22. Januar 2017

Geschichtspanorama und Familienchronik



Geert Mak, genannt der Geschichtslehrer der holländischen Nation, folgt in seinem neuesten Werk den Spuren der Familie Six. Die Dynastie kam vor mehr als 400 Jahren als aus Frankreich Vertriebener Adel nach Amsterdam und gehört seit dem Goldenen Zeitalter zu einer der politisch, kulturell und sozial bedeutendsten Familien des Landes.
Mit großem erzählerischen Talent wird aus der Familienchronologie gleichzeitig ein Einblick in Europäische und besonders Niederländische Geschichte, mit der die Familie Six untrennbar und eng verknüpft ist. Auf sehr persönliche Weise durch direkte Einblicke in die Familienchronik und Zugang zum alten Haus der Sixe an der Amstel mit all seinen über Jahrhunderte angesammelten Schätzen, Kleidungsstücken, Tagebüchern, Notizen und Erinnerungen verfolgt das Buch den Stammbaum der Sixe über mehrere Jahrhunderte bis in die Neuzeit.
Dabei legt der Autor besonderen Wert auf den ersten Jan, der im 16. Jahrhundert lebte, zum Amsterdamer Establishment gehörte, ein enger Freund Rembrandts und Sohn eines hugenottischen Einwanderers und reichen Tuchmachers gewesen ist.

Die Familie Six entstammt französischem Adel und zog während der Religionskriege Ende des 16. Jahrhunderts nach Amsterdam, das damals eine aufstrebende Welthandelsmetropole und protestantische Hochburg war. Tausende Flüchtlinge aus den südlichen Niederlanden sorgten dafür, dass die Stadt an der Schwelle zwischen Mittelalter und Moderne aus einer sumpfigen Siedlung zu einer der bedeutsamsten Städte Europas wurde.

Der erste Jan, Schwiegersohn des berühmten Mediziners und Amsterdamer Stadtrates und Bürgermeisters Nicolaes Tulp, mit einem Bein noch im Mittelalter stehend und zugleich schon auf dem Weg zur Moderne, wird mit buntem Erzählstil aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, was dem Leser ein rundes und verständliches Bild von ihm und vom Leben im Goldenen Zeitalter gibt. Er legte als Schöngeist die Grundlagen für die wertvolle und einzigartige Kunstsammlung der Familie, er bestimmte als Schöffe und Ratsmitglied das Leben der Stadt Amsterdam, kaufte Land und Güter und blieb trotz allen Reichtums und aller Macht ein normaler Mensch, neugierig und nonkonformistisch. Als sehr guter Beobachter und Zuschauer kann man sich beim Lesen hervorragend in ihn hineinversetzen, durch seine Augen das alte Amsterdam mit seinem aufstrebenden Bürgertum, die Gepflogenheiten und Eigenheiten Rembrandts, des Stadtmediziners Nicolaes Tulp, des Dichters Vondel und anderer Größen dieser Zeit betrachten.

Der Titel "Die vielen Leben des Jan Six" steht aber auch dafür, dass ein Sohn der Familie immer Jan genannt wurde, der Jahrhundertelang das Familienoberhaupt gewesen ist, die Verantwortung für den Zusammenhalt von Familie und Gütern trug und deren Leben Geert Mak in seinem Buch verfolgt.

Wenn von geschichtlichen Ereignissen berichtet wird, kann der Autor aus dem schier unerschöpflichen Fundus im Haus an der Amstel ein Gemälde, einen Gegenstand oder ein Dokument zuweisen, wie das Siegel, mit dem die Familie im 17. Jahrhundert ihr Tuch kennzeichnete oder Verse des Dichters Vondel zum Ratsherrenjubiläum von Schwiegervater Tulp, dessen Name übrigens aufgrund des von ihm verwendeten Tulpensiegels zustande kam.

Nach dem Katastrophenjahr 1672 stagnierte die aufstrebende Holländische Nation, die Stellung Amsterdams als Weltstadt war stark angekratzt, jedoch die Familie Six schaffte es, profitable Geldquellen in Kolonien zu nutzen, Immobilien und Land zu erwerben und durch kluge Heiratspolitik das Vermögen zu erhalten und zu mehren. Der zweite Jan heiratete die Alleinerbin der Familie Tulp und sicherte sich so den Familienvermögen, agierte Jahrzehntelang als Bürgermeister von Amsterdam und als Junker auf ausgedehnten Landgütern verpachtete und beherrschte er ganze Dörfer, bis das korrupte System der Stadt Amsterdam aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zusammenbrach, aufgeblasene Ämter und Amtsmissbrauch eingeschränkt und der zweite Jan entlassen wurde.

