8. März 2026

Fabulieren gegen Rechtsdruck

 


Der Roman „Oroppa“ von Safae El Khannoussi entfaltet ein leuchtendes, vielstimmiges Panorama von Figuren, deren Wege zwischen Marokko und Europa verlaufen. Im Zentrum stehen Menschen, die sich in Migration, Erinnerung und politischer Realität bewegen – Suchende, Gestrandete und Überlebende, deren Geschichten sich über Generationen und Orte hinweg miteinander verweben.


Literarisch interessant ist vor allem, wie der Roman marokkanische Geschichte und Migrationserfahrungen in Europa miteinander verschränkt. El Khannousi nähert sich historischen und politischen Themen erzählerisch tastend, mit einer unorthodoxen, ausschweifenden Sprache. Dabei wird das vertraute europäische Selbstbild umgestülpt: Die Perspektive kommt nicht aus der gemütlichen, sicheren Mitte, sondern vom Rand. Die jüdisch-marokkanische Autorin gibt den Vergessenen, Verlierern und Flüchtenden eine Stimme – ein Ansatz, der gerade in populistischen Zeiten eine notwendige Gegenbewegung darstellt.


Allerdings führt die enorme Vielzahl an Figuren und Handlungssträngen auch dazu, dass man als Leser*in gelegentlich den Überblick verliert. Die Verflechtungen sind komplex und manchmal unübersichtlich, auch wenn sich viele lose Fäden am Ende zusammenfügen.


„Fabulieren gegen politischen Rechtsdruck“ könnte als Motto über diesem Roman stehen – und das funktioniert durchaus. Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, auch wenn ich den großen Hype darum nicht ganz nachvollziehen kann, ist doch die Perspektive bemerkenswert und lesenswert.


Oroppa

Safae El Khannoussi

Roman gebunden, 352 Seiten

Carl Hanser Verlag GmbH

Februar 2026

ISBN 967-3-446284746



4. März 2026

Im Flirren des Sommers – Viel Atmosphäre, wenig Geschichte


In „Schwarzer September“ entwirft Sandro Veronesi das Bild eines italienischen Sommers der 1970er Jahre. Im Zentrum steht ein Jugendlicher, dessen Ferien am Meer zunächst von familiären Routinen und unbeschwerter Langeweile geprägt sind. Ein tragisches Ereignis durchbricht diese Idylle und konfrontiert ihn erstmals mit Schuld und Endlichkeit. Doch weniger das Geschehen selbst als das Lebensgefühl jener Zeit bestimmt den Roman.


Spürbar werden vor allem die Gefühle und die flirrende, schwer greifbare Langeweile eines pubertierenden Jungen im heißen Sommer – erst in der Stadt, später am Meer. Abseits moderner Medien verdichtet sich der Alltag in scheinbar endlosen Nachmittagen, in Schallplatten, die immer wieder aufgelegt werden, und im Radio, das unermüdlich Sportberichte sendet. Gerade diese ausführlich geschilderten Übertragungen nehmen einen so großen Raum ein, dass sie mich ermüdeten. Zwar ist die Idee überzeugend, auf diese Weise den Lifestyle der 1970er Jahre einzufangen und atmosphärisch zu verankern. Doch die Umsetzung gerät zu breit: Die detailreiche Ausleuchtung des Ambientes überlagert die eigentliche Handlung, die sich dabei zunehmend verliert.


Manchmal kam ich mir vor wie in einer alten italienischen Seifenoper, in der weniger die Geschichte als das Ambiente im Vordergrund steht. Das hat Charme, doch es bleibt folgenlos. Für mich ist Schwarzer September daher letztlich eine nette Sommergeschichte – atmosphärisch stimmig, aber literarisch nicht nachhaltig beeindruckend.


Buchangaben:

Schwarzer September

Sandro Veronesi

Roman, gebunden, 

288 Seiten

Erschienen im Paul-Zsolnay-Verlag

Im Februar 2026

Preis 24€


19. Februar 2026

Fordernd und verführend



Mit „Schleifen“ legt Elias Hirschl einen Roman vor, der gleichermaßen intellektuell herausfordert wie erzählerisch verführt. Für mich war es das erste Buch dieses Autors – und die Lektüre hat mich, das sei vorweggenommen, außerordentlich positiv überrascht.


