13. März 2026

Oppenheimer

Bildquelle: Ullstein Verlag

Die Biografie Oppenheimer von Kai Bird und Martin J. Sherwin ist weit mehr als eine klassische Lebensbeschreibung. Sie liest sich stellenweise wie ein politischer Thriller, der die dramatischen Spannungen des 20. Jahrhunderts in der Figur des Physikers J. Robert Oppenheimer bündelt. 

 Mit erzählerischer Präzision und beeindruckender Detailfülle zeichnen die Autoren den Lebensweg jenes Wissenschaftlers nach, der als wissenschaftlicher Leiter des Manhattan-Projekts maßgeblich an der Entwicklung der Atombombe beteiligt war. Ein zentraler Schwerpunkt des Buches liegt auf eben dieser Phase: der fieberhaften Forschung, den moralischen Dilemmata und der ungeheuren politischen Tragweite der neuen Waffe. Dabei gelingt es Bird und Sherwin, die wissenschaftlichen, militärischen und persönlichen Konflikte gleichermaßen nachvollziehbar zu machen. 

 Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet Oppenheimer zunehmend in Konflikt mit der amerikanischen Politik. Seine kritische Haltung zur nuklearen Aufrüstung und sein Eintreten für internationale Kontrolle der Atomwaffen führten schließlich zu politisch motivierten Untersuchungen und unfairen Anhörungen, die seinen Ruf beschädigten. 

 Die Biografie ist hervorragend recherchiert und reicht inhaltlich weit über den Umfang der bekannten Verfilmung hinaus, die von Christopher Nolan eindrucksvoll und nahezu cineastisch umgesetzt wurde. Zugleich bleibt das Buch frei von jeglichem Hollywood-Kitsch. 

 Wer sich der komplexen Persönlichkeit Oppenheimers ernsthaft nähern möchte, findet hier eine ebenso fesselnde wie äußerst empfehlenswerte Lektüre. 


 Titel: Oppenheimer
 
 Autoren: Kai Bird, Martin J. Sherwin
 
 Ausgabe: Taschenbuch
 Seitenzahl: 832 Seiten
 
 Verlag: Ullstein
 
 Erscheinungsdatum: Juni 2023
 
 ISBN: 978-3-548-06747-9
Preis: 18,99 €

Trinker, Cowboys, Sonderlinge

 
Bildquelle: Klett-Cotta Verlag

Mit Trinker, Cowboys, Sonderlinge – Die 12 seltsamsten Präsidenten der USA legt Ronald D. Gerste ein ebenso amüsantes wie irritierendes Panorama der amerikanischen Präsidentschaft vor. Der Autor widmet sich jenen Staatsoberhäuptern, die weniger durch staatsmännische Gravitas als durch Exzentrik, Eigensinn oder menschliche Abgründe in Erinnerung geblieben sind. In zwölf pointierten Porträts führt Gerste durch Episoden politischer Kuriositäten, persönlicher Schrullen und historischer Absurditäten.

Dabei verbindet er historische Detailkenntnis mit erzählerischem Gespür. Die Kapitel lesen sich flüssig und unterhaltsam, ohne in bloße Anekdotenhaftigkeit abzurutschen. Vielmehr entsteht ein facettenreicher Blick auf die politische Kultur der Vereinigten Staaten – mitsamt ihren Widersprüchen, Eitelkeiten und gelegentlichen Skurrilitäten.

Allerdings trägt dieses Buch mitnichten dazu bei, Vertrauen in die US-amerikanische Politik zu gewinnen. Im Gegenteil: Die geschilderten Charaktere und Episoden lassen den Leser bisweilen staunen, welche Persönlichkeiten den Weg ins höchste Amt des Landes gefunden haben. Gerade deshalb wirkt die Lektüre, insbesondere vor dem Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen, erstaunlich gegenwärtig.

Wer jedoch über die nötige Portion Galgenhumor verfügt, wird großen Gewinn aus diesem Buch ziehen. Denn Gerstes Porträts sind ebenso lehrreich wie unterhaltsam – eine historische Reise durch die sonderbaren Seiten präsidialer Macht.

