13. Januar 2021

Rückblicke (Gastrezension renee)

 


 Ein wirklich kurzweiliges Lesevergnügen ist "Goldene Jahre". Doch verstehe ich die Nominierung für den Deutschen Buchpreis hier nicht. In diesem Buch blicken die schweizerischen Kioskbetreiberinnen Margrit und Rosa-Maria auf ihre 50, nein 51 (:-)) Jahre Kioskbetrieb mit Zapfsäule in einem kleinen Ort und schildern ihre Erlebnisse mit den Kunden, wie auch ihre Sichten auf Land, Leute, Daten, Geschehnisse, Politik, Soziales und das Klima. Alles in allem ist dieses Buch sehr erfrischend, humorvoll und geistreich. Denn die beiden Damen und ihre Sichten sind zauberhaft. Aber ein Kandidat für den Deutschen Buchpreis ?!?! Dieses Buch ist in meinen Augen kluges Geplänkel. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Ich vermisse hier aber eine flüssige und ausgefeilte Geschichte mit einer Aussage. Wobei es ja Aussagen gibt. Aber mir gefällt einfach die Gesamtgestaltung des Buches in Verbindung zur Nominierung nicht. Dieses Buch ist "nur" die Unterhaltung zweier älterer Damen über ihre letzten Jahre, die wirklich ganz nett ist, durchaus. Aber geht so etwas als Roman durch, der dazu noch für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde? Das entzieht sich leider meinem Verständnis. Bitte nicht falsch verstehen. Ich habe dieses Buch sehr gern gelesen. Und auch für gut befunden. 4 Sterne sind ja auch eine sehr gute Bewertung von mir. Ich verstehe nur die Nominierung für die Longlist des Deutschen Buchpreises nicht. Denn ich denke hier hätte es deutlich bessere Kandidaten gegeben. "Metropol" zum Beispiel, um nur einen zu nennen. Schade!

 

Goldene Jahre von Arno Camenisch
Roman, gebunden 100 Seiten
Verlag Urs Engeler
erschienen am 22.April 2020
ISBN 978-3906050362
Preis  19 €

 

15. November 2020

Was Nina wusste



Frauenschicksal, Familienroman, Entwicklungsroman und eine Lektion in Europäischer Geschichte ist Davis Grossmans neuer Roman „Was Nina wusste“. Das Buch erzählt von Leid in einem totalitärem Regime, das Generationen später spürbar und greifbar ist. Und es erzählt auch davon, wie spätere Generationen einer Familie sich dem stellen und einen Ausweg für sich finden können. Davis Grossmans Roman beruht auf einer wahren Geschichte, und der Autor erzählt sie mit großem Können, sensibel und meisterhaft.


Vera Bruck feiert im großen Kreis ihren 90.Geburtstag im Kibbuz, glücklich und aufgehoben in ihrer Familie. Die Enkeltochter Gili, mittlerweile 39 Jahre alt, beschließt eine. film über Vera zu drehen. Kurz danach tritt sie eine Reise in Veras düstere Vergangenheit an, und von dieser Reise berichtet das Buch. Vera und Gili, begleitet von ihrer Tochter Nina, Raffael, dem Stiefsohn Veras aus zweiter Ehe und zugleich Vater Gilis, reisen nach Kroatien. Der Weg führt auf den Spuren von Veras Vergangenheit schließlich auf die ehemalige Gefängnisinsel Goli Otok, wo Vera unter dem Diktator Tito inhaftiert gewesen ist. Veras Leben wird aufgerollt, sie erzählt von ihrer Kindheit, von ihrer Ehe mit ihrer großen Liebe mit dem Serben Milos Novak, den die Jüdin Vera 1936 im Alter von 18 Jahren heiratete, vom Deutschen Überfall auf das jugoslawische Königreich und dem nationalsozialistischen Judenmord, der Nachkriegszeit unter Tito und der Abkehr des kommunistische. Diktators von der Sowjetunion, als die politischen Verfolgungen in Jugoslawien begannen. Vera wurde verhaftet und Milos überlebte den Terror nicht. Schließlich zog Vera mit ihrer Tochter Nina nach Israel, lernte dort im Kibbuz 1963 ihren zweiten Mann und dessen Sohn Raffael kennen.