Bis in das 20.Jahrhundert stand Familienpolitik an erster Stelle, Hauptziel war es immer, das Vermögen, den Ruf und den Lebensstandard der Familie zu erhalten. Das führte zu vielen Zweck-Ehen, zu unverheirateten Töchtern, aber auch zum Verstecken der wertvollen Gemäldesammlung während der Nazibesatzung.
Der jeweils Erstgeborene, de den Namen Jan trug, verbrachte sein Leben in Reichtum und Ruhm, andere Mitglieder der Familie wurden "geopfert" und mussten teilweise in Armut und Einsamkeit leben.

Das große Verdienst des Autors besteht darin, die Familiengeschichte eng mit dem historischen Rahmen vom Goldenen Zeitalter, Revolten, Hungersnöten, Sklavenhandel und Städtebau zu verknüpfen und ein meisterhaft erzähltes buntes und sehr lebendiges Bild mit vielen überraschenden Details zu schaffen.



Geert Mak 
"Die vielen Leben des Jan Six"
ISBN 978-3827500878
Oktober 2016
Gebunden, 513 Seiten
Siedler-Verlag
26,99 €

13. Januar 2017

Atemloses Lesevergnügen





Bin ich ein Fan von Stefan Ahnhem? Nachdem ich das Buch "Minus 18 Grad" des schwedischen Thrillerautors um den melancholischen Ermittler Fabian Risk innerhalb ganz weniger Tage gelesen habe: ja, das bin ich!
"Minus 18 Grad" ist der dritte Teil der Serie um den Kommissar Fabian Risk als Helsingborg und die dänische Polizistin Dunja Hougaard und liest sich genau wie die beiden ersten Teile fast atemlos spannend und schlüssig und hat noch dazu einen in meinen Augen wirklich innovativ anderen Plot. Schön an dieser Reihe ist, dass man auch diesen Band völlig unabhängig von der Kenntnis der Vorgängerbände lesen kann und dennoch Querverbindungen zu den anderen Büchern findet.

Inhalt:
Nach langer Ruhepause mit der Familie und fast ein bisschen Langeweile für Fabian Risk stehen die Ermittler aus Helsingborg vor einem Rätsel. Aus dem Hafenbecken wird nach einer Verfolgungsjagd ein Auto mit einem am Steuer sitzendem Toten geborgen, der offensichtlich nach übermäßigem Alkoholgenuss ertrank. Doch bei genauerem Hinsehen stellt sich heraus, dass jener bereits seit zwei Monaten tot und eingefroren war, der zudem noch in den letzten Tagen von glaubhaften Zeugen gesehen wurde. Was zunächst als unlösbares Rätsel erscheint stellt sich als unglaublich perfider Plan eines Serienmörders heraus, bei dem Risk und das restliche Team alle Register ziehen müssen. Der Mörder, ein Meister der Inszenierung und des Identitätenschwindels, ist den Ermittlern stets einen Schritt voraus und nur durch glückliche Zufälle kommen sie ihm auf die Spur.
Die Dänin Dunja Hougaard, mittlerweile als strafversetzte Streifenpolizistin unterwegs und immer noch im Negativ-Fokus ihres missgünstigen ehemaligen machtgierigen Vorgesetzten, ermittelt auf eigene Faust in unglaublich brutalen und völlig sinnfreien Mordfällen im Zusammenhang mit "happy slapping", wodurch sie bei ihrem gesamten Team auf völliges Unverständnis und Ablehnung stößt und Fabian Risk um Hilfe bittet, als die vermeintlich Schuldigen in seiner Heimatstadt geortet werden.

Die Geschichte, in der Fabian Risk in diesem Band ermittelt, ist für mich neu, außergewöhnlich und dennoch glaubhaft. Es gibt sehr viele Fäden, die die Ermittler aufgreifen und verfolgen müssen, Erfolge und Misserfolge pflastern den Weg und am Ende sind es Zufälle, auf die das Team beim genaueren Hinsehen stößt, die erfolgversprechend sind und den nötigen Vorsprung gegenüber dem unglaublich brutalen, unsozialem und mit allen Wassern gewaschenem Mörder verschaffen.
Durch die vielen verfolgten Wege entstehen mehrere Spannungsbögen, die mich beim Lesen zwischendurch Atem holen ließen.

