5. Juli 2020

Hommage an New York





Vivian Gornick ist mit ihrem Buch „Eine Frau in New York“ eine kleine Perle und Hommage an ihre Stadt New York geglückt. Die lose verknüpften Episoden mit dem Hintergrundrauschen der Großstadt mit ihren Möglichkeiten, Begegnungen und Menschen erlauben dem Leser ein Gefühl für die Autorin und für die Stadt, in der sie lebt.

In zusammengestückelten Erinnerungsfetzen schreibt Vivian Gornick über Freundschaft, Liebe, Suche und Selbstfindung, manchmal mit journalistisch-distanziertem Blick auf die Menschen, die sie trifft, manchmal voller Nähe und Wärme für diejenigen, die sie begleiten. Sprunghaft und auf den ersten Blick zusammengestückelt begleitet man sie beim Lesen durch ihre Stadt und die Begegnungen, die für Vivian Gornick so essenziell sind. Die Stadt ist der Fluss, in dem alles schwimmt, der alles bewegt, die Stadt duldet und verzeiht, gibt keinen auf, der mit ihr verbandelt ist. Die Stadt liebt ihre Bewohner, sofern sie das nötige Temperament besitzen. Natürlich romantisiert die Autorin hier sehr, aber ich glaube der Vivian Gornick ihre Gefühle, die sie mit der Lebensart einer Stadt verbindet, in der Menschen und ihr Temperament wichtiger sind als gute Jobs und Sicherheit, und es ist großartig, genau dem Gefühl beim Lesen auf die Spur zu kommen.

Mit äußerst wachen Blick betrachtet Vivian Gornick die Menschen und Situationen. Ich bewundere ihre Intelligenz und ihre Ehrlichkeit dahingehend, dass sie gegenüber dem Leser ihre eigenen Stachel des Unmuts und elitärem Denken zugibt. An anderen Stellen bekam ich beim Lesen Gänsehaut, so achtsam, großzügig und scharfsichtig sind ihre Analysen. Manchmal musste ich laut auflachen über klugen Witz, den sie situationsbedingt erkennt.
Vivian Gornick betreibt Flanieren und nützliches Alleinsein, getragen von ihrer Stadt, von ihrer Suche nach sich selbst, von ihren Begegnungen, von ihrer Freundschaft und dem großen Gewinn, den sie für sich selbst daraus zieht. 
Das Buch hat mich in den Bann gezogen, nicht zuletzt wegen der sprachlichen Brillanz und wegen ihrer konsequent feministischen Betrachtungsweise.

Es ist ein wunderbares Buch, wenn man sich darauf einlässt, dass es eben kein Roman ist sondern aneinandergereihte Episoden, die scheinbar nur ganz lose miteinander verknüpft sind aber dennoch einem Pfad folgen, nämlich dem der Stadt New York selbst, der Offenheit und Toleranz, dem Hochhalten der Freundschaft und dem „nützlichen Alleinsein“.





Vivian Gornick
„Eine Frau in New York“
Gebunden, 160 Seiten
Erschienen bei Penguin
am 15 Juni 2020
ISBN 978-3328600886
Preis 20 €



17. Juni 2020

Leichte Unterhaltung ohne Leichtigkeit





Zwei ungleiche Schwestern, ein Elternhaus an der Ostsee, das nach dem Tod der Mutter ausgeräumt und verkauft werden muss, sind die Grundzutaten für diesen unaufgeregt erzählten und kitschfreien Unterhaltungsroman. Ich habe mich von der Grundstimmung, die die Geschichte verspricht, zum Lesen locken lassen - Kindheitserinnerungen an das Meer, an die verstorbene Mutter, gespickt mit ein paar Verwicklungen in der Gegenwart. 

