16. Oktober 2026

Auge um Auge



Der Roman „Das habe ich wegen dir getan“ von John Lanchester ist eine bitterböse und hervorragend konstruierte Rachegeschichte, die es vermag, Verwirrung zu stiften und durchgehend spannend zu bleiben. Beworben wird es als Rachekomödie, was ich nur bedingt bestätigen kann. Das Buch hat auf jeden Fall sehr hohen Unterhaltungswert und ist gespickt mit kritischen Seitenhieben in Richtung Generationsunterschiede, gesellschaftliche Stellung und nicht zuletzt vorgeführtem Konformismus und Trendhoppern.


Kate und Jack führen eine erfolgreiche und augenscheinlich gute Ehe, in der es gemeinsame Rituale, liebevollen Umgang und viel Verständnis gibt. Plötzlich stirbt Jack. Kate, die versucht, mit diesem unfassbaren Verlust fertig zu werden, erfährt zu allem Überfluss durch ihre Freundinnen von einer Netflix-Serie „Betrug“, deren Dialoge mit sehr intimen Floskeln aus ihrer Ehe gespickt sind. Das lässt für Kate den einzigen Schluß zu, dass Jack sie mit einer anderen Frau betrogen hat. Für Kate bricht eine Welt zusammen und sie versinkt in Ihrem Schmerz:


„Wahnsinn. Es war so, als hätte ich all meine glücklichen Erinnerungen verloren. Ich hatte geglaubt, eine ganz bestimmte Lebensgeschichte zu haben. Eine Geschichte, die Sinn ergab.“


Danach tritt die Drehbuchautorin der Netflix-Serie auf, eine augenscheinlich blitzgescheite Frau eine Generation jünger als Kate. Und dann entspinnt sich zwischen den beiden Frauen eine imposante Rachegeschichte, die es wirklich in sich hat, und von der ich hier gar nichts verraten möchte.


Nichts in diesem Roman ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Viele anfängliche Nebenhandlungen verknüpft der Autor später geschickt in das Netz seiner Geschichte, die nicht zuletzt davon lebt zu zeigen, wie tief Egoismus, Gier und Konkurrenz in der Mitte unserer Gesellschaft verankert sind. John Lanchester zeigt, dass derlei Gelüste Denken und Handeln bestimmen und dass Menschen, die sich dem entgegenstellen, verlieren, sowohl im Ansehen anderer als auch vor sich selbst.


Wer gute Unterhaltung und eine wirklich spannende und überraschende Geschichte mit vielen gesellschaftskritischen Seitenhieben sucht, sollte dieses Buch lesen.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Die Rezension wurde ohne KI-Unterstützung verfasst.



John Lanchester

Das habe ich wegen dir getan

Roman, gebunden, 400 Seiten

Klett-Cotta Verlag

ISBN 968-3-78730-180-1

20,99 €


1. Mai 2026

Düster

Quelle: Hanser Literaturverlag

Roberto Savianos Roman Meine Liebe stirbt nicht erzählt eine erschütternde, auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte, die lange nachwirkt. Im Zentrum steht Rossella Casini, eine junge Frau, die sich während ihres Studiums in Francesco verliebt – zunächst ohne zu ahnen, dass dessen Familie tief in die Strukturen der ’Ndrangheta verstrickt ist. Als Rossella die Wahrheit erkennt, entscheidet sie sich nicht für den Rückzug, sondern versucht, Francesco aus diesem Umfeld zu lösen. Dieser mutige, aber gefährliche Versuch bringt sie in direkten Konflikt mit der Macht und Brutalität seiner Familie – mit tragischen Konsequenzen.


Saviano gelingt es eindrucksvoll, diese Geschichte mit großer Sorgfalt und fundierter Recherche zu erzählen – etwas, das man von ihm durchaus erwartet, das hier aber erneut überzeugt. Besonders hervorzuheben ist die unmittelbare Nähe, die beim Lesen entsteht: Man ist nah an den Figuren, versteht ihre Motive, Ängste und Hoffnungen. Durch die präzise Darstellung von Hintergründen und Zusammenhängen werden komplexe Strukturen greifbar, und die beteiligten Personen wirken erschreckend real und nahbar.