Hirschl entfaltet ein Gedankengebäude, das auf den ersten Blick kühn, beinahe überbordend wirkt, bei näherem Hinsehen jedoch mit beeindruckender Präzision konstruiert ist. Besonders faszinierend ist die souveräne Verknüpfung realer historischer Figuren mit erfundenen Gestalten. Diese Konstellation erzeugt eine produktive Irritation: Man beginnt, vermeintlich Vertrautes zu hinterfragen, während das Fiktive eine fast dokumentarische Glaubwürdigkeit gewinnt. Die Übergänge sind fließend, die Ebenen kunstvoll ineinander verschränkt – ganz im Sinne des Titels, der die Struktur des Romans treffend spiegelt.


Ein weiterer Höhepunkt ist für mich der geniale Zusammenhang, den Hirschl zwischen Sprache und Mathematik herstellt. Was zunächst wie zwei gegensätzliche Sphären erscheint – hier das poetisch Schillernde, dort das logisch Stringente –, erweist sich als überraschend eng verwandt. Sprachliche Muster, rhetorische Wiederholungen und narrative Rückkopplungen werden zu literarischen „Schleifen“, die an mathematische Strukturen erinnern. Dabei bleibt das Werk keineswegs trocken oder theoretisch; vielmehr entsteht ein ästhetisches Vergnügen aus der Erkenntnis, wie eng Denken, Rechnen und Erzählen miteinander verflochten sein können.


Trotz der Fülle an Ideen, Anspielungen und theoretischen Exkursen ist die Geschichte selbst erstaunlich gut zu verfolgen. Hirschl versteht es, die Komplexität seiner Gedankenwelt so zu strukturieren, dass man als Leserin oder Leser nie völlig den Boden unter den Füßen verliert. Die Erzählung trägt, auch wenn sie gedanklich in immer neue Richtungen ausgreift. Gerade diese Balance zwischen intellektueller Ambition und narrativer Klarheit macht die besondere Qualität des Romans aus.


Gleichwohl verlangt „Schleifen“ eine gewisse Bereitschaft zur Vertiefung. Wer den zahlreichen Bezügen, historischen Anspielungen und mathematischen Verweisen in aller Konsequenz nachgehen möchte, sieht sich stellenweise mit einer fast überwältigenden Materialfülle konfrontiert. Es gibt Passagen, in denen man geneigt ist, innezuhalten, nachzuschlagen, querzulesen – und dabei droht der eigentliche Lesefluss kurzzeitig ins Stocken zu geraten.


Im Fazit bleibt dennoch ein überaus positiver Eindruck. „Schleifen“ ist ein mehr als gelungenes Buch – geistreich, originell, strukturell durchdacht und erzählerisch packend. Trotz (oder vielleicht gerade wegen) seiner überbordenden Fülle entfaltet es eine nachhaltige Wirkung. Für mich als erste Begegnung mit Elias Hirschl war dieser Roman eine ebenso anspruchsvolle wie bereichernde Lektüre – und eine Einladung, weitere Werke dieses Autors zu entdecken.


Elias Hirschl: Schleifen. Roman
416 Seiten, gebunden 
Paul Zsolnay Verlag
erschienen am 27.Januar 2026
ISBN 978-3552075887
26 €


21. Juli 2023

Apocalypse now

 

Quelle: Verlagsseite Hanser Verlag

Apokalyptische Romane zum Thema Klimawandel gibt es reichlich, aber nur wenige schaffen es, witzig zu sein ohne das Thema der Lächerlichkeit preiszugeben.

T.C. Boyle hat den Spagat zwischen der Ernsthaftigkeit und klugem Witz in seinem neuestem Roman „Blue Skies“ bravourös gemeistert. 


Die Apokalypse wird greifbar und rückt immer näher durch sengende Hitze in Kalifornien und Überschwemmungen in Florida. Cooper, ein junger Schmetterlingsforscher, dem seine Promotion wegen drastisch schwindender Forschungsobjekte davonläuft, seine Mutter Ottilie, die brav versucht, in ihrem Haushalt klimagerecht zu essen und zu leben u d die Schwester Cat, die der Wirklichkeit mit dem Kauf eines Tigerpythons in Florida zu entfliehen versucht sind die Hauptakteure in der Geschichte als Familie. Um den wachsenden Bedrohungen stand zu halten finden die Menschen verschiedene Wege, sinnvoll und maßlos, was zu Streitigkeiten und Enttäuschung in der Familie führt. Eine Katastrophe jagt die nächste, klimatische und persönliche Katastrophen. Und das Lachen bleibt einem im Halse stecken, trotz des Witzes, wenn die Figuren durch Klimaalpträume und selbst verschuldete Tragödien stolpern, aufstehen, weiter stolpern und wieder fallen.