Drei Frauengenerationen sind durch Veras Schicksal verbunden, und auf der Reise bewegen sich alle Geschichten um die Folgen des Todes von Milos, Veras über alles geliebten Ehemann. Selbst Gili, die erst Jahre nach der Tragödie zur Welt kam, lebt in diesem Schatten, denn sie war als Kind von ihrer Mutter Nina verlassen worden, und sie teilt dieses Schicksal mit ihrer Mutter Nina, die nach dem Tod von Milos und Veras Inhaftierung bei Fremden aufwuchs. Gili konnte zwar bei ihrem Vater Raffael leben, doch die beiden liebten und vermissten Nina schmerzlich. Nina lebte und lebt ein unkonventionelles nymphomanisches Liebesleben, bei dem Raffael nur der Beginn eines langen Protestweges gegen ihre Mutter Vera darstellt. 

Vier Versehrte einer zersplitterten Familie finden sich einem kleinen Citroën im heutigen Kroatien zusammen und versuchen gemeinsam, die Vergangenheit zu verstehen und sich einander zu nähern. Die alles entscheidende Frage, was Vera zu Titos Terrorzeiten passierte und warum sie Nina nicht schützen konnte, umkreisen alle Reisenden der Gruppe, und Vera stellt sich dieser Frage nur zögerlich.


Gili erzählt die Geschichte aus ihrer Sicht, als Mitglied der Gruppe, als versehrtes Familienmitglied und als Frau hinter der Kamera, die während der Reise im Jahr 2008 Aufzeichnungen macht. Sie kennt das größte Geheimnis ihrer Großmutter, ein Privileg, das Nina nie hatte. Gili ist letztlich der Mittelpunkt des Buches, um den sich der Plot dreht, und auch wenn letztlich Veras und Ninas Geschichte aufgerollt werden kommt man keiner der Figuren so nahe wie ihr. 

Nina, distanzierte titelgebende unschuldig Gepeinigte bekommt auf der Reise alles enthüllt, was sie bis dahin nicht wusste, und man leidet beim Lesen mit ihr und ihrem Schicksal, das ihr zuletzt Alzheimer beschert hat und die Panik vor dem Vergessen. 

Die alte Vera wächst ans Herz, stark, witzig und voller Lebensmut kämpft die alte Dame im hohen Alter gegen Israelische Besatzungspolitik. Als Mittelpunkt der Familie schafft David Grossman mit ihre ein Frauenportrait, das man umarmen und bewundern möchte, für das was sie erlebte und für das was sie jetzt ist. 

Für Vera Bruck stand ein reales Vorbild Pate - Eva Panic-Nahir, die 2015 im Alter von 97 Jahren verstarb, Freundin des Autors, dem sie ihre Lebensgeschichte erzählte.


Mit Liebe und mit Härte hat David Grossman einen Roman geschaffen, dem man sich nicht entziehen kann, dessen Essenz kaum in Worte zu fassen ist und den man unbedingt selbst lesen muss, um sich ein Bild machen zu können davon, wie unbegreiflich Nachwirkungen eines schweren Risses Familien prägen, über Generationen, und dass es immer Hoffnung auf Heilung gibt.







David Grossman „Was Nina wusste“

Roman gebunden, 351 Seiten

Erschienen im Hanser Verlag 

Am 17. August 2020

ISBN 978-3446267527

Preis 25 €



11. November 2020

Ungewöhnlicher Blick auf die Kolonialisierung

 



Brian Moore hat mit seinem Roman „Schwarzrock“ ein sagenhaftes Abenteuerbuch geschrieben, das Einsichten in das Leben der indogenen Völker und der Missionare gleichermaßen erlaubt. Weit weg von Karl May- oder James Fenimore Cooper-Romantik beschreibt er in seinem bereits 1985 erschienenen Roman das harte Leben in der Mitte des 17.Jahrhunderts, als französische Jesuiten die Ureinwohner im heutigen Kanada missionierten. Es ist ein nüchtern geschriebener vollkommen ungewöhnlicher Blick auf die Kolonialisierung, der auf ausführlicher Recherche basiert und keine Partei ergreift, weder für die Seite der Huronen, Algonkin und Irokesen, noch für die der Missionare, sondern zeigt, wie unvereinbar die beiden Welten von Grund auf waren. Dass dies noch in eine äußerst spannende Abenteuergeschichte verpackt daher kommt, macht das Buch zu einem ganz besonderen Lesevergnügen.


