17. Oktober 2020

Wilde Freude

 



Beginnend mit einer niederschmetternde Krebsdiagnose, über einen riskanten Plan und der Freundschaft unter Leidensgenossinnen führt der Weg des neuen Romans „Wilde Freude“ des französischen Schriftstellers Sorj Chaladon, der vom feinfühligen ersten Stolpern auf dem steinigen Krankheitsweg plötzlich zum handfesten Kriminalroman wird.


Das Leben der Buchhändlerin Jeanne wird durch die Diagnose Krebs komplett umgekrempelt. Sie verlässt ihren Mann, der kein Verständnis für ihre Krankheit aufzubringen vermag, und zieht in eine Frauen-WG zusammen mit Leidensgenossinnen. Die nunmehr vier Frauen kümmern sich umeinander, aufmerksam aber ohne Resignation und Mitleid. 

Ohne Sentimanetalität beschreibt Sorj Chaladon in diesem Teil die massiven Veränderungen im Leben von Jeanne, die sich im Krieg mit dem Krebs befindet und für die ein Schwächeln das Todesurteil bedeutet. Das Ende ihres normalen Alltagslebens, das Beenden der Beziehung mit Matt, die zuvor schon tot war, die durch die Chemotherapie verursachten grenzwertigen körperlichen Belastungen beschreibt Sorj Chaladon mit unglaublicher Sensibilität und sehr genauer Beobachtung, er stellt den Leser sofort auf die Seite von Jeanne, die so verletzlich und so stark zugleich ist und die begreift, dass sie sich von der Wand in ihrem Rücken wegbewegen muss, um den Krebs besiegen zu können. Details wie das Drama des Haarausfalls besonders bei Frauen zu Beginn der Chemotherapie sind Spiegel einer Gesellschaft der Gesundheitsfanatiker und des obsoleten leider immer noch herrschenden Rollenbildes von Frauen heute.


Jeanne hat Glück als sie bei ihrer ersten Chemotherapie Brigitte, Assia und Melody trifft, die in einer luxuriösen Pariser Wohnung zusammenleben und in der WG Jeanne einen Ort anbieten, an dem sie aufgefangen wird und wo die Frauen generalstabsmäßig den Kampf für ihr Weiterleben angehen, willensstark und kraftvoll durch ihre Verbundenheit.

Das Schicksal von Melody geht Jeanne besonders nahe. Melody‘s Kind wurde von deren Partner nach Russland entführt und er verlangt eine Auslöse von 100.000 Euro dafür, dass die junge Frau ihre Tochter zurückbekommt. Die vier Frauen schmieden einen Plan, um an das Geld zu kommen, und aus der sensiblen Geschichte wird plötzlich ein Krimi, mit Elementen in der Tradition eines Noir-Romans. 


Zwischen Mitgefühl mit Jeannes Schicksal und der Spannung um den geplanten Raubüberfall bewegt sich das Buch jetzt, und hat mich dadurch mit meiner anfänglichen Begeisterung leider verloren. Für meinen Geschmack ein paar Schicksalsschläge zu viel hat Sorj Chaladon seinen Heldinnen aufgeladen, denn Jeanne hat vor der Krebsdiagnose bereits ein Kind verloren, was die Beziehung zu ihrem Mann bereits damals in der Kühlschrank der Depression verlagerte. Sie ist natürlich gerade dadurch empfänglicher für die Tragödie um Melody‘s Tochter, genau wie Assia mit ihrem heimlichen Schwangerschaftsabbruch und Brigitte mit ihrem Sohn, der sie später gemieden hat. Doch für mich wurde das sensibel und mit bewegendem Ernst erzählte Buch über den Kampf gegen die Krankheit, das auch Humor und Spott über das eigene Schicksal in sich birgt und gerade dadurch das Leben zu feiern vermag wie es kaum ein anderer Roman vermag, zum fast Klamaukhaften Krimi.


