fire. Die Entflammten" ist der erste Teil einer Serie und spannend geschriebenes Fantasy-Jugendbuch mit sympathischen Charakteren, einer in sich schlüssigen Handlung und leicht lesbarer und verständlicher Sprache. Auch wenn es nicht mein bevorzugtes Genre ist hatte mich die Geschichte nach kurzer Zeit durch geschickte geschriebene spannende Verwicklungen und Cliffhanger im Griff

Klappentext
Während die 17jährige Taylor alles daransetzt, ihren Traum - ein Studium in Oxford - wahr zu machen, setzt der 17jährige Sacha alles daran, das Schicksal herauszufordern, indem er sein Leben mit spektakulären Aktionen immer wieder in Gefahr bringt. Weiß er doch, dass er genau an seinem 18. Geburtstag sterben wird und keinen Tag früher. Die pflichtbewusste und etwas brave Taylor und der coole und ziemlich draufgängerische Sacha können nicht unterschiedlicher sein und doch ist ihr Schicksal unwiderruflich miteinander verbunden. Vor etlichen Jahrhunderten hat eine von Taylors Urahninnen Sachas Familie mit einem Fluch belegt, der stets den erstgeborenen Sohn trifft. Sachas Tod wird Chaos und Zerstörung auf die Erde bringen. Ein gnadenloser Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Gemeinsam versuchen sie alles, um Sachas Leben zu retten, und stellen dabei fest, dass sie nicht nur der Fluch verbindet, sondern auch ihre starken Gefühle füreinander.

Zwei Außenseiter - ein biederes Mädchen mit hochgesteckten Ziel und ein Junge am Rand der Gesellschaft und seines Lebens sind die Hauptcharaktere dieses Romans. Obwohl grundverschieden werden beim Lesen die Gemeinsamkeiten und die Verbindung zwischen den beiden zunächst nebulös, später immer klarer herausgestellt, daraus entspinnt sich eine ungewöhnliche und spannende Geschichte, der man sich als Leser kaum entziehen kann. Die Autorinnen haben wohldosiert und im für mich richtigem Maß Spannungsmomente eingebaut, die aus Zeit- und Ortswechseln, Andeutungen, Cliffhangern und Ahnungen für den Leser bestehen, so dass man beim Lesen davon regelrecht vorangetrieben wird, ohne sich jagen zu lassen.
Eine überschaubare Anzahl von handelnden Charakteren, Rückblicke in die Vergangenheit, die die Geschehnisse erklären, und eine sehr gute Nachvollziehbarkeit der Ereignisse ergeben ein insgesamt sehr gelungenes und gut lesbares Buch, das mich durchaus fesseln konnte.

Natürlich darf man beim Griff zu diesem Buch keine tiefschürfende Lektüre erwarten, sondern eher spannende und teilweise wirklichkeitsferne oder verträumte Unterhaltung mit Heldinnen und Helden, die bestenfalls den Atem aufgrund ihrer ungewöhnlichen Fähigkeiten stocken lassen und sich moralisch-gesellschaftlich korrekt und mitfühlend trotz ihrer Superfähigkeiten verhalten, Familie brauchen und lieben und sich nichts anderes als Normalität wünschen. Genau diese Erwartungen erfüllt der Roman, weshalb ich eine Empfehlung zum Lesen mit vier Sternen gebe.

C.J. Daugherty war vor ihrer erfolgreichen Autorenlaufbahn Gerichtsreporterin. Die international erfolgreiche Serie "Night School" stammt aus ihrer Feder.
Die Co-Autorin Carina Rozenfeld ist eine in Frankreich bekannte Autorin von Fantasyromanen und schreibt seit ihrem 9. Lebensjahr.


C.J. Daugherty, Carina Rozenfeld
Secret Fire. Die Entflammten
Fester Einband, 448 Seiten
Verlag: Oetinger
ISBN 9783789133398
Erschienen August 2016

    2. September 2016

    Rezension zu "Justins Heimkehr" von Bret Anthony Johnston


    Das Buch "Justins Heimkehr" beginnt dort, wo andere Bücher aufhören, nämlich mit der Heimkehr eines Entführungsopfers. Es beschreibt die emotionale Ausnahmesituation innerhalb einer nach außen hin intakten Familie, die zuerst mit der Entführung und später mit der Heimkehr eines ihrer Söhne umgehen muss. Dass der Autor dabei völlig ohne reißerische Effekte, ohne Voyerismus in Nahaufnahme zur Entführung selbst auskommt und dennoch Spannung schafft, macht dieses Buch so aufregend anders verglichen mit Büchern, die sich mit der Thematik Entführung befassen.