Etwa in der Mitte des 17.Jahrhunderts macht sich der Jesuit Père Laforge mit dem jungen Übersetzer Daniel auf die beschwerliche Reise von Québec zur nördlich der großen Stromschnellen gelegenen Mission Ihonatria. Ein Fieber ist dort ausgebrochen, und die Wilden bezichtigen die dort ansässigen Schwarzröcke, sie hätten die tödliche Krankheit geschickt. Laforge begibt sich mit Jägern vom Stamm der Algonkin nach Norden, die auf dem alljährlichen Weg in ihre Winterjagdgründe sind. Daniel hatte sich in eine junge Algonkin verliebt und reist hauptsächlich wegen ihr mit.


Bereits zum Beginn der Reise prallen europäische und indianische Lebensweisen aufeinander, die Moore nüchtern und wertungsfrei darstellt. Essen und Völlerei ist das höchste Glück der Algonkin, Träumen und Visionen muss dieses Volk gehorchen, Sex wird von den jungen Frauen freigiebig verschenkt. Frauen werden ausgenutzt und von den Algonkin-Männern wie Hunde behandelt.

Authentisch beschrieben sind alltägliche Dinge wie das Jagen und Aufbauen des Wigwams, in dem alle gemeinsam schlafen, das Kochen und Essen, Ratssitzungen, Rituale und Zauberei.

Die sehr lebendigen Darstellungen der Lebensgewohnheiten der Algonkin, das halbgare ungewürzte Essen, die Gerüche beim Schlafen im Wigwam sind ungewohnt und beim Lesen manchmal mehr als rau. Schnörkellos und ohne Scham beschreibt Moore die Sexualität, die bei den Algonkin wie bei vielen anderen Naturvölkern auch den Stellenwert hat, einfach ein Bedürfnis zu befriedigen.


Der gefährliche Weg führt durch Gebiet der Irokesen, Feinde der Algonkin, und beim Zusammentreffen mit den Reisenden wird die Grausamkeit dieses Volkes mit seinem Feinden deutlich, von Folter bis zum rituellen Kanibalismus.

Schließlich landet Laforge in der Mission Ihonatria, findet den dortigen Père geschwächt und krank, den anderen getötet wie er es befürchtet hatte


Es sind die grundlegenden Lebensideen, die so unvereinbar und unterschiedlich sind, dass wenig Verständnis für die jeweils andere Seite aufgebracht werden kann. Die Indianer leben im Hier und Jetzt, auch wenn es grausam und beschwerlich erscheint, die Missionare fiebern dem Leben nach dem Tod im Paradies entgegen. Das verbaut Moore ganz wunderbar in Debatten über das Diesseits und das Jenseits, mit seinem Blickwinkel eines kritischen Katholiken:


„Die Sonne, der Wald, die Tiere. Das ist alles, was wir haben. Nur weil ihr Normannen taub und blind seid, glaubt ihr, dass diese Welt eine Welt der Dunkelheit und die Welt der Toten eine Welt des Lichts ist. Wir, die wir den Wald und die Warnungen des Flusses hören können, die wir mit den Tieren und Fischen reden und ihre Gebeine achten, wir wissen, dass dies nicht die Wahrheit ist.“


Die Überheblichkeit und das Überlegenheitsgefühl ist auf Seiten der Jesuiten ebenso zu finden wie bei den Wilden. Die Fremdheit, die die indigene Kultur auf die Europäer ausgeübt haben muss, vermag Brian Moore sehr authentisch und anschaulich darzustellen, in verschiedenen Lebenssituationen und in keiner Weise beschönigt und romantisiert.

