11. Januar 2019

Grandioses Buch







Der Roman „Stella“ von Takis Würger erzählt die tragische Liebesgeschichte des Schweizers Friedrich und der jüdischen Denunziantin Stella im Berlin von 1942. Es ist eine spannende, erschreckende und fast unglaubliche Geschichte, ein dunkles Kapitel deutscher Vergangenheit über ein Opfer, das zur Täterin wird und über einen jungen Schweizer, der sich in einer Fantasiewelt der Wirklichkeit zu entziehen versucht, immer mit dem Privileg der Flucht durch seinen Pass im Hinterkopf.

1942 kommt Friedrich, ein stiller junger Schweizer, nach Berlin und trifft an der Kunstschule Kristin. Mit ihr beginnt ein aufregender nächtlicher Weg durch Berlins Jazzclubszene. Der Krieg scheint weit weg zu sein im luxuriösen Hotel am Potsdamer Platz, wo es bei Bombenalarm Champagner und Geigenmusik im Keller gibt. Doch alles ändert sich für Friedrich, als Kristin eines Morgens zerschunden ins Hotel kommt und gesteht, sie sei Jüdin, heiße Stella und sei von der Gestapo zu einem Pakt zur Denunziation versteckter Juden gezwungen worden, um ihre Eltern vor den Todeslagern der SS zu retten.

Takis Würger spielt in dem Roman mit einer wahren Geschichte, nämlich der von Stella Goldschlag, der jüdischen Kollaborateurin, die Hunderte Juden aufspürte und an die Gestapo verriet und damit den Vernichtungslagern auslieferte. Stella Goldschlag lebte von 1922 bis 1994.

Es ist ein Zwiespalt und ein wackeliger Pfad, auf den man vom Autor als Leser geschickt wird. Einerseits ist Verrat auf den ersten heutigen Blick natürlich tabu und verurteilungswürdig, aber Takis Würger gelingt das große Kunststück, beim Leser Verständnis für Stellas Situation und ihr Verhalten zu wecken, indem er Ihre menschliche Seite zeigt und sie selbst auch als Opfer der Nazis vorführt. Zum einen möchte man sie unbedingt verurteilen, weil sie lieber deutsch als jüdisch sein möchte, weil sie versucht, sich an das herrschende System anzupassen, und natürlich weil sie andere Juden verrät. Andererseits stellt sich die Frage, ob Stella jemals wirklich eine Wahl hatte und ob man sie überhaupt verurteilen und schuldig sprechen darf, wenn sie Juden aufspürt, um die Haut ihrer Eltern zu retten.

Verzweifelt, voller Melancholie und Sehnsucht, aber auch ausschweifend und obsessiv sind die Facetten, in denen sich Stella dem Leser zeigt. Friedrich ist ihr vom ersten Moment an verfallen, und man versteht ihn. Seine Suche ist die nach dem Leben, ein Versuch des Ausbruchs aus dem Goldenen Käfig in der Schweiz. Naiv und aufgeregt auf der Spur von Verbotenem bewegt er sich wie in einer Twilight-Zone zur Realität, privilegiert und abgeschottet im Luxushotel und im nächtlichen Berliner Untergrund, gleichzeitig voller Wahn und abhängig von einer Frau, die ihn nahezu handlungsunfähig macht.


Es ist eine Geschichte der Grautöne, man bekommt vom Autor allerdings heftige Lektionen zur Realität und Objektivität durch eingeschobene Verhörprotokolle realer Prozessakten, in denen sich schwarz und weiß klar abzeichnen. Und gerade deshalb ist es trotz der Grauzeichnung eine sehr moralische Geschichte, die fesselnd, eindringlich und aufrüttelnd ist und mich voller Nachdenklichkeit zurück gelassen hat. Großer Applaus von mir dafür, verbunden mit einer dringenden Empfehlung zur Lektüre diese famosen Buches.