    Klappentext
    Mit psychologischem Feingefühl und sehr spannend erzählt Bret Anthony Johnston in seinem Debütroman von einem Familie unter Schock. Vor vier Jahren ist Justin Campbell, damals zwölf Jahre alt, entführt worden. Seine Eltern und sein Bruder, die nie aufgehört haben, nach ihm zu suchen, haben unterschiedliche Wege gefunden, mit diesem Erlebnis umzugehen. Wege, die die Familie eher auseinanderdriften lassen. Da wird Justin wie durch ein Wunder ganz in der Nähe entdeckt und seinem Entführer entwunden - der inzwischen 16-Jährige kehrt in die Familie zurück. Aber ist der Wiedergefundene nicht doch verloren? Und was geschieht mit dem Täter, der vor Gericht gestellt wird und auf "nicht schuldig" plädieren will?
    Bret Anthony Johnston zeigt sich in diesem Roman als hochbegabter, raffinierter und klüger Erzähler, der glaubwürdige und faszinierende Charaktere zeichnen kann und ohne Effekthascherei ins Herz der Dinge vordringt.

    Die Familie, nach außen hin und auf den ersten Blick intakt, muss Zerreißproben bestehen, zunächst die Entführung, bei der die Unfähigkeit der Familienmitglieder zur Kommunikation, zum gemeinsamen tröstlichen Weiterleben und gemeinsamen Hoffen vorherrscht. Vater Eric und seine Frau Laura erfinden für sich Mechanismen, um dem Alltag zu entfliehen und wenig Berührungspunkte zu haben, der jüngere Sohn Griffin versucht ebenso allein seinen Weg zu finden, ohne Elterliche Hilfe. Obwohl alle gemeinsam hoffen und Justin nie aufgeben, obwohl die kleinstädtische Gemeinschaft die Familie in Watte packt und durch hilfsbereite Gesten versucht, die Verzweiflung zu mindern, kann man als Leser dank dem Blick hinter die Fassade das Alleinsein der einzelnen Familienmitglieder deutlich spüren. Sprachlich unterstreicht der Autor dies extrem geschickt, indem kaum Dialoge stattfinden sondern lediglich Gedanken und die Gefühlswelt der zurückgebliebenen Mitglieder der Familie Campbell aufgezeigt wird.

    Nach der erlösenden Nachricht, dass Justin gefunden wurde und er heimkehren kann, löst sich dieser Knoten nicht. Weder Leser noch die Familie erfahren, was Justin in den vier Jahren seiner Entführung zustieß, und das ist für das Buch auch nicht wichtig. Wesentlich ist der Umgang mit der Rückkehr, das Zurückfinden in den Alltag und das Glück, wobei das Handeln der Familie oft sehr aufgesetzt und gestelzt statt glücklich wirkt. Das Unwissen um die Entführung und der auch für den Leser nicht greifbare Charakter Justins schwebt wie eine dunkle Wolke über allem, über der Kommunikation, über der Liebe untereinander, über dem Umgang mit Alltäglichem.

    Extrem zugespitzt wird die Situation dadurch, dass Justins Entführer seine Tat nicht zugibt und zunächst auf Kaution frei kommt. Diesem enormen Druck können die Campbells nicht problemlos standhalten, das zerbrechliche Familienglück steht erneut auf dem Prüfstand.

    Das Buch lebt von subtiler Dramatik mit Cliffhangern an den Kapitelenden, von Verwirrspielen für die Familie und für den Leser, von der feinen und aufwändigen Zeichnung der Charaktere, die sich oft erst beim zweiten Hinsehen wirklich offenbaren, und von der Nachvollziehbarkeit und Authentizität des Geschehens in einer texanischen Kleinstadt. Dass man als Leser keinen Zugriff auf Justins Gedanken sondern nur auf seine Handlungen hat, finde ich ganz besonders gelungen. Man fühlt sich dadurch ein wenig wie ein Mitglied der Familie Campbell, die Justin ebenso wenig verstehen oder mit ihm kommunizieren können.

    Viele kleine Details, teilweise cineastische Beschreibungen, hervorragend transportierte Gefühle, und eine Sprache, bei der jeder Satz passt und keiner zuviel ist, sorgen für ein großartiges und unbedingt empfehlenswertes Leseerlebnis, ich vergebe fünf Sterne für dieses wirklich außergewöhnliche Buch.