Ada und Toni, die Schwestern, die nicht ungleicher sein könnten, treffen sich nach dem Tod der Mutter in ihrem alten Elternhaus an der Ostsee in Gragaart. Ada lebt mit weit offenen Augen und Herzen, ganz Künstlerin, in Hamburg, hat eine Affäre mit einem verheirateten Mann, der sie an der kurzen Leine hält. Toni, die durchstrukturierte und durchgestylte Planerin, verheiratet mit zwei fast erwachsenen Kindern, führt hinten in ihrem Lehrerkalender codierte Listen über ihr Sexleben mit ihrem Ehemann. Ada freut sich auf die Zeit mit ihrer Schwester im Elternhaus und auf die Reise in die Vergangenheit, doch Toni sperrt sich und ist anfangs schnell wieder in ihr komplett verplantes Alltagsleben mit Lehrerjob und Familie eingebunden. Erst allmählich nähern sich die beiden ihrer Vergangenheit, lassen mit alten Kleidern aus Überseekoffern glückliche Tage wieder aufleben und kommen dabei ihrer Mutter, ihrem schon lange totem Vater und sich selbst näher. Und wie so oft, wenn das Leben kurz innehält, schärft sich der Blick der beiden auf die eigene Situation, die für keine der Schwestern eine glückliche ist. Mit hoffnungsvollem offenem Schluß enden die zwei Wochen im alten Elternhaus an der Ostsee für beide, kitschfrei und mit Spielraum für verschiedene Wege.

Eine angenehme Geschichte, unaufgeregt und (fast) kitschfrei erzählt, Sommerstimmung am Meer und im alten Haus mit schönem Bauerngarten und Familienerinnerungen - das verspricht einen angenehmen Unterhaltungsroman.
Ich bin jedoch nicht wirklich im Buch angekommen, was hauptsächlich stilistisch bedingt ist. Der Schreibstil ist mir zu hölzern mit Nebensätzen, die manchmal unpassend, oft sperrig und stocktrocken wirken. Deutsch-unterkühlt und sehr sachlich nicht zur Situation passend, mit gestelzten Nebensächlichkeiten, die für mich oft uninteressant für die Geschichte sind.
Und die Figuren bleiben mir sehr fern, sie handeln stereotyp, passen sehr gut in für sie vorgesehene Schubladen. Ich vermisse in der Geschichte Leichtigkeit und Poesie, die sehr gut zur Grundidee der Story gepasst hätte. Ein paar Konstruktionen und Verwicklungen sind mir zu vorhersehbar und aufgesetzt.

Es ist eine leicht lesbare leichte Unterhaltungslektüre, die, um mit dem bei Whatchareadin neu geschöpften Ausdruck zu arbeiten, durchaus viel mehr „Hängemattigkeit“ im Sinne von Leichtigkeit und Poesie, etwas mehr Bildhaftigkeit und weniger Gestelztheit vertragen hätte. Auch eine nicht ganz so chronologische Erzählweise und die eine oder andere Überraschung hätten dem Buch gut getan.




Anne Müller
Zwei Wochen im Juni
Roman gebunden, 240 Seiten
erschienen bei Penguin
am 27. April 2020
ISBN 978-3328601098
Preis 18,00 €

11. Juni 2020

Fiktives Memoir





In ihrem fiktiven Memoir „Die Schauspielerin“ begibt sich eine Tochter auf die Spuren ihrer Mutter, versucht hinter die Fassade zu sehen. Die preisgekrönte irische Autorin Anne Enright hat dafür auch die Figur der Tochter erfunden, die Schriftstellerin ist, ebenso alle Schlüsselfiguren ihres sehr lesenswerten Romans.

Auch wenn alles Fiktion ist erzählt Anne Enright in ihrer Geschichte tiefsinnige Wahrheiten anhand einer Mutter-Tochter-Beziehung, schafft berührende Momente und blickt sehr präzise und gekonnt hinter sorgsam aufgebaute und ständig vom Einsturz gefährdete immer wieder geflickte Fassaden. Es macht nichts, dass die Personen nie wirklich gelebt haben, denn die Familiengeschichte, die sich im Buch abspult, ist voller Leben und Detailreichtum, der liebevolle und sorgsame Umgang der Autorin mit ihren Figuren lassen beim Lesen schnell vergessen, dass alle nie lebten.