Auf der einen Seite die Jesuiten, die zu jedem Sterbenden eilen, um Seelen zu ernten, mit ihrer spätmittelalterlich-europäischen Verklemmtheit unfähig, die ursprüngliche Lebensweise der Ureinwohner zu akzeptieren, aber dennoch nicht gefeit gegen die Verlockungen, die davon ausgehen. Auf der anderen Seite die Algonkin, mit ihrem fest verwurzelten Patriarchat, überheblich und unwillig den Normannen gegenüber, die sie als vollkommen lebensunfähig betrachten.


Am Ende beginnt der Jesuit Laforge an christlichen Zeremonien zu zweifeln, er betrachtet sie mit den Augen der Wilden:

„Die Hostien im Tabernakel waren Brot, verwandelt in den Leib Christi durch eine Zeremonie, die nicht weniger merkwürdig war als die Zeremonie der Wilden“

Doch er bleibt ein Kind seines Glaubens und seiner Erziehung und kann nicht wirklich aus seiner Haut, trotz beginnenden Verständnisses. Der Versuch, seine eigene Seele zu retten scheint gescheitert.


„Schwarzrock“, unter anderem basierend auf Berichten der damals missionierenden Jesuiten, ist ein brilliantes Buch, das Brian Moore schrieb, für mich fesselnd und lehrreich. Es ist kein glattes und sauberes Buch sondern fordert beim Lesen heraus, was ich überaus schätze.



Brian Moore „Schwarzrock“

Roman gebunden, 288 Seiten

Erschienen bei Diogenes-Verlag am 20. September 200

ISBN 978-3257071450

Preis 24 €

29. Oktober 2020

Kalmann

Setting im hohen Norden Islands, eine ungewöhnliche Geschichte, die sich als Kriminalfall oder als Milieustudie eines abgeschiedenen Ortes einordnen läßt und ein ungewöhnlicher Protagonist - der Sonderling Kalmann, zeichnen den neuen Roman des Schweizer Autors Joachim B. Schmidt aus. Man liest das Buch mit großem Vergnügen, egal ob als Krimi oder Sittenbild. 


Kalmann hat alles, was er zum Leben und Überleben im kalten Norden Islands braucht. Er lebt vom Jagen von Polarfüchsen und macht nach seinem Großvater den besten Gammelhai auf ganz Island. Weil er schon als Kind langsamer als andere war, gab er oft Anstoß zum Gelächter, und Kalmann lachte immer mit, um nicht der einzige zu sein, der nicht lachte. Sein Großvater glaubte an ihn und brachte ihm bei, wie man beim Jagen mit einem Gewehr umgeht und wie man Gammelhai - ein Nationalgericht Islands - herstellt. Der Großvater sitzt mit schwindendem Geist im Pflegeheim, und ist dennoch das einzige wichtige für Kalmann.


Das Kaff Raufarhöfn droht im weißen Nichts zu verschwinden, nachdem durch Fangquotenspekulationen der früher von der Fischerei belebte Ort nunmehr unbedeutend geworden ist. Der windige Geschäftsmann Robert McKenzie wartet mit dem Steinkreisprojekt Arctic Henge und einem Hotel für den Tourismus auf. Dann verschwindet er spurlos, und Kalmann findet eine Blutlache im Schnee. Es ist zu viel Blut für ein Tier, und die Fußabdrücke hinunter zum Dorf sind auffällig. Kalmann erzählt im Ort davon, und sein sonst geregeltes Leben gerät aus der Bahn. Polizei taucht im Ort auf, und als eine Faß mit Rauschgift aus dem Meer gefischt wird, ist es mit der beschaulichen Ruhe endgültig vorbei. Die verantwortliche Ermittlerin glaubt Kalmann zwar, weil sie spürt, dass er nicht lügen kann, aber Kalmann ist vergesslich. Besonders wenn er mit seinem kleinen Boot allein auf dem Meer zu seinen Haifisch-Angeln fährt, leert sich sein Geist und schiebt schreckliche Dinge einfach beiseite.