Sorj Chaladon schreibt mit stilistischer Klasse, und er bleibt sich treu, indem er seine Figuren ins Spannungsfeld zwischen Gut und Böse zu setzen vermag. Er erzählt mitreißend und vermag es, Anteilnahme für seine Figuren zu wecken. Das Schicksal von Jeanne am Anfang ihres Weges zeugt davon, dass er sehr genau den Grat zwischen Leben und Tod beim Kampf mit einer schweren Krankheit ausloten kann und vor allem kitsch- und klischeefrei davon zu schreiben vermag. Aber die Räuberpistole, die er im Verlauf der Handlung hervorzaubert, ist in meinen Augen kein gelungener Twist sondern einfach albern und übertrieben. Ich liebte den letzten Roman von Sorj Chaladon „Am Tag davor“ sehr, bei diesem Buch hier folge ich dem Autor leider nicht mit so großer Begeisterung. Neben der nicht gelungenen Wende nehme ich dem Buch das übertriebene Pathos am Ende übel, bei dem Chaladon wieder zur Krebsgeschichte zurück kehrt, allerdings mit reichlich Abendrotstimmungs-Kitsch.





Sorj Chaladon „Wilde Freude“

aus dem Französischen von Brigitte Große

Roman gebunden, 288 Seiten

erschienen beim dtv-Verlag

am 21.August 2020

ISBN 978-3423282376

Preis 22 €



24. September 2020

Historisches Kleinod

 



Sandra Bröckel hat mit ihrem Roman „Das hungrige Krokodil“ ein historisches Kleinod geschaffen, das sich auf berührende Weise dem Prager Frühling annähert und völlig kitschfrei auf literarischem Niveau die Lebensgeschichte von Pavel Vodák erzählt. Es ist eine wahre Geschichte, was das Buch umso beachtenswerter macht.


August 1968 rollen Panzer der damaligen Bruderländer in das sozialistische Prag, um die Reform zu zerschlagen. Das bedeutet das Ende für den Prager Frühling und damit auch für den tschechischen Arzt Pavel Vodák, der zur Gruppe der oppositionellen Reformsozialisten in Prag gehört. Auch wenn er nicht das berühmte Manifest der 2000 Worte unterzeichnete war er Teilnehmer der konspirativen Treffen und hat viele Schriftstücke verfasst.

Die Panzer zerstören alle Hoffnungen auf Veränderung und schleudern Pavel, seine Familie und die Tschechoslowakei zurück in eine finstere und misstrauische sozialistische Ära, die für den Chef der Prager Kinderpsychiatrie äußerst gefährlich wird. Aus Sorge um sich und seine Familie wagt Pavel die Flucht über Jugoslawien, mit seiner Frau Vera, seiner Tochter Pavli und seiner Schwiegermutter.


Eine Arzttasche gefüllt mit Dokumenten sind der Schatz, den die Autorin Sandra Bröckel für ihr Buch als Basis benutzt hat. Die Tasche voller Lebenserinnerungen des Prager Arztes Pavel Vodák bekam sie von ihrer Freundin Paula alias Pavli, der Tochter von Pavel. Das hungrige Krokodil als gefährliches Symbol, das man nicht füttern darf und das nur scheinbar träge schläft, stammt aus den Aufzeichnungen Pavels und wird im Roman als kraftvolles Bild verwendet.


Schon als Kind erlebt Pavel die Schrecken der Diktatur der Nazizeit. Später unmittelbar nach dem Krieg, als Student der Medizin in Prag, arbeitet er als ärztlicher Helfer in Theresienstadt, dem ehemaligen Konzentrationslager nahe Prag, wo er seine Frau Vera kennenlernt. Das Schwert kehrt sich nun um für den jungen deutschstämmigen Pavel, der noch völlig paralysiert von den Schrecken, wozu Menschen fähig sein können, in Prag erleben muss, wie Tschechen Deutsche umbringen. Als mit den Sowjets kommen muss Pavel sich vor dem Russischen Bären und seinem Uniformismus in Acht nehmen, bis unter Alexander Dubček im Frühling 1968 vorsichtige Reformen möglich zu sein scheinen. Pavel schließt sich begeistert der Gruppe Oppositioneller in Prag an und unterstützt durch seine Arbeit das „Manifest der 2000 Worte“, unter den ängstlich-besorgten Blicken seiner Frau Vera, die unter den Russen nicht weiter Medizin studieren durfte.