Ein Kritikpunkt bleibt für mich der stellenweise etwas schwülstige Schreibstil, der in italienischen Romanen häufiger anzutreffen ist und mir persönlich weniger zusagt. Saviano verzeihe ich das jedoch, da es ihm trotz dieser sprachlichen Ausuferungen gelingt, eine konstant düstere und beklemmende Atmosphäre aufrechtzuerhalten. Zudem habe ich das Buch weniger wegen seines literarischen Anspruchs gelesen, sondern vor allem wegen der eindringlichen Geschichte – insbesondere im Hinblick auf die Rolle von Frauen im Umfeld der Mafia.


Insgesamt ist Meine Liebe stirbt nicht ein bewegendes und wichtiges Buch, das durch seine inhaltliche Wucht und seine Nähe zu den realen Ereignissen überzeugt.


Buchinformationen (deutsche Ausgabe):
Autor: Roberto Saviano
Titel: Meine Liebe stirbt nicht
Ausgabe: Gebundener Roman, 256 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag
Erscheinungstermin: März 2026
ISBN: 978-3-446-27915-8
Preis:  26 €



13. März 2026

Oppenheimer

Bildquelle: Ullstein Verlag

Die Biografie Oppenheimer von Kai Bird und Martin J. Sherwin ist weit mehr als eine klassische Lebensbeschreibung. Sie liest sich stellenweise wie ein politischer Thriller, der die dramatischen Spannungen des 20. Jahrhunderts in der Figur des Physikers J. Robert Oppenheimer bündelt. 

 Mit erzählerischer Präzision und beeindruckender Detailfülle zeichnen die Autoren den Lebensweg jenes Wissenschaftlers nach, der als wissenschaftlicher Leiter des Manhattan-Projekts maßgeblich an der Entwicklung der Atombombe beteiligt war. Ein zentraler Schwerpunkt des Buches liegt auf eben dieser Phase: der fieberhaften Forschung, den moralischen Dilemmata und der ungeheuren politischen Tragweite der neuen Waffe. Dabei gelingt es Bird und Sherwin, die wissenschaftlichen, militärischen und persönlichen Konflikte gleichermaßen nachvollziehbar zu machen. 

 Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet Oppenheimer zunehmend in Konflikt mit der amerikanischen Politik. Seine kritische Haltung zur nuklearen Aufrüstung und sein Eintreten für internationale Kontrolle der Atomwaffen führten schließlich zu politisch motivierten Untersuchungen und unfairen Anhörungen, die seinen Ruf beschädigten. 

 Die Biografie ist hervorragend recherchiert und reicht inhaltlich weit über den Umfang der bekannten Verfilmung hinaus, die von Christopher Nolan eindrucksvoll und nahezu cineastisch umgesetzt wurde. Zugleich bleibt das Buch frei von jeglichem Hollywood-Kitsch. 

 Wer sich der komplexen Persönlichkeit Oppenheimers ernsthaft nähern möchte, findet hier eine ebenso fesselnde wie äußerst empfehlenswerte Lektüre. 


 Titel: Oppenheimer
 
 Autoren: Kai Bird, Martin J. Sherwin
 
 Ausgabe: Taschenbuch
 Seitenzahl: 832 Seiten
 
 Verlag: Ullstein
 
 Erscheinungsdatum: Juni 2023
 
 ISBN: 978-3-548-06747-9
Preis: 18,99 €

Trinker, Cowboys, Sonderlinge

 
Bildquelle: Klett-Cotta Verlag

Mit Trinker, Cowboys, Sonderlinge – Die 12 seltsamsten Präsidenten der USA legt Ronald D. Gerste ein ebenso amüsantes wie irritierendes Panorama der amerikanischen Präsidentschaft vor. Der Autor widmet sich jenen Staatsoberhäuptern, die weniger durch staatsmännische Gravitas als durch Exzentrik, Eigensinn oder menschliche Abgründe in Erinnerung geblieben sind. In zwölf pointierten Porträts führt Gerste durch Episoden politischer Kuriositäten, persönlicher Schrullen und historischer Absurditäten.