Dunjas Ermittlungen verfolgte ich sehr bedrückt. Auch hier gibt es enormes Spannungspotenzial, gleichzeitig fühlt man Ratlosigkeit, Hilflosigkeit, Unverständnis und um ehrlich zu sein auch Wut beim Lesen über eine der schlimmsten Arten der Mordens, nämlich einfach so ohne Grund und Zweck zur Befriedigung des Spaßbedürfnisses.

Daneben räumt Ahnhem wie in den Bänden zuvor den familiären und privaten Geschichten seiner Figuren Platz ein. Fabian kämpft um seine Liebe zu Sonja und um seine Familie, die Teamchefin als Helsinborg, Astrid Tuvesson kämpft mit ihrem Alkoholproblem, über die Teammitglieder Elvin und auch über Molander macht Risk ungeheuerliche Entdeckungen, die als Cliffhanger für den nächsten Roman enden. Letzters war mir aber ehrlich gesagt fast ein bisschen zu dick aufgetragen- ein kleiner Wermutstropfen.

Fazit:
Der Thriller ist sehr empfehlenswert, man sollte mit Beginn des Lesens alle wichtigen Verabredungen für die nächsten Tage absagen, das Eisfach gut gefüllt haben und die Finger unbedingt vom Wodka lassen, nach ersten paar Seiten hat man einfach keine andere Wahl, so ähnlich ging es mir zumindest.


  • Stefan Ahnhem "Minus 18 Grad"
  • Erscheinungsdatum:02.01.2017
  • Verlag : List Verlag
  • ISBN: 9783471351246
  • Flexibler Einband 560 Seiten
  • 16,99 €

6. November 2016

Rezension zu "Golden Boy" von Aravind Adiga


Ein Blick hinter die Kulissen

Der Indische Journalist und Autor Aravind Adiga, der mit seinem Roman "Der weiße Tiger" den renommierten Man Booker Price 2008 gewann, hat in seinem neuesten Buch den Nationalsport Indiens - Cricket - thematisiert. 
Er verknüpft die Heilige Kuh Indiens mit dem gesellschaftskritischen Bild der Gegenwart dieses Landes, das keinesfalls zum schillernden Bollywood passen will. 

Mit satirischer, fast schelmenhafter Erzählart bowlt der Kosmopolit Adiga in schneller Abfolge literarische Bälle auf den Leser, die mich getroffen und betroffen gemacht haben, lachen ließen und mir großes Vergnügen bereitet haben. 

Der Zugang zum Roman ist nicht leicht. 
Als Kontinentaleuropäer hatte ich vor der Lektüre keine Ahnung von Cricket. Und auch in Bezug auf die Gesellschaft im heutigen Indien, insbesondere über den Rummel um den Nationalsport - über die Talentscouts, Wettbetrüger, windigen Geschäftemacher, ehrgeizigen Familien, die ihren Jungen durch Cricket gesellschaftlichen Aufstieg verschaffen wollen, Cricket-Gottheiten und Cricket-Clubs und deren Gepflogenheiten, bin ich nicht gut informiert. 

Doch die Mühe beim Einstieg hat sich sehr gelohnt und ich konnte einen grandiosen Entwicklungsroman über die Jugend der beiden Brüder Manju und Radha verfolgen. 

Indien, so der Autor im Anhang, kennt eigentlich nur zwei Religionen: Kino und Cricket. 
Nach der Lektüre bin ich geneigt, das zu glauben. 
Es gibt geheime Verträge mit Göttern, Hindu-Gottheiten und deren Tempel, in denen für den Erfolg im Cricket gebetet und geopfert wird, fast an Gebete erinnernde Rituale zu Beginn des Auftritts eines Schlagmannes auf der Pitch (der rechteckige innere Bereich eines Cricket-Spielfeldes), Gelübte für die Keuschheit zur Unterdrückung niederer Instinkte als Garant für den Aufstieg als Cricket-Star. 
Der Mythos lockt Jungen zum Aufstieg aus indischen Slums in ein besseres Leben, 
aus Schulmannschaften werden Spieler für die Indische Nationalmannschaft dieses einstigen Sportes der Oberschicht gewählt. 
Young Lions werden zu Cricketlegenden, Jungen aus der Provinz und aus armen Stadtteilen von Mumbai sind die hungrigsten und ehrgeizigsten, werden von Familie und Nachbarn gefördert, gefeiert und verehrt. 