    Der Autor Bret Anthony Johnston unterrichtet Fiction Writing an der Harvard University und veröffentlichte bisher einen Erzählband "Corpus Christi" (2004) und schrieb das Drehbuch zum Dokumentarfilm "Waiting for Lightning" (2012). Justins Heimkehr ist sein Roman-Debüt.

    Justins Heimkehr
    Bret Anthony Johnston
    Gebunden, 424 Seiten
    Verlag C.H. Beck
    ISBN 9783406697425
    Erschienen Juli 2016

    28. August 2016

    Rezension zu "Niemand weiß, wie spät es ist" von René Freund



    Das Buch "Niemand weiß, wie spät es ist" bietet Lesevergnügen mit sympathischen Charakteren, einer großartigen und verrückten Reise und erzählt eine Geschichte vom Suchen und Finden auf recht ungewöhnliche, melancholische und oft auch witzige Weise. Es ist kein tiefschürfender und problembehafteter Roman, sondern klug geschriebene Unterhaltungsliteratur, die nicht platt und klischeebehaftet sondern leichtfüßig und modern daherkommt und dennoch sehr sensibel mit dem Thema Verlust und Trauer umgeht.

    Klappentext
    Nora hat ihren Vater verloren. Das wäre schon schlimm genug, doch dann erfährt sie seinen letzten Willen. Sie muss Paris und ihr schönes Leben dort verlassen, um mit der Asche ihres Vaters im Handgepäck und einem pedantischen jungen Notariatsgehilfen, der ihr täglich das nächste Etappenziel mitteilt, eine Wanderung zu unternehmen - durch ein Land, das sie kaum kennt.
    Nora, die lebenslustige Chaotin, und Bernhard, der strenge Asket, folgen zwischen Regengüssen, Wortgefechten und allmählicher Annäherung einem Plan, der ihr Leben auf den Kopf stellen wird. René Freund nimmt seine Leser mit auf eine ungewöhnliche Reise. Was hinter der nächsten Wegbiegung wartet, ist immer wieder überraschend - und schließlich überraschend schön.

    Nora, die Pariser Großstadtamazone, mit dickem roten Kater, verrückten Freunden und einem gemütlichemTagesablauf wirkt auf den ersten Blick zufrieden mit ihrem Leben. Doch der Tod ihres Vaters und insbesondere sein letzter Wille reißen sie völlig aus der Bahn und zwingen sie auf eine Reise, bei der ihr verstorbener Vater manipulativ das Zepter führt und sie zum Nachdenken und zur Änderung ihrer Sichtweise zwingt.

    Als Leser verfolgt man das Geschehen teils amüsiert, teils verständnislos und Kopfschüttelnd, teils mit Tränen in den Augen wegen der Liebe und Melancholie, die besonders in den vom Vater hinterlassenen Briefen zum Ausdruck kommt. Es ist eine wirklich wundervolle Reise auf dem Weg zur letzten Ruhe zum einen und auf dem Weg des Sinnfindens und zurück ins Leben zum anderen. Die beiden Hauptcharaktere Nora und Bernhard nähern sich auf ihrem fast pilgerhaftem Fußweg einander an, öffnen sich, streiten sich und raufen sich letztendlich zusammen, obwohl sie anfangs grundverschieden erscheinen. Nora wächst über sich hinaus und beginnt, Dinge mit veränderter Sichtweise zu sehen.

    Der Stil ist teils von sanfter Melancholie, teils von überschwänglicher Lebensfreude geprägt. Man wird als Leser auf angenehmste Weise hin und hergeschickt zwischen witzig und profanen Situationen und tiefsinnigen, philosophischen und emotionalen Gedanken und Dialogen. Doch alles ist rund, passt sehr gut und liest sich sehr flüssig.

    Jedoch habe ich einen Kritikpunkt an der Umsetzung am Ende des Buches. Hier verliert die Geschichte in meinen Augen ein wenig an Glaubwürdigkeit, die Nachvollziehbarkeit von Noras und Bernhards Handeln geht für mich verloren, als beide mit einer völlig überraschenden Tatsache konfrontiert werden und sehr leichtfüßig darüber hinweggehen.
    Doch das wird aufgewogen von einem wirklich wunderbarem Ende, nach einer Achterbahn der Gefühle trieb mir der letzte Brief von Noras Vater die Tränen in die Augen und ließ mich mit einem dicken Kloß im Hals das Buch zuklappen.

    Ich gebe eine unbedingte Empfehlung für Leser, die gute, überraschende, witzige und emotionale Unterhaltung lieben. Das Buch bewerte ich mit vier Sternen.