Buchdetails

Titel: Trinker, Cowboys, Sonderlinge – Die 12 seltsamsten Präsidenten der USA
Autor: Ronald D. Gerste
Verlag: Klett-Cotta
Erscheinungsdatum: Januar 2020
Seitenzahl: 288 Seiten
ISBN: 978-3-608-96433-5
Preis: 22,00 € (gebundene Ausgabe)

Tiefgründiger Rundumschlag

 

Bildquelle: Verlag Klett-Cotta

Bernadine Evaristos Roman Mr. Loverman ist ein ebenso kluger wie vergnüglicher Blick auf Liebe, Identität und gesellschaftliche Konventionen. Im Zentrum steht der über siebzigjährige Barry, ein charmanter Dandy mit karibischen Wurzeln, der seit Jahrzehnten ein geheimes Leben führt: Nach außen gibt er den eleganten, selbstbewussten Ehemann, doch tatsächlich liebt er seit seiner Jugend seinen besten Freund Morris. Diese Spannung zwischen gesellschaftlicher Rolle und persönlicher Wahrheit bildet den emotionalen Kern des Romans.


Evaristo gelingt es, mit großer sprachlicher Leichtigkeit und zugleich präziser Beobachtungsgabe ein vielschichtiges Panorama aus Ehe, Lüge, Sehnsucht und Selbstbehauptung zu entfalten. Besonders höchst vergnüglich ist, wie die Autorin mit ihrer lässigen Flapsigkeit zum Rundumschlag gegen aller Konventionen ausholt – und das auch noch mit einer gehörigen Portion kluger Witzigkeit, Zynismus und komödiantischer Abgedrehtheit. Ihr Ton ist frech, rhythmisch und voller pointierter Dialoge.


Doch hinter der humorvollen Oberfläche verbirgt sich eine ernsthafte Reflexion über Generationenkonflikte, Migrationserfahrungen und die Schwierigkeit, ein Leben lang gegen gesellschaftliche Erwartungen anzuleben. Gerade darin liegt die große Stärke des Romans.


Evaristo verbindet bissigen Humor mit feiner Menschenkenntnis. So entsteht ein Roman, der gleichermaßen unterhält und berührt – warmherzig, respektlos gegenüber Konventionen und zugleich überraschend tiefgründig.


Mr. Loverman
von Bernadine Evaristo
Roman, gebunden, 334 Seiten
Erschienen bei Tropen
im Februar 2023
ISBN 978-3-608504897
25 €

12. März 2026

Tröstlicher Roman über das Altern

 

Bildquelle: Rowohlt Verlag

Das neueste Werk von Stewart O’Nan „Abendlied“ befasst sich mit dem Altern und ist, wie alle seine Romane bisher für mich, ein Buch, das ist nicht weglegen konnte. Stilistisch angenehm zu lesen, thematisch auf den ersten Blick ernst und vielleicht ein bisschen langweilig, auf den zweiten Blick spannend und letztlich für mich tröstlich begegneten mit die vier Frauen des Humpty-Dumty-Clubs in Pittsburg. Eine davon ist Emily, die schon in zwei früheren Romanen des Autors die Hauptrolle spielt und sich nun mit den Unzulänglichkeiten des Alterns auseinandersetzt.


Der Humpty-Dumpty-Club ist eine Verbindung von Frauen des Kirchenchores, die sich und ihr Umfeld unterstützen, sei es bei Alltagsaufgaben oder auch in Extremsituationen. Ein bisschen altbacken sind sie schon, die Hausfrauen mit ihren Treffen zum Bridge oder den Stickarbeiten. Da sind Thanksgiving-Dekorationen, neue schwarze Outfits für Beerdigungen und die Liebe zur Musik thematisch wichtig. Und natürlich die Sorge und das Kümmern um ihre Freunde und Bekannten, die selbst nicht mehr eine Lage sind, sich gut zu versorgen.