Stella Bonn Takis Würger
Roman, gebunden
Erschienen im Hanser Verlag
11.Januar 2019
ISBN 9783446259935
Preis 22 €

30. Dezember 2018

Herrlich knarzige Dorfgeschichte





„Mittagsstunde“ ist der neue und großartige Roman von Dörte Hansen, in dem sie den Bogen aus der Zeit der Mittagsruhe in den 1970er Jahren mit Flurbereinigung der kleinen dörflichen Parzellen bis in die heutige Zeit mit ihren spürbaren Veränderungen aber auch der Sturheit und dem Festhalten an Vertrautem durch die alten Dorfbewohner spannt.

Eine Dorfgeschichte und zugleich die Geschichte vieler Bewohner des Dorfes ziehen am Hörer/Leser vorbei. Im Vordergrund steht Ingwer Feddersen, heute 47, der als Hochschullehrer in Kiel lebt. Seit 25 Jahren wohnt er in Wohngemeinschaft mit Ragnhild und Claudius. Nichts Halbes und nichts Ganzes in seinen Augen, da keiner seiner Mitbewohner den Sprung in die erwachsene Verantwortung geschafft hat. Ingwer fühlt sich zwar wohl dort, doch tief innen ist er frustriert und unzufrieden.Da kommt es ihm sehr gelegen, dass er ein Sabbatjahr nimmt, um sich um seine Großeltern in Brinkebüll zu kümmern. Großvater Sönke, kaum noch beweglich, hält stur als Dorfkneiper die Stellung, Großmutter Ella ist hochgradig dement und verliert immer mehr ihren Verstand. Ingwer glaubt, den beiden Alten etwas zurückgeben zu müssen, seit sie ihn wie ihren Sohn aufgezogen hatten. 
Inmitten der Gegenwartsgeschichte erzählt Dörte Hansen die Vergangenheit und den Wandel des Dorfes mit Rückblicken. Ausgang ist die Flurbereinigung in den 1970er Jahren, als alte krumme kleine Parzellen umgelagert wurden und daraus große gerade Flurstücke wurden, als Hecken und Bäume an Feldrändern verschwanden, als kleine Bauernhöfe entweder zu profitablen Landwirtschaftsbetrieben umgewandelt wurden oder untergingen und als Merret, Ellas und Sönkes Tochter, von einem der Vermesser der Flurbereinigung geschwängert wurde. Ihr kleiner Sohn Ingwer interessierte sie weniger als Schlagerlieder, und da sie nichts mit ihm anfangen konnte und in immer zunehmende Verwirrung verfiel, nahmen sich Sönke und Ella des Jungen an und zogen ihn groß. Ingwer verließ als einer der wenigen später das Dorf, gefördert vom alten Dorflehrer Steensen zunächst an das Gymnasium und später an die Uni in Kiel. Nach Binkebüll kommt er immer seltener, und die Übernahme von Sönkes Gastwirtschaft stand nie auf seinem Lebensplan.