Aravind Adiga erzählt die Geschichte zweier Brüder aus Dahisar, einem Slum in Mumbai, 
die von ihrem ehrgeizigen und verrücktem Vater Mohan Kumar ohne Einhaltung irgendwelcher Schamgrenzen zu Cricket-Schlagmännern herangezüchtet werden und auf dem Weg nach oben sind. 
Auf dem älteren Radha liegen alle Hoffnungen und Wünsche des Vaters und er wird bevorzugt gefördert, der jüngere und talentiertere Manju lernt und trainiert gemeinsam mit seinem Bruder widerspruchslos, eisern und diszipliniert, so dass er selbst mit gebrochenem Daumen auf der Pitch bleibt und Bälle weiterschlägt, als sei nichts gewesen. 
Manju stellt alle Bedürfnisse und Wünsche hintenan und verleugnet seine Persönlichkeit für den Erfolg, als dieser in Form eines windigen Förderers und Ivestors an die Tür klopft. 
Die Verhandlungen über die Finanzierung und Unterstützung von Radha und Manju zwischen Vater, Talentscout und Investor erinnern an einen Viehmarkt. 

Manju bekommt seine Cricket-Laufbahn, aber zu einem hohen Preis. Er gibt seinen Traum vom Studium der Naturwissenschaften auf genau wie er seine homosexuelle Neigung komplett unterdrückt, um Erfolg im Cricket haben zu können. 
Und der ältere Bruder Radha bleibt auf der Strecke, weil er es nicht schafft, die an ihn gestellten Erwartungen zu erfüllen, auf die schiefe Bahn gerät und nicht wieder zurück finden kann. 

Die beiden Brüder Manju und Radha sind sehr aufmerksam gezeichnete und komplexe Charaktere, die eindrücklich durch die Nebenfiguren unterstrichen werden. Die wichtigste dabei ist Manjus Freund Javed. Er ist fast ein ins Gegenteil gekehrtes Bild des jüngeren Bruders. Javed stammt aus reicher Familie, muss nichts beweisen, steht zu seiner Homosexualität und will auch Manju dazu bringen, sich seinen Neigungen und Wünschen zu stellen.
Er setzt Manju in einer Gesellschaft, in der Homosexualität unter Strafe steht, damit gehörig unter Druck, dem dieser nicht standhält und in den Schoß des Cricket zurück kehrt. 

"Ich kenne eigentlich niemanden, der Cricket schätzt. Ich meine, Lunchpause! Spiele, bei denen Lunchpausen üblich sind, sollte man nicht als Sport bezeichnen." 

Cricket ist zwar das Feld, auf dem der Roman angesiedelt ist, doch es geht um weit mehr als um den Sport. Cricket selbst ist der Schauplatz der Doppelmoral der indischen Gesellschaft, gibt Platz für den Zwist zwischen Tradition und Moderne, für soziale und gesellschaftliche Verbandelungen und Brüche. Aravind Adiga räumt mit Bezug auf das beliebte Spiel auf und hat den Daumen der Kritik tief in der Wunde, zum Beispiel auf Seite 116: 
"...Wissen sie, wir sitzen auf einer Zeitbombe: Weil Mädchen im Mutterleib getötet werden, fehlen unserer Bevölkerung ungefähr zehn Millionen Frauen....... Ich prophezeie ihnen, dass junge indische Männer zunehmend geistesgestört werden, weil sie keine Frauen zum Heiraten finden, und nicht einmal welche, mit denen sie sich paaren können. ...Nur eines kann uns vor diesem geballten bösartigen Hindu-Testosteron schützen: Cricket......". 

Das Buch strotzt von teils sehr zynischen oder schelmischen Lebensweisheiten, die nebenbei und lapidar dargeboten werden, wie auf Seite 54: 
"Rache ist der Kapitalismus der Armen: die Art und Weise, wie sie die ursprüngliche Wunde bewahren, unmittelbare Genugtuung aufschieben, die erste Beleidigung mit neuen Beleidigungen mästen, Bosheit investieren und reinvestieren und auf den perfekten Augenblick warten, um zurückzuschlagen." 

Ich empfehle das Buch allen, die keine Angst vor anspruchsvollen Romanen haben und für konzentriertes Lesen belohnt werden möchten. Auch für Nicht-Sportbegeisterte entpuppt sich das Buch als ein genialer Schmöker, der eine verrückt-tragische Familiengeschichte ohne klassisches happy end gespickt mit viel Kritik an der Indischen Gesellschaft erzählt, ich vergebe fünf Sterne.