In den 1970er Jahren in Dublin wird man direkt ins rückblickende Geschehen gestellt, eine Party bei der gefeierten und mittlerweile alternden Schauspielerin Katherine O‘Dell zum 21. Geburtstag ihrer Tochter Norah. Beide Frauen befinden sich an einer Schwelle, was sich aus der Stimmung schnell herausspülen läßt, die aber nicht klar definiert sondern zunächst diffus umrissen wird. Der Dunstkreis von Katherine umwanderte sie, und auch Norah bekommt etwas vom verblassenden Glanz ab, so wie ihr ganzes bisheriges Leben.
Norah kennt ihren Vater nicht, und in Rückblicken aus der heutigen Zeit, nach dem Tod ihrer Mutter, begibt sie sich auf die Suche nach ihm und vor allem nach dem Wesen von Katherine, die mit zunehmendem Alter an Bekanntheit und Beliebtheit verlor und sich mit Alkohol und Tabletten betäubte, bevor sie schließlich verrückt wurde und einem Filmproduzenten in den Fuß schoß.

Es ist die Überfülle an Details, die vielen Kleinigkeiten, mäandernd erzählt, die zärtlichen Rückblicke auf Katherines Leben im Familienkosmos, die das Buch zu etwas Besonderem machen. Die Geschichte hat es in sich, auch schon vor dem Absturz aus den luftigen Höhen Hollywoods mit Stolperstrecken an Englischen und Französischen Theatern bis zur letzten rasanten Talfahrt in die Psychiatrie lüftet Norah gut gehütete Geheimnisse und blickt tief in die verwundete Seele ihrer Mutter, letztlich immer verzeihend. Die Symbiose der beiden Frauen wird getragen von vielen männlichen Figuren, beginnend beim Großvater FitzMaurice, der als Schauspieler zunächst mit einer irischen Wanderbühne umherzog und später im Fernsehen eine gewisse Berühmtheit erlangte, über viele Künstlerkollegen und Bewunderer bis hin zum Mythos von Norahs Vater. Die Parties in Katherines Haus in Dublin am Dartmouth Square zeugen vom Aufstieg und späteren Niedergang der Schauspielerin, den Norah beobachtet, Bewunderer und alte Freunde wenden sich beinahe immer mehr ab, im Hintergrund ein politisch zerrissenes Irland, dem Katherine, die Vorzeige-Irin mit englischen Wurzeln, ihren Tribut zollt.

Zwei Frauen, die einander brauchen, verletzen und sich lieben, die Tochter stets das Lebenslicht der Mutter und dennoch oft am Rande ihrer Welt allein gelassen, verletzt und verraten - die Fülle der Erinnerungen von Norah ist manchmal kaum zu fassen. Besonders wenn die Episoden scheinbar unverknüpft wie Gedankenfetzen in völlig anderem Zusammenhang auftauchen. Man muss das Puzzle beim Lesen geduldig selbst zusammen stecken, und am Ende fehlen dennoch ein paar Teile, wie im richtigen Leben. Mein einziger kleiner Kritikpunkt am Buch ist, dass in dem Gewimmel manches einfach untergeht und verlodert.

Das Buch „Die Schauspielerin“ von Anne Enright hat es auf die diesjährige Longlist für den „WOMEN’S PRIZE FOR FICTION 2020“ geschafft, völlig zu recht, wie ich finde.