    René Freund lebt und arbeitet als Autor und Übersetzer im Almtal. Er studierte Philosophe, Theaterwissenschaft und Völkerkunde, arbeitete als Dramaturg am Theater in Josefstadt und hat bereits mehrere Romane veröffentlicht.


    Niemand weiß, wie spät es ist
    René Freund
    Fester Einband, 272 Seiten
    Verlag: Zsolnay, Paul
    ISBN 9783552063266
    Erschienen Juli 2016

    Rezension zu "Interview mit einem Mörder" von Bernhard Aichner



    Der vierte Teil der mittlerweile als Kult und Geheimtipp gehandelten Krimiserie um den Totengräber Max Broll ist der erste Band diese Reihe, den ich gelesen habe. Im knappen Stil und mit hohem Tempo wird man auch als Nichtkenner der Serie mitten ins Geschehen katapultiert, eine überschaubare Anzahl von Personen erleichtern die Verfolgung und Konzentration auf die Handlung und deren Hintergründe. Und vor allem: Max Broll ist kein geschiedener, problembehafteter, dem Selbstmord näher und völlig ausgebrannter Ermittler, sondern ein im wesentlichen zufriedener "normaler" Mensch.

    Klappentext
    Ein friedlicher Sommertag, ein Fest auf dem Dorfplatz: Der Ex-Fußballstar Johann Baroni feiert die Eröffnung seines neuen Würstelstandes. Da fällt plötzlich ein Schuss - und Baroni sinkt leblos zu Boden. Totengräber Max Broll ist verzweifelt: Sein bester Freund darf nicht sterben!
    Während Baroni im Krankenhaus um sein Leben kämpft, tut Max alles, um den Schützen zu überführen. Denn er hat gesehen, wer auf Baroni geschossen hat. Doch der vermeintliche Täter entpuppt sich als harmloser Tourist. Es gibt kein Motiv, keine Tatwaffe, keine weiteren Zeugen - die Polizei hält den Mann für unschuldig, niemand schenkt Max Glauben. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen und sich an die Fersen des Mörders zu heften. Eine rasante Verfolgungsjagd beginnt, die Max bis auf ein Kreuzfahrtschiff im Mittelmeer führt.
    Geniale Dialoge, überraschende Wendungen - auch in seinem vierten Max-Broll-Krimi zieht Bernhard Aichner seine Leser in einen atemberaubenden Sog. Hochspannung bis zur letzten Seite!

    Das Buch hat mich blitzschnell in seinen Bann gezogen, durch knappe Sätze wird enormes Tempo vorgelegt, die oft fast stichpunktartig gegebenen Eckdaten zur Vergangenheit der Figuren schließen auch Neuleser der Serie nicht aus und die Geschichte selbst baut als Mischung aus traditionellem Kriminalroman mit Ermittler, den man als Leser begleitet, und Psychothriller enorme Spannung auf. Dazu ein paar liebenswert schrullige Charaktere wie ein kiffender afrikanischer Dorfpfarrer, ein ehemaliger Fußballstar und Max Broll selbst, der zunächst wie ein Stier losstürmt, später in althergebrachter Manier mit Psychologie und kriminalistischem Geschick dem Täter auf die Schliche kommt und Fallen stellt - und der Krimi ist perfekt.

    Als Leser bewegt man sich an der Seite von Max Broll und teilt seine Verdächtigungen im Hinblick auf Täter und Tathergang, ebenso seine Beobachtungen und Zweifel, gibt sich mit ihm der Obsession hin und versinkt gemeinsam mit ihm fast rettungslos in der aufreibenden Verfolgungsjagd des Verdächtigten und in den Gesprächen mit ihm. Ich finde, das ist enorm clever und sehr gut geschrieben, manipulativen für Max und den Leser gleichermaßen, ständig zweifelnd aber dennoch vorantreibend.

    Die Jagd findet ein fulminantes und für mich unerwartetes Ende im traditionellen Stil, dass der Ermittler die Tat in allen Einzelheiten aufdeckt und dem Publikum zur Schau stellt, wenn auch mit ungewöhnlichen Mitteln und mit einem As im Ärmel. Ein ganz klein wenig zu glatt in Richtung "Ende gut - alles" gut verlief mir die Handlung jedoch ganz am Schluss des Buches, weshalb ich "nur" vier Sterne vergebe, aber dennoch eine unbedingte Leseempfehlung ausspreche für Liebhaber guter Krimilektüre.

    Bernhard Aichner
    Interview mit einem Mörder
    Gebundene Ausgabe
    Haymon Verlag
    ISBN 9783709971338
    Erschienen Juli 2016