Nur zufällig gehört Pavel nicht zu den Unterzeichnern des Manifests, und er wird in den nachfolgenden Jahren vielfach von der nunmehr strengeren Diktatur bedroht und reglementiert. Schließlich sieht er in der Flucht die einzige Möglichkeit, der drohenden Verhaftung zu entkommen und seiner Tochter Pavli ein Studium zu ermöglichen.


Das Verlassen der Heimat als einzigen Weg, ein freies Leben ohne Angst zu führen, ist ein zeitlos aktuelles Thema. Leise und sehr eindringlich erzählt Sandra Bröckel die Geschichte Pavel Vodáks und seiner Familie, die Geschichte des Prager Frühlings und dessen Zerschlagung. Spannend und dramatisch, gut lesbar jedoch völlig ohne Kitsch und Rührseligkeit konnte ich das Buch kaum weglegen. Die Geschichte macht nachdenklich und regt zu weiterer Recherche an, Das Buch damit ist ein wertvolles Steinchen im historischen Puzzle des vergangenen Jahrhunderts, das einen sehr persönlichen und authentischen Blick auf die Entwicklung der Tschechoslowakei vom zweiten Weltkrieg bis zur Öffnung der Grenze 1989 wirft und dabei historische Geschehnisse wie die Entstalinisierung mit der Sprengung des monströsen Stalinmonuments in Prag oder die Selbstverbrennung des Studenten Jan Perlach am Ende des Prager Frühlings einbezieht. Lebensechte Charaktere geben der Geschichte großes Gewicht, die persönliche Sicht Pavel Vodáks auf die Ereignisse funktionieren für dieses Buch ebenso hervorragend wie das Bild des hungrigen Krokodils, das sich wie ein Faden als Ausdruck für schlummernde immer anwesende Gefahr durch den Roman zieht.


Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, und von mir gibt es großen Applaus für die spannende, authentische, interessante, komplexe tatsachenbezogenen und hervorragend recherchierte Umsetzung der Thematik, die es schafft, sehr zu berühren ohne kitschig zu werden. Ich wünsche dem Buch viele Leser und vergebe begeistert volle fünf Lesesterne.


Danke an den Pendragon-Verlag für die Möglichkeit, an einer Leserunde mit der Autorin teilzunehmen, das war für mich ein äußerst erhellendes und sehr bereicherndes Erlebnis.







Das hungrige Krokodil

Roman von Sandra Bröckel

Klappbroschur, 320 Seiten

Erschienen im März 2018

ISBN 978-3865326089

Preis 17 €


Melancholie und Komik

 



Lapidar geschrieben, witzig und manchmal sogar klamaukhaft, dennoch voller Melancholie und Ernsthaftigkeit erzählt Jean-Paul Dubois die Geschichte von Paul Christian Frédéric Hansen in seinem preisgekröntem Roman „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“.


Der Erzähler Paul, Sohn eines dänischen Priesters und einer französischen Kinobetreiberin, sitzt im Gefängnis und berichtet von seinem bisherigem Leben und vom Leben jetzt im Gefängnis. Der Zellengenosse ist ein Hell‘s Angel, dessen Angst vor dem Haareschneiden ebenso wie sein allabendliches Klogang-Ritual Paul Hansen unfreiwillig miterleben muss. Der Roman setzt im Winter 2009 ein und spult rückblickend Pauls Leben seit seiner Kindheit in Toulouse ab. Als Sohn eines konservativen Vaters und einer links-anarchistischen Mutter wuchs Paul zwischen Kirchensonntagen mit dem Vater und anarchistischem Kino der Mutter auf. Die Ehe der Eltern zerbricht letztlich, als Pauls lebensfrohe Mutter einen pornografischen Film ins Programm nimmt, ohne Rücksicht auf die Diskreditierung des Priesteramts ihres Ehemannes. Mit dem Weggang des Vaters nach Kanada ändert sich auch Pauls Leben. Er folgt ihm in das Asbestverseuchte Thretford Mines, einer von Tagebaulöchern umgebenen Stadt in der Provinz Québec. 

In Kanada tritt Paul später seine Stelle als Wohnanlagenverwalter an und lernt seine große Liebe kennen, die er 11 Jahr später auf tragische Weise verliert. Sein Job als „Deux ex Machina“ wird ihm letztlich zum Verhängnis und führt zum Gefängnisaufenthalt.