Dörte Hansen erzählt mit großer Wärme und mit viel Gespür für altes und neues Dorfleben eine 60jährige Dorfgeschichte im Wandel. Ihre Charaktere sind vielfältig wie eine lebendige Dorfgemeinschaft, mit allen Ecken und Kanten, sympathisch oder geduldet, in allen Fällen unheimlich lebensecht. Wer wie ich auf dem Dorf aufgewachsen ist, erkennt zumindest ein paar der vergessen geglaubten Bewohner des eigenen Dorfes wieder, auch wenn man in einer völlig anderen Gegend lebt. Und das ist einfach wunderbar.
Zwar liegt Binkebüll in Norddeutschland und die Menschen im Roman sprechen ausgiebig Platt, aber das Dorf selbst ist überall zu finden, wo die Mittagsstunde zwischen zwölf und zwei, einst heilig und geeignet für Heimlichkeiten, verschwand im Zuge von Begradigungen und Neuerungen, schnellen Dorfstraßen statt Holperpisten, auf denen Kinder überfahren wurden und Jugendliche auf nächtlichen Ausflügen am Baum landeten.
Zwischen Vergangenheit und Gegenwart stetig wechselnd lernt man die Dorffamilie kennen. Jeder kennt jeden, Menschen mit Macken wie Merret, die in Klapperschuhen im ganzen Dorf den Untergang verkündet gehören genauso dazu wie die ständig lesende Bäckerstochter, die selbst beim Brötchenverkauf ein Buch in der Hand hält, oder Heiko Ketelsen, einst vom Vater geprügelt und nicht besonders schlau, aber mit großem Herz und jetzt mit Visionen einer Westernbar in Sönkes alter Kneipe. Ein herrlicher Dorfroman, der zugleich ein Familienroman ist, jeder kennt jeden, Zugezogene werden kritisch beäugt und höchst selten als völlig zum Dorf gehörend akzeptiert.
Dörte Hansen kann aber noch mehr. Man spürt beim Lesen, wie sich der steinerne Himmel auf die Schultern zu legen droht und zieht unwillkürlich gemeinsam mit Ingwer Feddersen die Schultern nach oben, wenn der ewige und feuchte Wind bläst. Landschaften und Stimmungen entstehen so in perfektem Kopfkino. 

Ohne Kitsch und ohne Schönfärberei, und auch ohne die Verklärtheit von Stadtmenschen, die die ländliche Idylle erträumen und die Plackerei nicht kennen, bekommt man eine Ahnung davon, was verloren ging und was keine Renaturierung und kein auf das Kirchendach gesetztes Storchennest zurück holen kann. Neben der Mittagsstunde und der großen Akzeptanz der Gemeinschaft füreinander verschwand auch die Enge, die Plackerei, der Misthaufen und die Rückständigkeit.

Ich habe zunächst das Hörbuch gehört, gelesen von der wunderbaren Hannelore Hoger, deren rabiate und resolute Leseart hervorragend zur Geschichte passt.
Die Sprecherin war diesmal allerdings für mich ein wenig gewöhnungsbedürftig, ich hatte anfangs Schwierigkeiten, die Kapitel klar zu unterscheiden, und auch vom Platt habe ich kaum etwas verstehen können. Hannelore Hoger verwischt für meinen Geschmack ein paar Pausen zu viel, ich bekam auch nicht immer alle Kapitelwechsel sofort mit. Ich habe nach dem Hören zusätzlich das Buch gelesen, weil mir die Geschichte so gut gefallen hat, und das hat sich für mich sehr gelohnt.
Meine vollste Leseempfehlung und eine 4,5-Sterne-Hörempfehlung.





Dörte Hansen „Mittagsstunde“
Roman, gebunden, 320 Seiten
Erschienen am 15.Oktober 2018
Penguin-Verlag
ISBN 978-3-328600039

Hörbuch, Format Audio-CD, ungekürzte Lesung
gelesen von Hannelore Hoger
Random House Audio
ISBN 978-3-837142785



2. Dezember 2018

Interessante Wohlfühlgeschichte mit Gruselfaktor




Die Plattform Lovelybooks hatte vergangene Nacht zur Hörnacht mit Stephen Kings neuester Novelle „Erhebung“ eingeladen und ich war eine der glücklichen Gewinnerinnen einer der vergebenen mp3-CD‘s.
Es hat Spaß gemacht, gemeinsam zu hören und sich direkt online auszutauschen.



Das Hörbuch „Erhebung“ von Stephen King schiebt die beschauliche Kleinstadt Castle Rock in den Focus des Geschehens. King hatte schon mehrere seiner Geschichten hier angesiedelt, schaurige und weniger schaurige. In seiner von David Nathan perfekt gelesenen Novelle steht neben dem üblichen unerklärlichen Phänomen im King-Style weniger der Gruselfaktor sondern mehr der gesellschaftliche Aspekt im Vordergrund.