Doch das Buch ist kein Roman über eine Selbsthilfegruppe im Alter. Vielmehr beleuchtet Stewart O‘Nan den Umgang mit dem Älterwerden, beschreibt Gedanken und Gefühle ebenso wie körperliche Befindlichkeiten, offensichtliche und schleichende Gebrechen, die begriffen werden wollen. In atmosphärisch dichter Sprache werden kleine Abenteuer des Alltags wie z.B. ein Halloween-Umzug beleuchtet, mit realistisch klaren Blick schaut Stewart O‘Nan auf Vergänglichkeit und völlig neue, auftauchende Probleme, die das Altwerden begleiten. Und unaufgeregt wird die Trauer transportiert, wenn immer mehr Menschen aus dem eigenen Umfeld sterben. Rückblicke und Reflektionen auf der frühere Leben, das Auseinandersetzen mit Unzulänglichkeiten, die großen Veränderungen des Altwerdens stehen thematisch im Vordergrund. Hintergrundrauschen sind politische und soziale Entwicklungen,wie die Nachwehen der Corona Pandemie, die Präsidentschaft John Bidens und das Erstarken von Donald Trump.


Ich habe das Buch gerne gelesen. Die Schönheit des Alltags auch im Alter, der Trost von Freundschaften und der würdevolle Umgang mit dem Altwerden machen das Buch für mich zu einer tröstlichen Lektüre.



Stewart O‘Nan

Abendlied

Roman, gebunden, 352 Seiten

erschienen im Rowohlt-Verlag

ISBN 978-3-498007874

26 €

8. März 2026

Fabulieren gegen Rechtsdruck

 


Der Roman „Oroppa“ von Safae El Khannoussi entfaltet ein leuchtendes, vielstimmiges Panorama von Figuren, deren Wege zwischen Marokko und Europa verlaufen. Im Zentrum stehen Menschen, die sich in Migration, Erinnerung und politischer Realität bewegen – Suchende, Gestrandete und Überlebende, deren Geschichten sich über Generationen und Orte hinweg miteinander verweben.


Literarisch interessant ist vor allem, wie der Roman marokkanische Geschichte und Migrationserfahrungen in Europa miteinander verschränkt. El Khannousi nähert sich historischen und politischen Themen erzählerisch tastend, mit einer unorthodoxen, ausschweifenden Sprache. Dabei wird das vertraute europäische Selbstbild umgestülpt: Die Perspektive kommt nicht aus der gemütlichen, sicheren Mitte, sondern vom Rand. Die jüdisch-marokkanische Autorin gibt den Vergessenen, Verlierern und Flüchtenden eine Stimme – ein Ansatz, der gerade in populistischen Zeiten eine notwendige Gegenbewegung darstellt.


Allerdings führt die enorme Vielzahl an Figuren und Handlungssträngen auch dazu, dass man als Leser*in gelegentlich den Überblick verliert. Die Verflechtungen sind komplex und manchmal unübersichtlich, auch wenn sich viele lose Fäden am Ende zusammenfügen.


„Fabulieren gegen politischen Rechtsdruck“ könnte als Motto über diesem Roman stehen – und das funktioniert durchaus. Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, auch wenn ich den großen Hype darum nicht ganz nachvollziehen kann, ist doch die Perspektive bemerkenswert und lesenswert.


Oroppa

Safae El Khannoussi

Roman gebunden, 352 Seiten

Carl Hanser Verlag GmbH

Februar 2026

ISBN 967-3-446284746



4. März 2026

Im Flirren des Sommers – Viel Atmosphäre, wenig Geschichte


In „Schwarzer September“ entwirft Sandro Veronesi das Bild eines italienischen Sommers der 1970er Jahre. Im Zentrum steht ein Jugendlicher, dessen Ferien am Meer zunächst von familiären Routinen und unbeschwerter Langeweile geprägt sind. Ein tragisches Ereignis durchbricht diese Idylle und konfrontiert ihn erstmals mit Schuld und Endlichkeit. Doch weniger das Geschehen selbst als das Lebensgefühl jener Zeit bestimmt den Roman.


Spürbar werden vor allem die Gefühle und die flirrende, schwer greifbare Langeweile eines pubertierenden Jungen im heißen Sommer – erst in der Stadt, später am Meer. Abseits moderner Medien verdichtet sich der Alltag in scheinbar endlosen Nachmittagen, in Schallplatten, die immer wieder aufgelegt werden, und im Radio, das unermüdlich Sportberichte sendet. Gerade diese ausführlich geschilderten Übertragungen nehmen einen so großen Raum ein, dass sie mich ermüdeten. Zwar ist die Idee überzeugend, auf diese Weise den Lifestyle der 1970er Jahre einzufangen und atmosphärisch zu verankern. Doch die Umsetzung gerät zu breit: Die detailreiche Ausleuchtung des Ambientes überlagert die eigentliche Handlung, die sich dabei zunehmend verliert.