Anne Enright „Die Schauspielerin“
aus dem Englischen von Eva Bonné
Roman gebunden, 304 Seiten
Erschienen im Penguin Verlag
Am 23. März 2020
ISBN 978-3328601340
Preis 22 €


24. Mai 2020

Armes Indien





Täglich knapp 200 Kinder verschwinden in Indien, die meisten werden nicht einmal vermisst.
Deepa Anappara benutzt für ihren Roman „Die Detektive vom Bhoot-Basar“ eine auf tatsächlichen Ereignissen beruhende Geschichte über die Entführung von Kindern. Die Autorin führt den Leser in ihrem großartigen Debüt-Roman in ein Armenviertel in Dehli, wo bei einer Entführungsserie Kinder aus dem Slum verschwinden und eine Bande von Kinderdetektiven dort ermittelt, wo die Polizei wegsieht. 
Weit weg von der glitzernden Bollywood-Welt wird man als Leser mit Grausamkeiten im Slum, unvorstellbaren Lebensumständen und Armut, Frauenfeindlichkeit und Übergriffen von nationalistischen Hindus auf Muslime aus naiver kindlicher Sicht konfrontiert. Beim Lesen wirkt das unschuldig, nicht Mitleid erheischend, aber dennoch wie eine Sozialstudie der indischen Unterschicht, die dadurch erträglich ist, dass die kleinen Protagonisten nicht hoffnungslos verloren sind, sich Glücksmomente und Freude bewahren und zumindest in den Geistergeschichten das Gute siegen darf.
Die Autorin weiß wovon sie schreibt, sie hat als Journalistin in Dehli gearbeitet und hatte dort viel Kontakt zu Straßenkindern, denen sie in ihrem Roman ein Gesicht gibt. Ihre Erfahrungen mit den Kindern spiegeln sich in ihrem Buch wider, es sind keine armen duldsamen Opfer sondern aufgeweckte mutige, schlaue und freche Kinder, die selbstbewusst durchs Leben gehen.

Der neunjährige Jai, seine kluge Freundin Pari und der muslimische Faiz sind die Kinderdetektive, die nach dem Verschwinden eines Schulfreundes aus Jais Klasse nach diesem suchen. Jai schaut zu viele Polizeidokus und schwingt sich zum Anführer der Bande auf, Pari kommt als Klügste von allen auf die besten Ideen und Faiz hat viel Lebenserfahrung, arbeitet er doch schon im nahe gelegenen Basar. Alle drei leben im Basti, einem illegalen Slum am Fuß einer großen Müllkippe, hinter der die Wohntürme der Betuchten HiFi-Leute aufragen. Als immer mehr Kinder verschwinden geraten auch die drei kleinen Ermittler in Gefahr.

Durch die Struktur der Geschichte fühlt man sich sofort an Emil und die Detktive oder an Kalle Blomqvist erinnert. Aber das Wesen des Romans besteht nicht in der Aufklärungsarbeit - dazu tragen die Kinder lediglich kleine Schnipsel bei - sondern im Blick auf das Leben in einer Großstadt im heutigen Indien. Ganz nahe darf man den Bewohnern des Basti über die Schulter sehen, ihre Armut im Alltag genauso beobachten wie den Umgang mit der Familie, mit Minderheiten, mit Geistern. Korrupte Polizisten treten im Basti auf genauso wie rechtsnationale Hinduisten. Man bekommt Einblick in die weit geöffnete Schere der Klassenunterschiede, wenn man davon liest, wie Jais Mutter sich für eine HiFi-Madam als Dienstmädchen abschuften muss. Oder wie der Vater eines der entführten Jungen, ein Mann, der für die Reichen die Bügelwäsche erledigt, durch den Wegfall der Arbeitskraft seines Jungen komplett im Schuldenstrudel versinkt. Von undurchdringlichem allgegenwärtigen Smog erzählt die Autorin ebenso wie von der Angst der Bewohner des Basti vor den Bulldozern. Alles betrachtet aus der Sicht des kindlichen Ich-Erzählers Jai, was den vielen Schrecken oft die Spitze nimmt und es für den Leser etwas erträglicher macht.
Es ist eine kluge Wahl der Autorin, den kleinen Jungen erzählen zu lassen. Er ist neugierig und aufgeweckt, unschuldig und darf sich irren, starrt genau hin wo ein Erwachsener wegsehen würde. Und er glaubt an von Mund zu Mund weitergegebene Geistergeschichten, die den Kindern und Verlassenen Hoffnung und Schutz vor der harten Realität spenden.