Im Gefängnis erzählend, umgeben von seinen drei Toten, läßt Paul bei seinen Erinnerungen den Leser teilhaben an einem von Verlusten geprägtem Leben. Beginnend mit dem Tod der Großeltern 1958 bei einem Autounfall zieht sich das Unglück durchs Pauls Leben wie ein roter Faden. Gefolgt von der Trennung der Eltern 1975, nachdem der gesellschaftliche Wandel die Familie zersplitterte, und dem Absturz und dem Tod seines Vaters bis zum Tod seiner Frau, die seinem Leben Halt und Sinn gab, zeichnet der Autor ein tragisches Lebensbild, das ohne die Bodenständigkeit und die genaue liebevoll-verzeihende Betrachtung der Figuren mit all ihren Fehlern fast ein Zuviel an Melodramatik hätte. 


Dubois erzählt Pauls Geschichte ohne Eile, mit ständigem Wechsel zwischen Gefängnisalltag, der manchmal erstaunlich derb-humoristisch, manchmal sanft und voller Melancholie und Trauer getragen ist, und den Rückblenden mit Blick auf ein Leben, das trotz allen Schmerzes auch Aufbruchstimmung, Harmonie und Liebe beinhaltet. 

Im Hintergrund wird Pauls Geschichte untermalt von einem Gesellschaftsportrait verschiedener Epochen des vergangenen Jahrhunderts. Angetippt werden Umbrüche mit revolutionärer Grundstimmung Ende def 1960er Jahre, Rohstoffraubbau ohne ökologischen und humanistischen Blick bis in die 1980er Jahre und ein unmenschlicher und kalter Start ins neuen Jahrtausend.


Ich habe den mit dem Prix Concourt ausgezeichneten Roman sehr gerne gelesen. Sprachlich grandios und auf brillante Weise manchmal am kleinen „Zuviel“ vorbei geschlittert erzählt Jean-Paul Dubois eine Geschichte, in der sich Melancholie und Komik die Hand geben, nie rührselig und mit großer Liebe zu seinen Charakteren, deren große und kleine Fehler lebensecht zum Straucheln führen und die dennoch Größe haben dürfen.





Jean-Paul Dubois

Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Roman, gebunden 256 Seiten

Erschienen bei dtv 

am 24. Juli 2020

ISBN 978-3423282406

Preis 22 €

4. August 2020

Kostbares Kleinod




Es ist der letzte Roman, den der amerikanische Autor Kent Haruf kurz vor seinem Tod schrieb. Der Roman „Kostbare Tage“ ist ein Buch über das Sterben, angesiedelt in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado, das sich unaufgeregt auf das Wesentliche konzentriert. Der Rückblick des sterbenden Dad auf sein Leben ist genaue Beobachtung, tröstliches Lesen und mit seinen starken Frauengestalten und rührenden Szenen eine äußerst lohnende Lektüre.

Dad Lewis bekommt am Anfang des Sommers die vernichtende Diagnose, dass er nur noch wenige Wochen zu leben hat. Krebs zwingt ihn, der sein ganzes Leben als Eisenwarenhändler in der Kleinstadt Holt verbrachte, in die Knie. Er erinnert sich an Vergangenes, an seinen verlorenen Sohn Frank, der die Familie wegen eines Streits mit Dad verließ und nie zurück kehrte, an einen Angestellten, der ihn betrog und sich später das Leben nahm. Liebevoll beim Sterben begleitet wird er von seiner Ehefrau und von seiner Tochter, inzwischen auch fast fünfzigjährig. Unterstützung findet die Familie bei einer Nachbarin und bei zwei Freundinnen, die ebenso Mutter und Tochter sind.
Gegenüber zieht mit der Enkeltochter der Nachbarin junges Leben ein, Alice ist mit ihrer sprühenden Jugend der Gegenpol für das Ende von Dad. Während er dahinsiecht umschwirren die Frauen die kleine Alice, die Radfahren lernt und zusammen mit den kinderlosen Frauen neue Kleider kauft oder Sommerpicknick veranstaltet.