Aravind Adiga
"Golden Boy"
Roman, gebunden, 335 Seiten
Aus dem englischen von Claudia Werner
Erschienen am 19.09.2016
ISBN 978-3-406-69803-3
21,95€

Hörbuchbewertung "Die Insel der besonderen Kinder"



Das von Simon Jäger gelesene Hörbuch "Die Insel der besonderen Kinder" ist ein gelungener Auftakt einer fantastischen Grusel-Trilogie nach der Romantrilogie von Ransom Riggs, es ist schaurig schöne Fantasy passend zur Jahreszeit.
Simon Jäger, der als Synchronstimme von Matt Damon oder Josh Hartnet bekannt ist, erweist sich als sehr gelungene Wahl, um die düstere Gruselstimmung in diesem Hörbuch gekonnt zu transportieren.

Jacob hört seit seiner Kindheit von seinem aus Polen stammenden Großvater Geschichten über ein seltsames Kinderheim auf einer Insel, in der besonderen Kinder wohlbehütet und beschützt leben, über Monster auf der Jagd nach diesen Kindern und über die Abenteuer, die der Großvater selbst dort erlebt hat, als er in dem Kinderheim aufwuchs. Als der Großvater stirbt glaubt der nunmehr 15jährige Jacob an einen Mord und meint für einen winzigen Moment, die schrecklichen Monster aus den Geschichten im Unterholz ausmachen zu können. Psychiatrische Behandlung, von Jacobs Eltern angestrengt, um dem Jungen klar zu machen, dass er sich alles nur eingebildet hat, hält Jacob dennoch nicht davon ab, an die Insel der besonderen Kinder zu glauben und sie zu suchen. Ganz allmählich hebt sich der Vorhang für Jacob und für den Hörer gleichermaßen, Mystik und Spannung beherrschen ab da die Geschichte, die Insel existiert genauso wie die Monster, die Jacob dorthin gefolgt sind.

Man begibt sich als Hörer geführt von einem hervorragenden Sprecher in ein Reich aus Fantasie, Mystik, Spannung und Witz, das eine wirklich originelle Geschichte umrahmt. Mir hat besonders der ständige Bezug zur Realität, sowohl im Hinblick auf die Handlung selbst als auch in Hinsicht auf Interpretationsmöglichkeiten für die Monster, die besondere Kinder während des Zweiten Weltkrieges weltweit verfolgten, gefallen. Es ist ein schöner Gedanke, dass ein Zufluchtsort geschaffen werden könnte, den ein Junge auch aus der heutigen Zeit heraus finden kann. Dass dort nicht alles im Frieden lebt macht die Geschichte interessanter. Natürlich gibt es Querulanten und auch neugierige Kinder, die aus der abgeschotteten Blase ausbrechen und die Welt sehen möchten. 

Ich habe das Hörbuch, das erst allmählich seine Schönheit und Spannung preisgibt und dem man aufmerksam folgen sollte, um interessante Kleinigkeiten nicht zu verpassen, sehr genossen und vergebe fünf Sterne für eine unterhaltsame und grandios gelesene Geschichte.


Ransom Riggs "Die Insel der besonderen Kinder"
Lesung mit Simon Jäger
7 Std 8 Min, 1 mp3-CD
DAV Verlag 
Erschienen im November 2016
ISBN 9783862315871
9,99€


1. November 2016

Der Kreis schließt sich



Mit "Die unsterbliche Familie Salz" legt Christopher Kloebele einen anspruchsvollen Familienschmöker vor, der die Zeit vom Ersten Weltkrieg 1914 bis zum Jahr 2015 in Deutschland anhand einer Hoteliersfamilie verfolgt.

Klappentext
Reich an Glanz und voller Schatten ist die Geschichte er außergewöhnlichen Familie Salz - in deren Zentrum das prächtige Hotel Fürstenhof in Leipzig steht. 1914 kauft es der autoritäre Herr Salz; nach einem mysteriösen Tod in der Familie wird seine Tochter, die Schauspielerin Lola, dafür verantwortlich gemacht und aus der Familie verstoßen. Lange wird sie den Fürstenhof nicht mehr betreten-weder während der Flucht mit ihren Kindern durch das Deutsche Reich noch in den 60er Jahren, als das Hotel Staatseigentum der DDR ist und Lola mit ihrer labilen Tochter Aveline in München lebt. Erst Kurt Salz, Lolas Sohn, gelingt es in einem abenteuerlichen Finale, das Hotel gleich nach der Wende 1989 in den Familienbesitz zurückzuholen. Hochbetagt regiert Lola endlich über das Hotel und über eine Familie, die immer noch tief zerrüttet ist - vom Wandel der Zeiten und den Versuchen, der eigenen Geschichte zu entkommen. Der überraschende, höchst faszinierende Roman einer höchst eigenwilligen Familie, in der sich die Schatten einer Generation auf die nächste legen - auch wenn jeder versucht, sein Leben in ein ganz neues Licht zu rücken.