Am Ende kommt es durch die Mithilfe der drei Freunde Jai, Pari und Faiz zu einer Verhaftung, allerdings wird nicht endgültig geklärt ob es wirklich die Drahtzieher erwischt hat. Auch das Motiv bleibt offen, ebenso wie die entführten Kinder verschwunden bleiben. Wie im richtigen Leben endet das Interesse der Polizei und der Medien nach einem kurzen Aufflackern, denn die Ärmsten der Armen sind einfach nicht wichtig genug um mehr Anstrengungen zu investieren. Dazu fehlt ihnen einfach das Geld zur Bestechung in der korrupten indischen Gesellschaft.
Leichtfüßig beginnt die Geschichte, aber im Verlauf nimmt die Bedrückung immer mehr zu, beim Leser und bei den drei kleinen Detektiven, die zunehmend überfordert sind von Korruption, Diskriminierung, Schmutz, Brutalität und der Enge des Viertels. Als Leser fühlt man sich ebenso, denn es ist keine glückliche Geschichte mit einem guten Ende, auch wenn ab und zu Lebensmut und Hoffnung aufblitzen, lastet das Gelesene schwer auf dem Gemüt und ich fühle mich in meiner Komfortzone etwas unbehaglich und mitschuldig.



Die Detektive vom Bhoot-Basar von Deepa Anappara
Roman gebunden, 400 Seiten
Erschienen im Rowohlt Buchverlag
Am 10. März 2020
ISBN 978-3498001186
Preis 24,00 €


Voller Klischee





Ich habe das Buch „Mrs Fletcher“ von Tom Perrotta im Rahmen einer Leserunde gelesen, was der Grund dafür war, bis zum Ende durchzuhalten. Den vielen lobenden Kritiken in der Presse kann ich mich in keiner Weise anschließen, denn für mich war der Roman über eine reichlich vierzigjährige Frau zwar anfangs von Zynismus und bösem kritischen Witz über die amerikanische Vorort-Mittelschicht geprägt, aber bei längerem Lesen entpuppte sich das Buch als Abfolge scheinbar provokanter Themen voller Klischees, bei denen ich den Verdacht hatte, dass der Autor seiner weiblichen Protagonistin unter dem Deckmantel des Frauenverstehers seine männlichen und oft machohaften Ansichten und Fantasien überstülpt.

Die Geschichte um die Entwicklung der geschiedenen Eve, die nach dem Weggang ihres Sohnes Brendan ans College um ihre Identität zu kämpfen scheint, hatte mich recht schnell verloren. Gelangweilt und einsam probiert sie sich aus, um ins Leben zurückzufinden, arbeitet sich durch eine to-do-Liste gegen ihre Verlassenheit, bleibt auf Pornokanälen und Dating-Sites hängen und besucht wöchentlich ein Seminar zur Genderthematik. Ihr Sohn Brendan feiert, säuft und vögelt sich derweil durch sein neues College-Leben und scheitert an seiner machohaften Art, kehrt geknickt nach Hause zurück. Die Idee klingt gut, aber Tom Perrotta verliert sich leider zum einen in Klischees, zum anderen vermag er sich mit seiner sehr männlichen Sichtweise den weiblichen Figuren nicht annähern. Ich habe mich zwar nicht gerade durchgequält - denn sprachlich und stilistisch ist das Buch völlig in Ordnung und gut zu lesen - aber oft fand ich es einfach ärgerlich.
Nein, ich mag es nicht, wie der Autor eine Frau am Wendepunkt ihres Lebens seine männlichen Fantasien aufzwingt. Und dass er seine Eve am Ende in die große glückliche Rettung einer Ehe rutschen lässt birgt für mich noch mehr an bürgerlichem Klischee, das zudem überhaupt nicht zum Buch zu passen scheint.
Ich weiß auch überhaupt nicht, welcher Zielgruppe ich den Roman ans Herz legen könnte. Männlichen weißen Amerikanern, die gerade beginnen ein wenig über ihren Macho-Tellerrand zu schauen, mit verklemmter Erziehung und Collegeabbruch? Frauen jedenfalls nicht.