Völlig unaufgeregt, mit sehr genauem Blick erzählt Kent Haruf die Geschichte von Dad. Es ist ein Abgesang auf sein enges Leben in Holt, das durch die Menschen Weite gewinnt und wichtig erscheint. Voller Offenheit agieren die Frauen, die Dad umsorgen, den Brummbären und Starrkopf, der seinem Sohn Frank die Homosexualität auch jetzt nicht nachsehen kann.
Trivialitäten und existenzielle Dinge treffen aufeinander, wenn das Leben schwindet, und Kent Haruf hatte die Gabe, das sehr genau und völlig ohne Pathos einzufangen. Er schreibt bravourös über die scheinbaren Belanglosigkeiten des Lebens, gemächlich und manchmal scharf an kitschigen Tränen vorbei, dafür mit umso mehr Zärtlichkeit für Alltägliches mit kleinen Glücksmomenten.
Wie ein breiter Strom, der ganz ruhig fließt, liest sich sein Buch, und nur ganz wenige Stellen verursachen Unruhe im gemütlichen und äußerst angenehmen Lesesog. 
Manche Szenen stehen dazu im scharfen Kontrast und stecken voller pralles Leben, wenn zum Beispiel vier Frauen in der flirrenden Sommerhitze zusammen mit der kleinen Alice nach einem Sommerpicknick nackt im Kuhtrog baden und sich danach, nur von Rindviechern beobachtet, in der Sonne trocknen lassen. 

Kent Haruf hat sich auf bemerkenswerte Weise in das Ende und das Zerrinnen eines Lebens hineinversetzt, äußerst detailgenau und unaufgeregt. Er hat ein Jahr vor seinem Tod ein Kleinod geschaffen, das tröstlich am Lebensende und lebensbejahend zugleich ist, voller schöner, trauriger und schmerzlicher Momente zum Sterben in der Sommerhitze Colorados.






Kent Haruf „Kostbare Tage“
Roman gebunden, 352 Seiten
Verlag: Diogenes
Erschienen am 27. Mai 2020
ISBN 968-3257071252
Preis 24€

Einfühlsame Studie





Ein bisschen mehr Tamtam um das spannende Psychogramm einer knapp Fünfzigjährigen Frau aus der Französischen Provinz hätte ich mir gewünscht vom Pric-Concourt-Preisträger Nicolas Mathieu in seinem neuen Kurzroman „Rose Royal“. Denn die Geschichte gibt es allemal her, dass man sie ausführlicher erzählt und vor allem nicht so abrupt enden lässt.
Aber nichtsdestotrotz ist es ein äußerst lesenswerter eindrucksvoller Kurzroman, mit anhaltender untergründiger Spannung, sprachlich famos und vor allem eine schonungslose Studie über Abhängigkeiten, Angst vor der Einsamkeit, Melancholie und Gewalt zwischen Männern und Frauen.

Rose möchte kein Opfer mehr sein, sie möchte männlicher Gewalt, die bisher ihr ganzes Leben seit den Kindertagen durch Vater und Bruder bestimmte, entkommen und gegenhalten. Sie kauft sich im Internet einen Revolver, den sie ständig mit sich herumträgt und der ihr Sicherheit und Aufregung zugleich verschafft. Sie schwört nach gescheiterter Ehe mit zwei erwachsenen Kindern und vielen mehr oder weniger erfolglosen Beziehungen, One-Night-Stands und Dates den Männern ab. Sie ist für ihr Alter noch sehr ansehnlich und achtet auf sich, ohne eitel zu sein, hat einen Job, eine kleine Wohnung und ein Auto. Das Tageshighlight besteht im genüsslichen Trinken nach Feierabend in der Bar „Royal“. Als sie Luc trifft, ändert sich für sie alles, sie hat die Chance, ihrem schäbigen kleinen Leben zu entfliehen, das rückblickend aus Sehnsucht und immer wieder hingenommener Gewalt geschildert wird.

Einfühlsam schildert der Autor Nicolas Mathieu Rose, er versetzt sich bravourös in eine Fünfzigjährige Frau, die vom Leben gebeutelt zunächst aufgibt, sich wehren möchte und letztlich wieder in einer Gewaltspirale versinkt. Kleine Glücksmomente, die vom Alkohol genauso geprägt sind wie von einem toxischen Mann, der sie letztlich wie ein Strudel erfasst und hinabreißt, beschreibt der Autor treffsicher, er seziert und zerstückelt so das für seine Protagonistin erstrebenswerte glücklichere Leben als dumpfe und männlich beherrschte Falle, in die Rose immer weiter rutscht. Wie paralysiert liest man, wie Rose sich leidlich wehrt gegen physische und psychische Gewalt, im Alkohol Trost sucht und findet und sich letztlich treiben lässt.