Eine Familiengeschichte voller Licht und Schatten, erzählt von verschiedenen Mitgliedern der Familie und unterteilt in ebensolche Abschnitte, verfolgt im wesentlichen das Leben der Protagonistin Lola Salz, sie ein sehr langes Leben von 1905 bis 2015 lebte. Die Matriarchin der Familie ist geprägt durch ihre Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg, als sie auf sich selbst gestellt kraftvoll und mutig handelt. Aus der Kindheit trägt sie das Schweigen und die Ignoranz des Vaters gegenüber der Mutter mit sich herum und bleibt ebenso stumm ihren Kindern und ihrer Umwelt gegenüber. Sie schafft es nicht, ihren Kindern nach dem Krieg eine gute Mutter zu sein. Ihr Sohn Kurt erkennt erst sehr spät die Wahrheit und ist bis dahin ungewöhnlich eng unter der Fuchtel seiner Mutter. Aveline gleitet ab und versinkt schon als Teenager im Alkohol, so dass sie ihren Sohn Alexander nicht aufziehen kann. Kurt und auch Aveline bekommen letztlich ihr Leben nur durch Flucht weg von Lola in den Griff.

Die verschiedenen Sichtweisen auf die Geschichte ermöglichen ein rundes Bild beim Lesen und verhindern, dass man als Leser durch die Protagonistin Lola vereinnahmt und beeinflusst wird. Der Wechsel der Erzählperspektiven geben der Geschichte Spannung und Dynamik und ermöglichen die Fokussierung auf jeweils ein Familienmitglied, nämlich das jeweils erzählende, auch wenn Lola Salz in jedem der Abschnitte eine entscheidende Rolle spielt. Man erhält dadurch tiefe Einsichten in die einzelnen Charaktere, was den Roman sehr charmant macht.

Fixpunkt des Generationenromanes ist das Hotel Fürstenhof im Zentrum von Leipzig, das Freude, Leid und Begehren für jedes der Familienmitglieder bis 2015 bedeutet, bis es wieder in Familienbesitz fällt.
Ein weiteres Verbindungselement der einzelnen Erzählstränge sind Schatten, sowohl als Scherenschnitte der Mutter von Lola, die sie von jedem Familienmitglied anfertigt und Schatten, in denen sich Dinge verbergen bis hin zu Menschen, die keine Schatten haben. Mystizismus spielt hier ebenso eine Rolle wie die symbolische Bedeutung der Dunkelheit und Boshaftigkeit. Der Kreis schließt sich durch die Schatten, als Tara Jain als jüngstes Familienmitglied genau wie Lola Salz als 9-jährige einen unsichtbaren Freund hat und Schatten in ihrem Leben eine große Rolle spielen.

Ich habe die Lektüre dieses spannenden und sprachlich abwechslungsreichen Buches trotz einiger kleiner Längen sehr genossen, zähle es zu anspruchsvoller Unterhaltung und vergebe vier Sterne dafür.

Der Autor Christopher Kloeble lebt in Berlin und in Dehli, studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und erhielt 2008 den Literaturpreis der Jürgen-Pronto-Stiftung für das beste Romandebüt "Unter Einzelgängern". Neben dem Schreiben wirkte er als Gastprofessor in Cambridge und an verschiedenen Universitäten der USA. Er veröffentlichte 2012 den viel gelobten Roman "Meistens alles sehr schnell".

Christopher Kloebe
Die unsterbliche Famile Salz
Roman, gebunden
dtv Literatur
440 Seiten
ISBN 978-3-423-28092-1
22,00€
26.August 2016

4. September 2016

Rezension zu "Secret Fire. Die Entflammten"



Das Buch "Secret Fire. Die Entflammten" ist der erste Teil einer Serie und spannend geschriebenes Fantasy-Jugendbuch mit sympathischen Charakteren, einer in sich schlüssigen Handlung und leicht lesbarer und verständlicher Sprache. Auch wenn es nicht mein bevorzugtes Genre ist hatte mich die Geschichte nach kurzer Zeit durch geschickte geschriebene spannende Verwicklungen und Cliffhanger im Griff