Der Web-Designer Scott verliert rasant an Gewicht, unerklärlich und unsichtbar für andere, denn seine Körperfülle behält er. Unabhängig von den Dingen, die er am Körper trägt oder in den Händen hält zeigt seine Wage stets das gleiche sich vermindernde Gewicht an.
Mit seinen zwei Nachbarinnen, einem homosexuellen Pärchen, führt er einen sich ausweitenden Kampf, den er eigentlich gar nicht will, doch die Fronten sind verhärtet. Erst beim alljährlichen Stadtlauf in Castle Rock schafft es Scott durch eine äußerst menschliche Geste, den Kleinkrieg zu beenden. Durch seinen Anstoß finden die beiden Frauen Anerkennung und Akzeptanz in Castle Rock, wo zuvor unterschwellig große Ablehnung und Intoleranz herrschte. Und nicht zuletzt findet Scott einen Kreis, in dem er offen sein kann, in dem er akzeptiert und freundschaftlich geliebt wird.

Es ist nicht wirklich wichtig, was mit Scotts Körper passiert, sondern die Veränderungen in seinem Verhalten und in dem anderer in der auf den ersten Blick sehr gemütlichen Kleinstadt sind wesentlich. Ablehnung von Andersartigkeit durch die kleinbürgerliche Gesellschaft, in der Folge Verbitterung der Betroffenen und Ablehnung von Dialog und Kontakt stehen im Vordergrund. Märchenhaft, durch ein unerklärliches Phänomen, führt Stephen King eine Änderung herbei, wo vorherige Versuche des vernünftigen Umganges miteinander gescheitert sind. Dieser Aspekt gefällt mir weniger gut, denn er spricht trotz des hohen Wohlfühlfaktors der Geschichte, in der sich letztlich irgendwie alles zum Guten wendet, den Handelnden ihre normale Fähigkeit der Kooperation bei Problemlösungen ab. Aber gut, es ist nun mal kein realistischer Plot, auch wenn der zwischenmenschliche und gesellschaftliche Konsens hier sehr wohl aus realen Problemen heraus gepflückt wurde. Und ich jammere wohl gerade auf hohem Niveau, denn das Metier des Autors ist nun mal nicht die Realität, was jedem Leser und Hörer seiner Bücher vorher klar sein sollte. Unter diesem Gesichtspunkt ist es eine durchaus hörenswerte und interessante Novelle.


David Nathan als Sprecher ist übrigens wie immer einfach großartig und in meinen Augen für Lesungen gruselig oder übersinnlich angehauchter Stephen King Geschichten nicht zu überbieten. Allein dafür lohnt es sich, das Hörbuch zu hören.



Stephen King Erhebung
Gelesen von David Nathan
Hörbuch, mp3 CD,
Spielzeit 3 Std 8 Min
Erschienen bei Random House Audio
November 2018
ISBN 978-3-837144611

29. November 2018

Schicksalsfäden






Vorschusslorbeeren begleiteten das Erscheinen des Romans „Die Unsterblichen“ von Chloe Benjamin. Das Buch wurde von der Amerikanischen Presse gefeiert, ihr erster Roman „The Anathomy of Dreams“ war preisgekrönt. Und ihr zweites Buch enttäuschte mich nicht, denn auch wenn es auf der Erfolgswelle der Familienromane schwimmt, erzählt das Buch eine ganz besondere Geschichte, die spannend und sehr lesenswert ist.