Das Buch ist kein reiner Krimi, auch wenn man es so lesen kann. Es ist eher eine Hommage für einen Sonderling, einen Zurückgebliebenen, an einen Dorftrottel. Er funktioniert einfach anders als die Menschen um ihn herum, aber er hat seinen Platz im Dorf Raufarhövn gefunden. Er trägt Cowboyhut und Sheriffstern, seine Montur, und eine Pistole von seinem Vater. Er darf nicht Auto fahren, doch es findet sich immer jemand, der ihn zu seinem Großvater ins Pflegeheim fährt. Mit all seiner Schrulligkeit ist Kalmann ein ungewöhnlicher und sehr lebendiger Charakter, aus dessen Perspektive Joachim B. Schmidt die Geschichte aufrollt. Mit seiner liebevollen Figurenzeichnung, der Detailliebe und einer guten Portion hintersinnigen und weisen Humor bereitet das Buch ein ganz besonderes Lesevergnügen. Dass man dem Erzähler bis zum Schluss nicht trauen kann ist noch ein besonderes Bonbon. 


Diese lakonisch erzählte Geschichte des isländischen Originals mit Sheriffstern voller Verwicklungen und Überraschungen reicht von witzig bis herrlich verquer, hat Tiefsinn und hohen literarischen Unterhaltungswert - was will man mehr.





Joachim B.Schmidt „Kalmann“

Roman,gebunden, 352 Seiten

Erschienen im August 2020 bei Diogenes

ISBN 978-3257071382

Preis 22€




17. Oktober 2020

Wilde Freude

 



Beginnend mit einer niederschmetternde Krebsdiagnose, über einen riskanten Plan und der Freundschaft unter Leidensgenossinnen führt der Weg des neuen Romans „Wilde Freude“ des französischen Schriftstellers Sorj Chaladon, der vom feinfühligen ersten Stolpern auf dem steinigen Krankheitsweg plötzlich zum handfesten Kriminalroman wird.


Das Leben der Buchhändlerin Jeanne wird durch die Diagnose Krebs komplett umgekrempelt. Sie verlässt ihren Mann, der kein Verständnis für ihre Krankheit aufzubringen vermag, und zieht in eine Frauen-WG zusammen mit Leidensgenossinnen. Die nunmehr vier Frauen kümmern sich umeinander, aufmerksam aber ohne Resignation und Mitleid. 

Ohne Sentimanetalität beschreibt Sorj Chaladon in diesem Teil die massiven Veränderungen im Leben von Jeanne, die sich im Krieg mit dem Krebs befindet und für die ein Schwächeln das Todesurteil bedeutet. Das Ende ihres normalen Alltagslebens, das Beenden der Beziehung mit Matt, die zuvor schon tot war, die durch die Chemotherapie verursachten grenzwertigen körperlichen Belastungen beschreibt Sorj Chaladon mit unglaublicher Sensibilität und sehr genauer Beobachtung, er stellt den Leser sofort auf die Seite von Jeanne, die so verletzlich und so stark zugleich ist und die begreift, dass sie sich von der Wand in ihrem Rücken wegbewegen muss, um den Krebs besiegen zu können. Details wie das Drama des Haarausfalls besonders bei Frauen zu Beginn der Chemotherapie sind Spiegel einer Gesellschaft der Gesundheitsfanatiker und des obsoleten leider immer noch herrschenden Rollenbildes von Frauen heute.


Jeanne hat Glück als sie bei ihrer ersten Chemotherapie Brigitte, Assia und Melody trifft, die in einer luxuriösen Pariser Wohnung zusammenleben und in der WG Jeanne einen Ort anbieten, an dem sie aufgefangen wird und wo die Frauen generalstabsmäßig den Kampf für ihr Weiterleben angehen, willensstark und kraftvoll durch ihre Verbundenheit.

Das Schicksal von Melody geht Jeanne besonders nahe. Melody‘s Kind wurde von deren Partner nach Russland entführt und er verlangt eine Auslöse von 100.000 Euro dafür, dass die junge Frau ihre Tochter zurückbekommt. Die vier Frauen schmieden einen Plan, um an das Geld zu kommen, und aus der sensiblen Geschichte wird plötzlich ein Krimi, mit Elementen in der Tradition eines Noir-Romans. 