Der Mangel an Beziehungsfähigkeit macht es allen Familienmitgliedern zusätzlich schwer, mit den Schicksalsschlägen und mit den familiären Tragödien, zu denen Zufall und unbedachtes Handeln führen, umzugehen. Banale Konflikte stehen im Vordergrund, während die Welt untergeht. Für Cat dominiert das eigene online-Ego, illusionärer Materialismus in Form eines absaufenden Strandhauses und ihr zwiespältiges Verhältnis zum Ehemann ihre Entscheidungen. Und einerseits ist es lächerlich, wie Ottilie wochenlang mit Rezepten zu Insektennahrung experimentiert, andererseits ist ihre Hilflosigkeit angesichts der Situation, die inkonsequenten Maßnahmen und überzogener Spezizismus nicht so richtig lustig. Coopers Leben ist bestimmt von Ausgrenzung und Spott, was ihn zum pragmatischen oft fatalistischen Klimaschützer macht, der einen Böse gemeinten Nerd-Spitznamen aus der Kindheit zum Gegenstand seiner Berufswahl macht. Ausgerechnet eines seiner geliebten Krabbeltiere bereitet den Weg für seine ganz persönliche Katastrophe.


T.C. Boyle ist kein Klima- und Umweltaktivist, weshalb er die Folgen und den Umgang des Klimawandels auch nicht als solcher beschreibt. Seine eigene Art, Dinge der Lächerlichkeit preiszugeben und seinen Figuren einen Ausweg aus der Misere offen zu halten trägt auch den Text dieses Romanes, und ehrlich gesagt mag ich das genau so.

Ich habe das Buch sehr gerne gelesen - volle Empfehlung von mir.




Blue Skies

Von T.C. Boyle

Roman, 400 Seiten, gebunden

Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren

Verlag: Hanser

ISBN 978-3-445-27689-5

Preis 28€







27. August 2022

Traurig-melancholisch, berührend und zauberhaft

 



Sanft und melancholisch ist der Text, berührend und traurig die Geschichte, zauberhaft und mystisch die beschworenen Bilder des Buches „Der Duft von Eis“ von Yoko Ogawa. Dennoch brodelt es unter der Oberfläche, und wenn der zarte Schleier angehoben wird, erahnt der geneigte Leser die Brutalität, die die diskrete Zurückhaltung verdrängen möchte.


Ryoko kann nach dem Tod ihres Liebsten Hiroyuki erst trauern, wenn sie verstanden hat, warum er sich das Leben nahm. Ein begabter Parfümeur und für sie für ein glückliches Jahr die perfekte Ergänzung ihrer selbst war er. Die junge Frau fühlt sich zersplittert, nichts in ihrem Leben passt mehr und ihre Welt ist aus der Bahn geraten. Auf der Suche nach Erklärung stößt sie auf ein Leben, das sie nicht gekannt hat. Sie folgt Hiroyukis Spuren in dessen Vergangenheit, denen eines begabten Eiskunstläufers und auch denen eines großartigen Mathematikgenies. Neugierig und überrascht reist Ryoko schließlich nach Prag, um dort herauszufinden, warum sein Leben vor 15 Jahren bei einem internationalen Mathematikwettbewerb eine abrupte Wende nahm.


Viele Szenen des Romans spielen im märchenhaften Prag voller Geheimnisse, Düfte und Bilder. Japanische Kultur verwebt sich mit europäischen melancholisch-mystischen Elementen und erzeugt eine einzigartige Stimmung, die den Roman trägt. Leise und sanft sind die Figuren gezeichnet, undurchsichtig und verschleiert agieren sie. Hiroyukis Mutter zum Beispiel lebt in ihrer eigenen Welt und hat während Ryokos Suche nur einen lichten Moment, hält aber immer noch die Lebensfäden der Familie ihren unfähigen Händen. Oder Ryokos Begleiter in Prag, ein junger Tscheche, scheint mehr intuitiv als aufgrund von Wissen zu agieren. Ryoko kann sich sprachlich nicht mit ihm verständigen, er führt sie dennoch zu genau den Orten, die sie zu suchen scheint. Und dort befinden sich die Schnittstellen zwischen Realität und Imagination, zwischen dem was ist und dem was in der Vergangenheit gewesen sein könnte und zart in die Gegenwart rankt.