Nicolas Mathieu „Rose Royal“
Roman, gebunden
96 Seiten
Verlag: Hanser Berlin
Erschienen am 20. Juli 2020
ISBN 978-3446267855
Preis 18€

Ich bleibe hier





Marco Balzano macht in seinem Roman „Ich bleibe hier“ Verluste erfahrbar, den Verlust von Identität, von Familie, von materiellem Gut und von Heimat. Er tut dies auf ruhige gelassene Weise, sprachlich knapp und einfach, aus ganz persönlicher Sicht seiner Protagonistin Trina, was dem Roman große Wucht und Eindringlichkeit verleiht.

Die von Balzano erzählte Geschichte des Bergdorfes Graun und einer Familie beruht auf historischen Tatsachen. Von Graun ragt mittlerweile nur noch der Kirchturm aus dem Reschensee, berühmte Touristenattraktion und Selfie-Hintergrund in Südtirol. Verschwunden unter dem Wasser ist das Dorf, in dem vor dem Zweiten Weltkrieg die junge Trina lebt und eine Ausbildung als Lehrerin macht. Mussonlinis Politik nach dem Marsch auf Bozen macht ihr einen Strich durch die Rechnung, er stellt die deutschstämmige Bevölkerung 1939 vor die Wahl zu bleiben oder nach Deutschland auszuwandern. Italienisch wird Amtssprache, Deutsch zu unterrichten ist verboten, und Trina bekommt keine Anstellung. Heimlich, mit Unterstützung des Pfarrers unterrichtet sie dennoch die Kinder in Speichern in der für die Gegend traditionellen Sprache Deutsch.
Trina erzählt die Geschichte in der Ich-Form, manchmal an ihre kleine Tochter gerichtet, die mit Trinas Schwägerin und deren Mann als sogenannte Optanten 1939 nach Deutschland verschwand. 
Trina und ihr Mann Erich entscheiden sich 1939 zu bleiben, nach dem Pakt der beiden Diktatoren Hitler und Mussolini, die die Bevölkerung in Südtirol vor die Wahl stellten, entweder nach Deutschland auszuwandern oder in ihren Dörfern zu bleiben und als Menschen zweiter Klasde die Zwangsitalienisierung zu erdulden. Schikane, Verbot der Sprache und zersplitterte Familien bestimmen den Alltag.
Trina und Erich versuchen der Italianisierung ihres Dorfes zu trotzen und fliehen letztlich gegen Kriegsende zusammen in die Berge.
Im letzten Teil des Buches steht das Staudammprojekt im Mittelpunkt, das nach Unterbrechung während des Krieges wieder aufgenommen wird. Die Dorfbewohner veranstalten Proteste, besetzen die Baustelle und wenden sich an Behörden und die Kirche, angeführt von Trinas Mann Erich und vom örtlichen Pfarrer. Sie alle hoffen bis ganz zum Schluß, ihre Heimat retten zu können.   Wie die Geschichte ausgeht ist bekannt.
Und erneut muss sich die Familie entscheiden, ob sie bleiben und in winzigen zusammengezimmerten Baracken oberhalb des Sees hausen oder das unterirdische Angebot auf Ausgleichszahlung und Umsiedlung annehmen.

Auf dem Cover sieht man den Kirchturm von Alt-Graun, der aus dem Wasser ragt. Ein Symbol des Widerstandes, ein Mahnmal für Ungerechtigkeit und Heimatverlust, für Verwüstung. Marco Balzano erzählt im Nachwort, dass ihn dieser Anblick zum Roman inspirierte, der eine Familiengeschichte mit der Geschichte Südtirols und Europas verknüpft.
Das Buch lebt von dieser Geschichte ebenso wie von der Protagonistin Trina, die auf eindrucksvolle Weise Verzweiflung, Resignation und Kampfgeist demonstriert. In ihrer Hilflosigkeit, mit der sie und ihre Familie den Machtspielen der Diktaturen, später denen der Bürokraten und Energiekonzerne ausgeliefert ist, vermag sie im entscheidenden Moment zu handeln, kraftvoll und mutig. Sie ist es, die die anmacht der Sprache und der Worte erkennt und an höchster Stelle gehört wird. Sie erkennt die Sprache als Teil der Identität und zugleich als Mauer, die gebaut wird, sieht die Schönheit und den Klang auch im verhassten Italienisch.
Das Besondere an Trina ist, dass sie erkennt, dass sie im Strategiespiel der Mächtigen eine Wahl hat und sich bewusst entscheidet, Dinge zu tun, auch wenn Angst und oft Überdruss und Resignation ihr Leben zeichnen. Insofern ist sie eine äußerst kraftvolle und sehr faszinierende Frauenfigur.