Tom Perrotta „Mrs Fletcher“
Roman gebunden, 416 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft
Am 22. März 2020
ISBN 978-3423281751
Preis 22,00 €

17. Mai 2020

Gelungenes Memoir



Rose Tremain schreibt ganz wunderbar, und mit der gleichen Leichtigkeit, die den Stil ihrer Romane ausmacht, erzählt sie von ihren Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend, ohne Groll auf ihre Familie.

Das neue Buch von Rose Tremain „Rosie“ ist eine autobiografische Erzählung, bei der sich die gefeierte Autorin einzelne Episoden aus ihren Kindheits- und Jugenderinnerungen herauspickt und anhand dieser das Familiengeflecht aufzeigt. Sie wuchs trotz der Nachkriegszeit in der gehobenen Londoner Mittelschicht in Wohlstand auf, bei ihrer Mutter oder bei den Großeltern auf dem Landgut. Doch es fehlte die Wärme in der Familie, einzig bei ihrer Nanny Vera, die sich Rosie heimlich als ihre wahre Mutter erträumt, findet sie als Kind Geborgenheit. Die Mutter, unfähig sich den Kindern zu widmen und statt dessen beschäftigt damit, die für sie verlorene Zeit aufzuholen, nimmt sich einen neuen Partner und verfrachtet die beiden Mädchen wie Störfaktoren in ihrem neuen Leben kurzerhand ins Internat, wo Rosie Freundschaften knüpft und ihr künstlerisches Talent durch zwei Lehrerinnen gefördert wird und sie letztlich ihre Bestimmung, das Schreiben, findet.

Mit bestechender Aufrichtigkeit, ohne Groll auf ihre Familie bewegt sich Rose Tremain in diesem Memoir durch ihre Erinnerungen. Sie sucht nach Verständnis für ihre rastlose frustrierte und überforderte Mutter, die ihre Jugendjahre an den Krieg verlor, hat einen scharfen, kritischen und nicht weichgezeichneten Blick auf ihr Umgebung und zeichnet alles dennoch voller Liebe nach. 
Faszinierend ist dabei, dass es Rose Tremain schafft, so leichtfüßig zu schreiben, trotz der schweren Kost, die sie dem Leser serviert. Die Geschichte ist erschütternd und zugleich heiter, fast tröstlich, und vermag zu vermitteln, dass Rose Tremain mit ihrer Vergangenheit versöhnt und mit sich selbst im Reinen ist.

Interessant ist zudem, dass Rose Tremain aus ihren kindlichen Begegnungen das Grundgerüst bzw. Figuren für spätere Romane bezog, und dass sie durch Fußnoten an entsprechenden Stellen den Leser daran teilhaben lässt.

Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen, Rose Tremain erzählt eine berührende Geschichte voller Wärme und Weisheit, ohne Bitterkeit, zusammengesetzt aus vielen kleinen Episoden, ohne den roten Faden dabei zu verlieren.




Rose Tremain „Rosie“
Gebunden, 211 Seiten
Erschienen im Insel Verlag
Am 8. März 2020
ISBN 978-3458171854
Preis 22 €

11. Mai 2020

Erinnerungskultur





Ein äußerst bedrückendes Kapitel der Sowjetgeschichte beschreibt der 1984 in Minsk geborene  Autor Sasha Filipenko in seinem Roman „Rote Kreuze“. Bewegend und authentisch lässt er die 90jährige Tatjana ihre Geschichte erzählen, die sich wie eine fürchterliche Blaupause der Geschichte der vom Stalinregime Verfolgten in der Sowjetunion des 20. Jahrhunderts liest.