Dabei verbindet er historische Detailkenntnis mit erzählerischem Gespür. Die Kapitel lesen sich flüssig und unterhaltsam, ohne in bloße Anekdotenhaftigkeit abzurutschen. Vielmehr entsteht ein facettenreicher Blick auf die politische Kultur der Vereinigten Staaten – mitsamt ihren Widersprüchen, Eitelkeiten und gelegentlichen Skurrilitäten.

Allerdings trägt dieses Buch mitnichten dazu bei, Vertrauen in die US-amerikanische Politik zu gewinnen. Im Gegenteil: Die geschilderten Charaktere und Episoden lassen den Leser bisweilen staunen, welche Persönlichkeiten den Weg ins höchste Amt des Landes gefunden haben. Gerade deshalb wirkt die Lektüre, insbesondere vor dem Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen, erstaunlich gegenwärtig.

Wer jedoch über die nötige Portion Galgenhumor verfügt, wird großen Gewinn aus diesem Buch ziehen. Denn Gerstes Porträts sind ebenso lehrreich wie unterhaltsam – eine historische Reise durch die sonderbaren Seiten präsidialer Macht.

Buchdetails

Titel: Trinker, Cowboys, Sonderlinge – Die 12 seltsamsten Präsidenten der USA
Autor: Ronald D. Gerste
Verlag: Klett-Cotta
Erscheinungsdatum: Januar 2020
Seitenzahl: 288 Seiten
ISBN: 978-3-608-96433-5
Preis: 22,00 € (gebundene Ausgabe)

Tiefgründiger Rundumschlag

 

Bildquelle: Verlag Klett-Cotta

Bernadine Evaristos Roman Mr. Loverman ist ein ebenso kluger wie vergnüglicher Blick auf Liebe, Identität und gesellschaftliche Konventionen. Im Zentrum steht der über siebzigjährige Barry, ein charmanter Dandy mit karibischen Wurzeln, der seit Jahrzehnten ein geheimes Leben führt: Nach außen gibt er den eleganten, selbstbewussten Ehemann, doch tatsächlich liebt er seit seiner Jugend seinen besten Freund Morris. Diese Spannung zwischen gesellschaftlicher Rolle und persönlicher Wahrheit bildet den emotionalen Kern des Romans.


Evaristo gelingt es, mit großer sprachlicher Leichtigkeit und zugleich präziser Beobachtungsgabe ein vielschichtiges Panorama aus Ehe, Lüge, Sehnsucht und Selbstbehauptung zu entfalten. Besonders höchst vergnüglich ist, wie die Autorin mit ihrer lässigen Flapsigkeit zum Rundumschlag gegen aller Konventionen ausholt – und das auch noch mit einer gehörigen Portion kluger Witzigkeit, Zynismus und komödiantischer Abgedrehtheit. Ihr Ton ist frech, rhythmisch und voller pointierter Dialoge.


Doch hinter der humorvollen Oberfläche verbirgt sich eine ernsthafte Reflexion über Generationenkonflikte, Migrationserfahrungen und die Schwierigkeit, ein Leben lang gegen gesellschaftliche Erwartungen anzuleben. Gerade darin liegt die große Stärke des Romans.


Evaristo verbindet bissigen Humor mit feiner Menschenkenntnis. So entsteht ein Roman, der gleichermaßen unterhält und berührt – warmherzig, respektlos gegenüber Konventionen und zugleich überraschend tiefgründig.


Mr. Loverman
von Bernadine Evaristo
Roman, gebunden, 334 Seiten
Erschienen bei Tropen
im Februar 2023
ISBN 978-3-608504897
25 €

12. März 2026

Tröstlicher Roman über das Altern

 

Bildquelle: Rowohlt Verlag

Das neueste Werk von Stewart O’Nan „Abendlied“ befasst sich mit dem Altern und ist, wie alle seine Romane bisher für mich, ein Buch, das ist nicht weglegen konnte. Stilistisch angenehm zu lesen, thematisch auf den ersten Blick ernst und vielleicht ein bisschen langweilig, auf den zweiten Blick spannend und letztlich für mich tröstlich begegneten mit die vier Frauen des Humpty-Dumty-Clubs in Pittsburg. Eine davon ist Emily, die schon in zwei früheren Romanen des Autors die Hauptrolle spielt und sich nun mit den Unzulänglichkeiten des Alterns auseinandersetzt.