Das Buch ist ein Unterhaltungsroman in bestem Sinn, großartig und packend erzählt, lehrreich ohne zu belehren, mit einer eindrucksvollen Protagonistin. Was will man mehr!



Marco Balzano: Ich bleibe hier
Roman, gebunden
288 Seiten
Verlag: Diogenes
Erschienen am 24. Juni 2020
ISBN 978-3257071214
Preis 22€

5. Juli 2020

Hommage an New York





Vivian Gornick ist mit ihrem Buch „Eine Frau in New York“ eine kleine Perle und Hommage an ihre Stadt New York geglückt. Die lose verknüpften Episoden mit dem Hintergrundrauschen der Großstadt mit ihren Möglichkeiten, Begegnungen und Menschen erlauben dem Leser ein Gefühl für die Autorin und für die Stadt, in der sie lebt.

In zusammengestückelten Erinnerungsfetzen schreibt Vivian Gornick über Freundschaft, Liebe, Suche und Selbstfindung, manchmal mit journalistisch-distanziertem Blick auf die Menschen, die sie trifft, manchmal voller Nähe und Wärme für diejenigen, die sie begleiten. Sprunghaft und auf den ersten Blick zusammengestückelt begleitet man sie beim Lesen durch ihre Stadt und die Begegnungen, die für Vivian Gornick so essenziell sind. Die Stadt ist der Fluss, in dem alles schwimmt, der alles bewegt, die Stadt duldet und verzeiht, gibt keinen auf, der mit ihr verbandelt ist. Die Stadt liebt ihre Bewohner, sofern sie das nötige Temperament besitzen. Natürlich romantisiert die Autorin hier sehr, aber ich glaube der Vivian Gornick ihre Gefühle, die sie mit der Lebensart einer Stadt verbindet, in der Menschen und ihr Temperament wichtiger sind als gute Jobs und Sicherheit, und es ist großartig, genau dem Gefühl beim Lesen auf die Spur zu kommen.

Mit äußerst wachen Blick betrachtet Vivian Gornick die Menschen und Situationen. Ich bewundere ihre Intelligenz und ihre Ehrlichkeit dahingehend, dass sie gegenüber dem Leser ihre eigenen Stachel des Unmuts und elitärem Denken zugibt. An anderen Stellen bekam ich beim Lesen Gänsehaut, so achtsam, großzügig und scharfsichtig sind ihre Analysen. Manchmal musste ich laut auflachen über klugen Witz, den sie situationsbedingt erkennt.
Vivian Gornick betreibt Flanieren und nützliches Alleinsein, getragen von ihrer Stadt, von ihrer Suche nach sich selbst, von ihren Begegnungen, von ihrer Freundschaft und dem großen Gewinn, den sie für sich selbst daraus zieht. 
Das Buch hat mich in den Bann gezogen, nicht zuletzt wegen der sprachlichen Brillanz und wegen ihrer konsequent feministischen Betrachtungsweise.

Es ist ein wunderbares Buch, wenn man sich darauf einlässt, dass es eben kein Roman ist sondern aneinandergereihte Episoden, die scheinbar nur ganz lose miteinander verknüpft sind aber dennoch einem Pfad folgen, nämlich dem der Stadt New York selbst, der Offenheit und Toleranz, dem Hochhalten der Freundschaft und dem „nützlichen Alleinsein“.





Vivian Gornick
„Eine Frau in New York“
Gebunden, 160 Seiten
Erschienen bei Penguin
am 15 Juni 2020
ISBN 978-3328600886
Preis 20 €