Alexander, ein junger Mann, vom Schicksal gebeutelt, zieht nach Minsk und begegnet seiner an Alzheimer erkrankten Nachbarin Tatjana Alexejewna, die ihm sofort ihre Lebensgeschichte erzählt. Zunächst genervt von der alten Dame, die gegen das Vergessen ankämpft, gerät Alexander im Laufe der Zeit immer mehr in den Bann der Schrecken, die Tatjana in ihrem Leben seit Beginn der großen Säuberungen 1937 aushalten musste. Eine entzwei gerissene Familie, Verhaftungen und falsche Anschuldigungen, Folter im Gefängnis, entbehrungsreiche Transporte in Güterzügen und Gulag pflastern den Weg von Tatjana, lange Zeit ohne Rehabilitierung oder geschweige denn Entschuldigung vom Sowjetsystem.


Tatjana kämpft gegen das Vergessen, gegen ihr eigenes und gegen das der Untaten und Unterdrückung normaler unbescholtener Bürger durch das System, sie versucht die Erinnerungen zu pflegen und weiterzugeben, bevor sie der Krankheit anheimfällt.


Ausgangspunkt des Romanes für den Autor waren Briefe des Genfer Roten Kreuzes, die während des Zweiten Weltkrieges an die Regierung der Sowjetunion zwecks Gefangenenaustausch oder zumindest Austausch von Listen Deutscher und Sowjetischer Kriegsgefangener geschickt wurden, die alle seitens der zuständigen sowjetischen Behörden unbeantwortet blieben.


Die Romanfigur Tatjana arbeitete damals als Fremdsprachensekretärin im Außenministerium in Moskau und bearbeitete die Gefangenenlisten aus Genf. Auf einer der Listen findet sie den Namen ihres Mannes, womit dieser als Verräter gilt und sie als seine Ehefrau gleich mit. Sie löscht den Namen ihres Mannes von der Liste, wird aber dennoch von den Stalinistischen Säuberungen am Ende des Krieges erfasst und zur Verräterin abgestempelt, ihr wird das Kind genommen und sie kommt ins Gefängnis.


Tatjanas Geschichte ist zwar Fiktion, ist aber beispielhaft für die Geschichte von Stalin Verfolgter und Gefangener in der 1940er/1950er Jahren, die ohne haltbare Anklage gefoltert, abtransportiert, erschossen wurden oder einfach in den Gulags an Hunger oder Erschöpfung starben. Die vom Autor beigefügten Brief-Dokumente des Genfer Roten Kreuzes unterstreichen den Schrecken der Geschichte auf ganz unheimliche Weise durch ihren sachlich-bürokratischen Ton.


Der Roman ist eine äußerst überzeugende Darstellung der Unterdrückung und ein Kampf wider das Vergessen, auch wenn an manchen Stellen ein bisschen zu dick aufgetragen wurde, insbesondere bei der Rahmenhandlung zu Alexanders Schicksal in den 2000er Jahren. Der Autor versteht es, Tatjanas Geschichte geschickt mit der Gegenwart zu verknüpfen und mit klarer Sprache und viel Spannung zu erzählen, ohne in Pathos zu verfallen. Es ist ein gelungenes Stück Erinnerungskultur, der lesenswerte fünfte Roman des weißrussischen Autors, bei dem ich mich auf weitere Übersetzungen freue.



Sasha Filipenko "Rote Kreuze"
Roman gebunden. 288 Seiten
erschienen bei Diogenes Verlag
am 26. Februar 2020
ISBN 978-357071245
Preis 23,00 €