Klappentext
Während die 17jährige Taylor alles daransetzt, ihren Traum - ein Studium in Oxford - wahr zu machen, setzt der 17jährige Sacha alles daran, das Schicksal herauszufordern, indem er sein Leben mit spektakulären Aktionen immer wieder in Gefahr bringt. Weiß er doch, dass er genau an seinem 18. Geburtstag sterben wird und keinen Tag früher. Die pflichtbewusste und etwas brave Taylor und der coole und ziemlich draufgängerische Sacha können nicht unterschiedlicher sein und doch ist ihr Schicksal unwiderruflich miteinander verbunden. Vor etlichen Jahrhunderten hat eine von Taylors Urahninnen Sachas Familie mit einem Fluch belegt, der stets den erstgeborenen Sohn trifft. Sachas Tod wird Chaos und Zerstörung auf die Erde bringen. Ein gnadenloser Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Gemeinsam versuchen sie alles, um Sachas Leben zu retten, und stellen dabei fest, dass sie nicht nur der Fluch verbindet, sondern auch ihre starken Gefühle füreinander.

Zwei Außenseiter - ein biederes Mädchen mit hochgesteckten Ziel und ein Junge am Rand der Gesellschaft und seines Lebens sind die Hauptcharaktere dieses Romans. Obwohl grundverschieden werden beim Lesen die Gemeinsamkeiten und die Verbindung zwischen den beiden zunächst nebulös, später immer klarer herausgestellt, daraus entspinnt sich eine ungewöhnliche und spannende Geschichte, der man sich als Leser kaum entziehen kann. Die Autorinnen haben wohldosiert und im für mich richtigem Maß Spannungsmomente eingebaut, die aus Zeit- und Ortswechseln, Andeutungen, Cliffhangern und Ahnungen für den Leser bestehen, so dass man beim Lesen davon regelrecht vorangetrieben wird, ohne sich jagen zu lassen.
Eine überschaubare Anzahl von handelnden Charakteren, Rückblicke in die Vergangenheit, die die Geschehnisse erklären, und eine sehr gute Nachvollziehbarkeit der Ereignisse ergeben ein insgesamt sehr gelungenes und gut lesbares Buch, das mich durchaus fesseln konnte.

Natürlich darf man beim Griff zu diesem Buch keine tiefschürfende Lektüre erwarten, sondern eher spannende und teilweise wirklichkeitsferne oder verträumte Unterhaltung mit Heldinnen und Helden, die bestenfalls den Atem aufgrund ihrer ungewöhnlichen Fähigkeiten stocken lassen und sich moralisch-gesellschaftlich korrekt und mitfühlend trotz ihrer Superfähigkeiten verhalten, Familie brauchen und lieben und sich nichts anderes als Normalität wünschen. Genau diese Erwartungen erfüllt der Roman, weshalb ich eine Empfehlung zum Lesen mit vier Sternen gebe.

C.J. Daugherty war vor ihrer erfolgreichen Autorenlaufbahn Gerichtsreporterin. Die international erfolgreiche Serie "Night School" stammt aus ihrer Feder.
Die Co-Autorin Carina Rozenfeld ist eine in Frankreich bekannte Autorin von Fantasyromanen und schreibt seit ihrem 9. Lebensjahr.


C.J. Daugherty, Carina Rozenfeld
Secret Fire. Die Entflammten
Fester Einband, 448 Seiten
Verlag: Oetinger
ISBN 9783789133398
Erschienen August 2016

    2. September 2016

    Rezension zu "Justins Heimkehr" von Bret Anthony Johnston


    Das Buch "Justins Heimkehr" beginnt dort, wo andere Bücher aufhören, nämlich mit der Heimkehr eines Entführungsopfers. Es beschreibt die emotionale Ausnahmesituation innerhalb einer nach außen hin intakten Familie, die zuerst mit der Entführung und später mit der Heimkehr eines ihrer Söhne umgehen muss. Dass der Autor dabei völlig ohne reißerische Effekte, ohne Voyerismus in Nahaufnahme zur Entführung selbst auskommt und dennoch Spannung schafft, macht dieses Buch so aufregend anders verglichen mit Büchern, die sich mit der Thematik Entführung befassen.