Zwischen Mitgefühl mit Jeannes Schicksal und der Spannung um den geplanten Raubüberfall bewegt sich das Buch jetzt, und hat mich dadurch mit meiner anfänglichen Begeisterung leider verloren. Für meinen Geschmack ein paar Schicksalsschläge zu viel hat Sorj Chaladon seinen Heldinnen aufgeladen, denn Jeanne hat vor der Krebsdiagnose bereits ein Kind verloren, was die Beziehung zu ihrem Mann bereits damals in der Kühlschrank der Depression verlagerte. Sie ist natürlich gerade dadurch empfänglicher für die Tragödie um Melody‘s Tochter, genau wie Assia mit ihrem heimlichen Schwangerschaftsabbruch und Brigitte mit ihrem Sohn, der sie später gemieden hat. Doch für mich wurde das sensibel und mit bewegendem Ernst erzählte Buch über den Kampf gegen die Krankheit, das auch Humor und Spott über das eigene Schicksal in sich birgt und gerade dadurch das Leben zu feiern vermag wie es kaum ein anderer Roman vermag, zum fast Klamaukhaften Krimi.


Sorj Chaladon schreibt mit stilistischer Klasse, und er bleibt sich treu, indem er seine Figuren ins Spannungsfeld zwischen Gut und Böse zu setzen vermag. Er erzählt mitreißend und vermag es, Anteilnahme für seine Figuren zu wecken. Das Schicksal von Jeanne am Anfang ihres Weges zeugt davon, dass er sehr genau den Grat zwischen Leben und Tod beim Kampf mit einer schweren Krankheit ausloten kann und vor allem kitsch- und klischeefrei davon zu schreiben vermag. Aber die Räuberpistole, die er im Verlauf der Handlung hervorzaubert, ist in meinen Augen kein gelungener Twist sondern einfach albern und übertrieben. Ich liebte den letzten Roman von Sorj Chaladon „Am Tag davor“ sehr, bei diesem Buch hier folge ich dem Autor leider nicht mit so großer Begeisterung. Neben der nicht gelungenen Wende nehme ich dem Buch das übertriebene Pathos am Ende übel, bei dem Chaladon wieder zur Krebsgeschichte zurück kehrt, allerdings mit reichlich Abendrotstimmungs-Kitsch.





Sorj Chaladon „Wilde Freude“

aus dem Französischen von Brigitte Große

Roman gebunden, 288 Seiten

erschienen beim dtv-Verlag

am 21.August 2020

ISBN 978-3423282376

Preis 22 €



24. September 2020

Historisches Kleinod

 



Sandra Bröckel hat mit ihrem Roman „Das hungrige Krokodil“ ein historisches Kleinod geschaffen, das sich auf berührende Weise dem Prager Frühling annähert und völlig kitschfrei auf literarischem Niveau die Lebensgeschichte von Pavel Vodák erzählt. Es ist eine wahre Geschichte, was das Buch umso beachtenswerter macht.


August 1968 rollen Panzer der damaligen Bruderländer in das sozialistische Prag, um die Reform zu zerschlagen. Das bedeutet das Ende für den Prager Frühling und damit auch für den tschechischen Arzt Pavel Vodák, der zur Gruppe der oppositionellen Reformsozialisten in Prag gehört. Auch wenn er nicht das berühmte Manifest der 2000 Worte unterzeichnete war er Teilnehmer der konspirativen Treffen und hat viele Schriftstücke verfasst.

Die Panzer zerstören alle Hoffnungen auf Veränderung und schleudern Pavel, seine Familie und die Tschechoslowakei zurück in eine finstere und misstrauische sozialistische Ära, die für den Chef der Prager Kinderpsychiatrie äußerst gefährlich wird. Aus Sorge um sich und seine Familie wagt Pavel die Flucht über Jugoslawien, mit seiner Frau Vera, seiner Tochter Pavli und seiner Schwiegermutter.