Das Buch hat mich berührt und gefesselt, wegen der Geschichte mit ihren vielschichtigen Aspekten und den ungewöhnlichen Gespinsten, bei denen das Ende eines Fadens zunächst im zarten Dunst verschwindet, und auch wegen der sanften zerbrechlichen Art der Sprache selbst. Ich habe noch nicht viel asiatische Literatur gelesen, und Yoko Ogawa scheint eine ganz besondere Begabung dafür zu haben, die für mich exotische Fremdartigkeit der asiatischen Kultur mit viel Liebe zu ihren Figuren in leise und spannende Geschichten voller Doppelbödigkeit zu packen. Ich möchte auf jeden Fall mehr davon lesen.


Wer moderne japanische Literatur kennt und liebt, dem ist der Name der Autorin wohl ein Begriff, schließlich  erhielt sie viele wichtige Literaturpreise und ihr letztes Buch „Insel der verlorenen Erinnerung“ stand in der englischsprachigen Ausgabe auf der Nominierungsliste für den National Book Award und den International Booker Prize.




Yoko Ogawa „Der Duft von Eis“

Roman mit Schutzumschlag, 264 Seiten, € 24,00

erschienen bei Liebeskind Verlagsbuchhandlung

am 22.August 2022

ISBN 978-3-95438-150-0


Bildquelle: www.liebeskind.de

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13. Januar 2021

wer bin ich und woher komme ich? (Gastrezension renee)

 

 


 

 

Ein wirklich interessantes Buch. Es werden mehrere Geschichten in diesem Buch erzählt. Einigen Lesern waren es zu viele Geschichten, dem kann ich aber nicht zustimmen, ich fand diese Mischung äußerst interessant und ich denke auch gerade dadurch bekommt das Buch auch seine besondere Aura/seinen so besonderen Charme. Um welche Geschichten geht es: Die Restauratorin Helen möchte sich in Jerewan den Geheimnissen armenischer Buchbindekunst widmen, gleichzeitig spürt sie aber auch den eigenen Wurzeln in Armenien und den ehemaligen armenischen Gebieten der Türkei nach und sucht nach Informationen für den Völkermord an den Armeniern und ebenso ist sie auch auf einer Suche nach sich selbst. Weiterhin wird noch eine Geschichte zweier Kinder in der Zeit des Völkermords erzählt, die über die Familienbibel wieder ihre Verbindung ins Jetzt hat. Insgesamt hat mich dieses Buch sehr neugierig gemacht, neugierig auf Armenien, neugierig auf den gesamten Kaukasus. Er ist schließlich auch eine der Wiegen der europäischen Kultur, Standort einer sehr interessanten und eigenen Kultur. Die alten Griechen reisten schließlich schon in den Kaukasus, nur waren sie nicht auf der Suche nach Löwen, sondern eher nach Schafen, bzw. nach deren veränderten Resten.

"Hier sind Löwen." Was für ein Titel! Hic sunt leones schrieb man in vergangenen Zeiten auf unbekannte Gebiete der Welt. Und in diese unbekannten Gebiete reist die Protagonistin des Buches, einerseits landschaftlich, in die armenischen Gebiete, um ihren eigenen familiären Wurzeln nachzuspüren, eine fremde Welt zu erkunden, eine schöne/interessante/melancholische Welt, von der ich sehr gern noch mehr erfahren hätte und andererseits reist sie auch in sich selbst, denkt über familiäre Geschehnisse nach und ebenso kreisen ihre Gedanken um sie selbst, ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Hat mir sehr gefallen diese Reise.

"Hier sind Löwen" ist das vierte Buch aus der Feder von Katerina Poladjan und ich bin sehr auf das gespannt, was die Autorin noch so kann.

Lesenswerte Geschichte und das vierte Buch von der Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises für mich. Unbedingt lesen!