    Klappentext
    Mit psychologischem Feingefühl und sehr spannend erzählt Bret Anthony Johnston in seinem Debütroman von einem Familie unter Schock. Vor vier Jahren ist Justin Campbell, damals zwölf Jahre alt, entführt worden. Seine Eltern und sein Bruder, die nie aufgehört haben, nach ihm zu suchen, haben unterschiedliche Wege gefunden, mit diesem Erlebnis umzugehen. Wege, die die Familie eher auseinanderdriften lassen. Da wird Justin wie durch ein Wunder ganz in der Nähe entdeckt und seinem Entführer entwunden - der inzwischen 16-Jährige kehrt in die Familie zurück. Aber ist der Wiedergefundene nicht doch verloren? Und was geschieht mit dem Täter, der vor Gericht gestellt wird und auf "nicht schuldig" plädieren will?
    Bret Anthony Johnston zeigt sich in diesem Roman als hochbegabter, raffinierter und klüger Erzähler, der glaubwürdige und faszinierende Charaktere zeichnen kann und ohne Effekthascherei ins Herz der Dinge vordringt.

    Die Familie, nach außen hin und auf den ersten Blick intakt, muss Zerreißproben bestehen, zunächst die Entführung, bei der die Unfähigkeit der Familienmitglieder zur Kommunikation, zum gemeinsamen tröstlichen Weiterleben und gemeinsamen Hoffen vorherrscht. Vater Eric und seine Frau Laura erfinden für sich Mechanismen, um dem Alltag zu entfliehen und wenig Berührungspunkte zu haben, der jüngere Sohn Griffin versucht ebenso allein seinen Weg zu finden, ohne Elterliche Hilfe. Obwohl alle gemeinsam hoffen und Justin nie aufgeben, obwohl die kleinstädtische Gemeinschaft die Familie in Watte packt und durch hilfsbereite Gesten versucht, die Verzweiflung zu mindern, kann man als Leser dank dem Blick hinter die Fassade das Alleinsein der einzelnen Familienmitglieder deutlich spüren. Sprachlich unterstreicht der Autor dies extrem geschickt, indem kaum Dialoge stattfinden sondern lediglich Gedanken und die Gefühlswelt der zurückgebliebenen Mitglieder der Familie Campbell aufgezeigt wird.

    Nach der erlösenden Nachricht, dass Justin gefunden wurde und er heimkehren kann, löst sich dieser Knoten nicht. Weder Leser noch die Familie erfahren, was Justin in den vier Jahren seiner Entführung zustieß, und das ist für das Buch auch nicht wichtig. Wesentlich ist der Umgang mit der Rückkehr, das Zurückfinden in den Alltag und das Glück, wobei das Handeln der Familie oft sehr aufgesetzt und gestelzt statt glücklich wirkt. Das Unwissen um die Entführung und der auch für den Leser nicht greifbare Charakter Justins schwebt wie eine dunkle Wolke über allem, über der Kommunikation, über der Liebe untereinander, über dem Umgang mit Alltäglichem.

    Extrem zugespitzt wird die Situation dadurch, dass Justins Entführer seine Tat nicht zugibt und zunächst auf Kaution frei kommt. Diesem enormen Druck können die Campbells nicht problemlos standhalten, das zerbrechliche Familienglück steht erneut auf dem Prüfstand.

    Das Buch lebt von subtiler Dramatik mit Cliffhangern an den Kapitelenden, von Verwirrspielen für die Familie und für den Leser, von der feinen und aufwändigen Zeichnung der Charaktere, die sich oft erst beim zweiten Hinsehen wirklich offenbaren, und von der Nachvollziehbarkeit und Authentizität des Geschehens in einer texanischen Kleinstadt. Dass man als Leser keinen Zugriff auf Justins Gedanken sondern nur auf seine Handlungen hat, finde ich ganz besonders gelungen. Man fühlt sich dadurch ein wenig wie ein Mitglied der Familie Campbell, die Justin ebenso wenig verstehen oder mit ihm kommunizieren können.

    Viele kleine Details, teilweise cineastische Beschreibungen, hervorragend transportierte Gefühle, und eine Sprache, bei der jeder Satz passt und keiner zuviel ist, sorgen für ein großartiges und unbedingt empfehlenswertes Leseerlebnis, ich vergebe fünf Sterne für dieses wirklich außergewöhnliche Buch.

    Der Autor Bret Anthony Johnston unterrichtet Fiction Writing an der Harvard University und veröffentlichte bisher einen Erzählband "Corpus Christi" (2004) und schrieb das Drehbuch zum Dokumentarfilm "Waiting for Lightning" (2012). Justins Heimkehr ist sein Roman-Debüt.

    Justins Heimkehr
    Bret Anthony Johnston
    Gebunden, 424 Seiten
    Verlag C.H. Beck
    ISBN 9783406697425
    Erschienen Juli 2016