Der Humpty-Dumpty-Club ist eine Verbindung von Frauen des Kirchenchores, die sich und ihr Umfeld unterstützen, sei es bei Alltagsaufgaben oder auch in Extremsituationen. Ein bisschen altbacken sind sie schon, die Hausfrauen mit ihren Treffen zum Bridge oder den Stickarbeiten. Da sind Thanksgiving-Dekorationen, neue schwarze Outfits für Beerdigungen und die Liebe zur Musik thematisch wichtig. Und natürlich die Sorge und das Kümmern um ihre Freunde und Bekannten, die selbst nicht mehr eine Lage sind, sich gut zu versorgen.


Doch das Buch ist kein Roman über eine Selbsthilfegruppe im Alter. Vielmehr beleuchtet Stewart O‘Nan den Umgang mit dem Älterwerden, beschreibt Gedanken und Gefühle ebenso wie körperliche Befindlichkeiten, offensichtliche und schleichende Gebrechen, die begriffen werden wollen. In atmosphärisch dichter Sprache werden kleine Abenteuer des Alltags wie z.B. ein Halloween-Umzug beleuchtet, mit realistisch klaren Blick schaut Stewart O‘Nan auf Vergänglichkeit und völlig neue, auftauchende Probleme, die das Altwerden begleiten. Und unaufgeregt wird die Trauer transportiert, wenn immer mehr Menschen aus dem eigenen Umfeld sterben. Rückblicke und Reflektionen auf der frühere Leben, das Auseinandersetzen mit Unzulänglichkeiten, die großen Veränderungen des Altwerdens stehen thematisch im Vordergrund. Hintergrundrauschen sind politische und soziale Entwicklungen,wie die Nachwehen der Corona Pandemie, die Präsidentschaft John Bidens und das Erstarken von Donald Trump.


Ich habe das Buch gerne gelesen. Die Schönheit des Alltags auch im Alter, der Trost von Freundschaften und der würdevolle Umgang mit dem Altwerden machen das Buch für mich zu einer tröstlichen Lektüre.



Stewart O‘Nan

Abendlied

Roman, gebunden, 352 Seiten

erschienen im Rowohlt-Verlag

ISBN 978-3-498007874

26 €

8. März 2026

Fabulieren gegen Rechtsdruck

 


Der Roman „Oroppa“ von Safae El Khannoussi entfaltet ein leuchtendes, vielstimmiges Panorama von Figuren, deren Wege zwischen Marokko und Europa verlaufen. Im Zentrum stehen Menschen, die sich in Migration, Erinnerung und politischer Realität bewegen – Suchende, Gestrandete und Überlebende, deren Geschichten sich über Generationen und Orte hinweg miteinander verweben.


Literarisch interessant ist vor allem, wie der Roman marokkanische Geschichte und Migrationserfahrungen in Europa miteinander verschränkt. El Khannousi nähert sich historischen und politischen Themen erzählerisch tastend, mit einer unorthodoxen, ausschweifenden Sprache. Dabei wird das vertraute europäische Selbstbild umgestülpt: Die Perspektive kommt nicht aus der gemütlichen, sicheren Mitte, sondern vom Rand. Die jüdisch-marokkanische Autorin gibt den Vergessenen, Verlierern und Flüchtenden eine Stimme – ein Ansatz, der gerade in populistischen Zeiten eine notwendige Gegenbewegung darstellt.


Allerdings führt die enorme Vielzahl an Figuren und Handlungssträngen auch dazu, dass man als Leser*in gelegentlich den Überblick verliert. Die Verflechtungen sind komplex und manchmal unübersichtlich, auch wenn sich viele lose Fäden am Ende zusammenfügen.


„Fabulieren gegen politischen Rechtsdruck“ könnte als Motto über diesem Roman stehen – und das funktioniert durchaus. Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, auch wenn ich den großen Hype darum nicht ganz nachvollziehen kann, ist doch die Perspektive bemerkenswert und lesenswert.


Oroppa

Safae El Khannoussi

Roman gebunden, 352 Seiten

Carl Hanser Verlag GmbH

Februar 2026

ISBN 967-3-446284746