Manchmal kam ich mir vor wie in einer alten italienischen Seifenoper, in der weniger die Geschichte als das Ambiente im Vordergrund steht. Das hat Charme, doch es bleibt folgenlos. Für mich ist Schwarzer September daher letztlich eine nette Sommergeschichte – atmosphärisch stimmig, aber literarisch nicht nachhaltig beeindruckend.


Buchangaben:

Schwarzer September

Sandro Veronesi

Roman, gebunden, 

288 Seiten

Erschienen im Paul-Zsolnay-Verlag

Im Februar 2026

Preis 24€


19. Februar 2026

Fordernd und verführend



Mit „Schleifen“ legt Elias Hirschl einen Roman vor, der gleichermaßen intellektuell herausfordert wie erzählerisch verführt. Für mich war es das erste Buch dieses Autors – und die Lektüre hat mich, das sei vorweggenommen, außerordentlich positiv überrascht.


Hirschl entfaltet ein Gedankengebäude, das auf den ersten Blick kühn, beinahe überbordend wirkt, bei näherem Hinsehen jedoch mit beeindruckender Präzision konstruiert ist. Besonders faszinierend ist die souveräne Verknüpfung realer historischer Figuren mit erfundenen Gestalten. Diese Konstellation erzeugt eine produktive Irritation: Man beginnt, vermeintlich Vertrautes zu hinterfragen, während das Fiktive eine fast dokumentarische Glaubwürdigkeit gewinnt. Die Übergänge sind fließend, die Ebenen kunstvoll ineinander verschränkt – ganz im Sinne des Titels, der die Struktur des Romans treffend spiegelt.


Ein weiterer Höhepunkt ist für mich der geniale Zusammenhang, den Hirschl zwischen Sprache und Mathematik herstellt. Was zunächst wie zwei gegensätzliche Sphären erscheint – hier das poetisch Schillernde, dort das logisch Stringente –, erweist sich als überraschend eng verwandt. Sprachliche Muster, rhetorische Wiederholungen und narrative Rückkopplungen werden zu literarischen „Schleifen“, die an mathematische Strukturen erinnern. Dabei bleibt das Werk keineswegs trocken oder theoretisch; vielmehr entsteht ein ästhetisches Vergnügen aus der Erkenntnis, wie eng Denken, Rechnen und Erzählen miteinander verflochten sein können.


Trotz der Fülle an Ideen, Anspielungen und theoretischen Exkursen ist die Geschichte selbst erstaunlich gut zu verfolgen. Hirschl versteht es, die Komplexität seiner Gedankenwelt so zu strukturieren, dass man als Leserin oder Leser nie völlig den Boden unter den Füßen verliert. Die Erzählung trägt, auch wenn sie gedanklich in immer neue Richtungen ausgreift. Gerade diese Balance zwischen intellektueller Ambition und narrativer Klarheit macht die besondere Qualität des Romans aus.


Gleichwohl verlangt „Schleifen“ eine gewisse Bereitschaft zur Vertiefung. Wer den zahlreichen Bezügen, historischen Anspielungen und mathematischen Verweisen in aller Konsequenz nachgehen möchte, sieht sich stellenweise mit einer fast überwältigenden Materialfülle konfrontiert. Es gibt Passagen, in denen man geneigt ist, innezuhalten, nachzuschlagen, querzulesen – und dabei droht der eigentliche Lesefluss kurzzeitig ins Stocken zu geraten.


Im Fazit bleibt dennoch ein überaus positiver Eindruck. „Schleifen“ ist ein mehr als gelungenes Buch – geistreich, originell, strukturell durchdacht und erzählerisch packend. Trotz (oder vielleicht gerade wegen) seiner überbordenden Fülle entfaltet es eine nachhaltige Wirkung. Für mich als erste Begegnung mit Elias Hirschl war dieser Roman eine ebenso anspruchsvolle wie bereichernde Lektüre – und eine Einladung, weitere Werke dieses Autors zu entdecken.


Elias Hirschl: Schleifen. Roman
416 Seiten, gebunden 
Paul Zsolnay Verlag
erschienen am 27.Januar 2026
ISBN 978-3552075887
26 €