Eine Arzttasche gefüllt mit Dokumenten sind der Schatz, den die Autorin Sandra Bröckel für ihr Buch als Basis benutzt hat. Die Tasche voller Lebenserinnerungen des Prager Arztes Pavel Vodák bekam sie von ihrer Freundin Paula alias Pavli, der Tochter von Pavel. Das hungrige Krokodil als gefährliches Symbol, das man nicht füttern darf und das nur scheinbar träge schläft, stammt aus den Aufzeichnungen Pavels und wird im Roman als kraftvolles Bild verwendet.


Schon als Kind erlebt Pavel die Schrecken der Diktatur der Nazizeit. Später unmittelbar nach dem Krieg, als Student der Medizin in Prag, arbeitet er als ärztlicher Helfer in Theresienstadt, dem ehemaligen Konzentrationslager nahe Prag, wo er seine Frau Vera kennenlernt. Das Schwert kehrt sich nun um für den jungen deutschstämmigen Pavel, der noch völlig paralysiert von den Schrecken, wozu Menschen fähig sein können, in Prag erleben muss, wie Tschechen Deutsche umbringen. Als mit den Sowjets kommen muss Pavel sich vor dem Russischen Bären und seinem Uniformismus in Acht nehmen, bis unter Alexander Dubček im Frühling 1968 vorsichtige Reformen möglich zu sein scheinen. Pavel schließt sich begeistert der Gruppe Oppositioneller in Prag an und unterstützt durch seine Arbeit das „Manifest der 2000 Worte“, unter den ängstlich-besorgten Blicken seiner Frau Vera, die unter den Russen nicht weiter Medizin studieren durfte.

Nur zufällig gehört Pavel nicht zu den Unterzeichnern des Manifests, und er wird in den nachfolgenden Jahren vielfach von der nunmehr strengeren Diktatur bedroht und reglementiert. Schließlich sieht er in der Flucht die einzige Möglichkeit, der drohenden Verhaftung zu entkommen und seiner Tochter Pavli ein Studium zu ermöglichen.


Das Verlassen der Heimat als einzigen Weg, ein freies Leben ohne Angst zu führen, ist ein zeitlos aktuelles Thema. Leise und sehr eindringlich erzählt Sandra Bröckel die Geschichte Pavel Vodáks und seiner Familie, die Geschichte des Prager Frühlings und dessen Zerschlagung. Spannend und dramatisch, gut lesbar jedoch völlig ohne Kitsch und Rührseligkeit konnte ich das Buch kaum weglegen. Die Geschichte macht nachdenklich und regt zu weiterer Recherche an, Das Buch damit ist ein wertvolles Steinchen im historischen Puzzle des vergangenen Jahrhunderts, das einen sehr persönlichen und authentischen Blick auf die Entwicklung der Tschechoslowakei vom zweiten Weltkrieg bis zur Öffnung der Grenze 1989 wirft und dabei historische Geschehnisse wie die Entstalinisierung mit der Sprengung des monströsen Stalinmonuments in Prag oder die Selbstverbrennung des Studenten Jan Perlach am Ende des Prager Frühlings einbezieht. Lebensechte Charaktere geben der Geschichte großes Gewicht, die persönliche Sicht Pavel Vodáks auf die Ereignisse funktionieren für dieses Buch ebenso hervorragend wie das Bild des hungrigen Krokodils, das sich wie ein Faden als Ausdruck für schlummernde immer anwesende Gefahr durch den Roman zieht.


Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, und von mir gibt es großen Applaus für die spannende, authentische, interessante, komplexe tatsachenbezogenen und hervorragend recherchierte Umsetzung der Thematik, die es schafft, sehr zu berühren ohne kitschig zu werden. Ich wünsche dem Buch viele Leser und vergebe begeistert volle fünf Lesesterne.


Danke an den Pendragon-Verlag für die Möglichkeit, an einer Leserunde mit der Autorin teilzunehmen, das war für mich ein äußerst erhellendes und sehr bereicherndes Erlebnis.