 

 

Hier sind Löwen von Katerina Poladjan 
Roman gebunden, 288 Seiten
erschienen bei S. Fischer
am 26. Juni 2019
ISBN 978-3103973815
Preis 22 €

 

 

 

 


Etwas sentimentale Lebensbilder einer Frau, die garantiert mehr war (Gastrezension renee)

 


 

 

Hier habe ich gestern ein Buch gelesen, welches mich nicht so ganz begeistern konnte. Es erhält aber trotzdem eine höhere Bewertung, weil es spannend geschrieben ist und eine interessante Geschichte beleuchtet, zumindest wenn man sich darauf einlässt. Aber eigentlich wäre eine 3,5 Sterne Bewertung hier besser gewesen.

Allerdings lässt mich dieses Buch auch etwas fragend zurück. Um ein perfekter biographischer Roman zu sein, fehlt hier noch einiges, so lässt dieses Buch auch einiges für den hier geschilderten Teil aus Lees Leben wichtige unbeschrieben und dies finde ich nicht gut. Warum zum Beispiel wird sie Kriegsreporterin und was passierte nach der Zeit mit Man Ray bis zu ihrer Zeit als Kriegsreporterin? Und auch so ist die Person Lee Miller in meinen Augen nicht immer nachvollziehbar dargestellt. Klar, wir sind im Leben nicht immer gleich, manche unserer Entscheidungen passen nicht immer zusammen. Und gerade in der Liebe sind wir öfters Bücher mit sieben Siegeln. Aber die 1907 in Poughkeepsie in den USA geborene Lee Miller reist 1929 mit 22 Jahren in ein fremdes und fremdsprachiges Land, um dort zu leben und zu arbeiten. Dass allein verrät in meinen Augen schon eine gewisse Kraft und Stärke, die ich hier in diesem Buch, gerade in der Art und Weise wie die Liebesbeziehung mit Man Ray und gewisse damit einhergehende Entscheidungen beschrieben werden, nicht finden kann. Hier entsteht eher eine Art von Weibchen. Gut, Lee Miller bricht dann irgendwann aus diesem Schema aus, aber zusammenpassend wirkt dies alles in meinen Augen nicht. Aber dies ist eher ein subjektiver Eindruck von mir.

Die Autorin kann aber schreiben und bringt in ihrem Buch in lebendigen Bildern fraglos eine interessante Zeit zum Erscheinen, interessante Fakten zum Thema Fotografie werden vermittelt und im Großen und Ganzen habe ich dieses Buch sehr gern gelesen. Aber ich würde dieses Buch eher als ein unterhaltendes Buch, als ein hochwertig literarisches einstufen. Vielleicht wird diese Sichtweise auch durch eine gewisse Abneigung zu manchem hier geschildertem Verhalten von Lee Miller befeuert. Aber man darf auch nicht vergessen, vieles ist hier fraglos Fiktion und vielleicht habe ich mehr die Kämpferin erwartet, zumindest erschien mir dies plausibel. Aber wer ist schon immer eine Kämpferin? Manchmal lässt man sich auch einfach fallen. Nun gut. 

Andererseits haben mir hier ebenso wichtige Fakten aus Lee Millers Leben gefehlt. Ein biographischer Roman mit deutlich weniger Augenmerk auf Man Ray hätte mir hier besser gefallen. So lange war die Zeit Lee Millers mit Man Ray nicht, dass sie so prägend gewesen sein kann. Auch die hier vermittelten Aspekte zur Solarisation sind Fiktion, es ist nicht gesichert, dass es diesen Diebstahl gegeben hat. Die Zeit zwischen beiden kann auch anders gelaufen sein, vielleicht sogar ebenbürtiger. Das wissen schließlich nur die beiden Beteiligten. Denn wir dürfen hier nicht vergessen, jeder Blick auf Liebende hat auch mit der Person zu tun, die blickt.

Dass ihre Arbeit als Kriegsreporterin nicht spurlos an ihr vorbeigegangen ist, ist plausibel und historisch belegt. Und auch dieses für Lee Miller so wichtige Themas wird nur umrissen. Wie hat sie danach gelebt? Wie kam sie zu Roland Penrose? Auch hier hätte noch ganz anders gearbeitet werden können. Schade!

 
 
Die Zeit des Lichts von Whitney Sharer
Roman gebunden, 392 Seiten
erschienen bei Klett-Cotta
am 26. Oktober 2019
ISBN 978-3608963403
Preis 22 €