Das hungrige Krokodil

Roman von Sandra Bröckel

Klappbroschur, 320 Seiten

Erschienen im März 2018

ISBN 978-3865326089

Preis 17 €


Melancholie und Komik

 



Lapidar geschrieben, witzig und manchmal sogar klamaukhaft, dennoch voller Melancholie und Ernsthaftigkeit erzählt Jean-Paul Dubois die Geschichte von Paul Christian Frédéric Hansen in seinem preisgekröntem Roman „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“.


Der Erzähler Paul, Sohn eines dänischen Priesters und einer französischen Kinobetreiberin, sitzt im Gefängnis und berichtet von seinem bisherigem Leben und vom Leben jetzt im Gefängnis. Der Zellengenosse ist ein Hell‘s Angel, dessen Angst vor dem Haareschneiden ebenso wie sein allabendliches Klogang-Ritual Paul Hansen unfreiwillig miterleben muss. Der Roman setzt im Winter 2009 ein und spult rückblickend Pauls Leben seit seiner Kindheit in Toulouse ab. Als Sohn eines konservativen Vaters und einer links-anarchistischen Mutter wuchs Paul zwischen Kirchensonntagen mit dem Vater und anarchistischem Kino der Mutter auf. Die Ehe der Eltern zerbricht letztlich, als Pauls lebensfrohe Mutter einen pornografischen Film ins Programm nimmt, ohne Rücksicht auf die Diskreditierung des Priesteramts ihres Ehemannes. Mit dem Weggang des Vaters nach Kanada ändert sich auch Pauls Leben. Er folgt ihm in das Asbestverseuchte Thretford Mines, einer von Tagebaulöchern umgebenen Stadt in der Provinz Québec. 

In Kanada tritt Paul später seine Stelle als Wohnanlagenverwalter an und lernt seine große Liebe kennen, die er 11 Jahr später auf tragische Weise verliert. Sein Job als „Deux ex Machina“ wird ihm letztlich zum Verhängnis und führt zum Gefängnisaufenthalt.

Im Gefängnis erzählend, umgeben von seinen drei Toten, läßt Paul bei seinen Erinnerungen den Leser teilhaben an einem von Verlusten geprägtem Leben. Beginnend mit dem Tod der Großeltern 1958 bei einem Autounfall zieht sich das Unglück durchs Pauls Leben wie ein roter Faden. Gefolgt von der Trennung der Eltern 1975, nachdem der gesellschaftliche Wandel die Familie zersplitterte, und dem Absturz und dem Tod seines Vaters bis zum Tod seiner Frau, die seinem Leben Halt und Sinn gab, zeichnet der Autor ein tragisches Lebensbild, das ohne die Bodenständigkeit und die genaue liebevoll-verzeihende Betrachtung der Figuren mit all ihren Fehlern fast ein Zuviel an Melodramatik hätte. 


Dubois erzählt Pauls Geschichte ohne Eile, mit ständigem Wechsel zwischen Gefängnisalltag, der manchmal erstaunlich derb-humoristisch, manchmal sanft und voller Melancholie und Trauer getragen ist, und den Rückblenden mit Blick auf ein Leben, das trotz allen Schmerzes auch Aufbruchstimmung, Harmonie und Liebe beinhaltet. 

Im Hintergrund wird Pauls Geschichte untermalt von einem Gesellschaftsportrait verschiedener Epochen des vergangenen Jahrhunderts. Angetippt werden Umbrüche mit revolutionärer Grundstimmung Ende def 1960er Jahre, Rohstoffraubbau ohne ökologischen und humanistischen Blick bis in die 1980er Jahre und ein unmenschlicher und kalter Start ins neuen Jahrtausend.


Ich habe den mit dem Prix Concourt ausgezeichneten Roman sehr gerne gelesen. Sprachlich grandios und auf brillante Weise manchmal am kleinen „Zuviel“ vorbei geschlittert erzählt Jean-Paul Dubois eine Geschichte, in der sich Melancholie und Komik die Hand geben, nie rührselig und mit großer Liebe zu seinen Charakteren, deren große und kleine Fehler lebensecht zum Straucheln führen und die dennoch Größe haben dürfen.





Jean-Paul Dubois

Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Roman, gebunden 256 Seiten

Erschienen bei dtv 

am 24. Juli 2020

ISBN 978-3423282406

Preis 22 €