Im Sommer 1969 erfahren die vier Kinder Varya, 13, Daniel, 11, Klara 9 und Simon, 7, von einer Wahrsagerin den Tag ihres Todes. Wie gehen sie damit um und wie verändern Sie sich und ihre Lebenswege im Angesicht des bekannten Endes? Was fangen sie mit der kostbaren Lebenszeit an, die ihnen bleibt? Wird ihnen das Wissen um den Tod zum Verhängnis?
Grenzgängerisch und grenzwertig sind die Erfahrungen, die Simon, Klara, Daniel und Varya machen und von denen der Roman in vier Abschnitten erzählt, in denen die Autorin jeweils einen Lebensweg ein Stück verfolgt.
Simon geht in den 1980er Jahren nach San Francisco, ohne Bewusstsein für Gefahr, auf der Suche nach Liebe und Lust. Klara verwirklicht ihren Traum und wird Zauberkünstlerin und Grenzgängerin zwischen Wirklichkeit und Magie, auf den Spuren ihrer Großmutter, die bei einem spektakulären Trick ums Leben kam. Daniel führt ein auf den ersten Blick normales Leben, als Militärarzt findet er Ordnung und Sicherheit nach den Anschlägen von 9/11, lebt aber in Düsternis wegen des Wissens um seinen Tod. Und Varya beschäftigt sich mit Altersforschung an Primaten, lebt dabei selbst wie ein Labortier abgeschottet und auf halber Kraft, so als müsste sie unbedingt selbst zu ihrer vorausgesagten Lebensspanne beitragen.

Eindrucksvoll, gekonnt und spannend beschreibt das Buch die vier Lebenswege, die nicht losgelöst voneinander stehen, sondern durch geschickt plazierte Querfäden und mäanderndes Erzählen von vergangener Familiengeschichte miteinander verknüpft sind. Chronologisch schließen die Abschnitte jeweils aneinander an, und das ist keineswegs langweilig, denn die Autorin liebt Abschweifungen innerhalb ihres Erzählfadens, so wie ich auch.

Die zentrale Frage des Romans ist für mich, ob das Wissen um den eigenen Tod Entscheidungen beeinflusst und wie die Figuren mit diesen Entscheidungen - den eigenen und denen ihrer Geschwister - umgehen. Es scheint so, als würden Simon, Klara, Daniel und Varya eben dadurch ihren Tod zwangsläufig herbeiführen, dass sie Dinge tun, die sie ohne dieses Wissen vermieden hätten. Trotz des verbindenden Erlebnisses mit der Wahrsagerin scheinen sich die familiären Beziehungen immer mehr auszudünnen und aufzulösen, über lange Zeiten leben die Geschwister getrennt und zerstritten, ohne Kontakt zueinander. Lediglich der Tod und sein Wissen um ihn scheint als verbindendes Element zu stehen. Trauer kommt oft vor Liebe, und der Verlust oder die Angst davor wirkt oft bestimmend für den zwischenmenschlichen Umgang.
Der Roman berührt vielleicht gerade dadurch so sehr, weil es keine Fantasy-Elemente gibt sondern nur die Wirklichkeit und das zunehmend düstere Schicksal, zu dessen Erfüllung die Geschwister letztlich allein beitragen.
Für mich ist es ein wirklich wunderbares Buch, das eine tragische und spannende Geschichte mit großer Lust am Fabulieren erzählt und von mir eine unbedingte Leseempfehlung bekommt.





Chloe Benjamin: Die Unsterblichen
Roman gebunden, 480 Seiten
Erschienen im btb-Verlag
Oktober 2018
ISBN 978-3-442758197

20,00 €

Spannendes Real-Crime-Epos





Filmreif, wie für die große Leinwand gemacht, erzählt Stephan Talty in seinem Real-Crime-Buch „Black Hand“ die Geschichte der ersten Mafia New Yorks und die Heldengeschichte des unerbittlichen Verfolgers der italienischen Verbrecherorganisation Joseph Petrosino. 

Der „italienische Sherlock Holmes“ Petrosino, der als Kind armer Süditaliener mit der ersten Einwanderungswelle 1873 in New York landete, mit der 6.Klasse die Schule verließ und mit Jobs als Schuhputzer und Straßenfeger schon als Teenager die gesamte Familie ernährte, besaß die Kraft und den Willen, sich inmitten des irisch dominierten New York Police Department als erster italienischer Detective Sergeant des Landes zu behaupten. Als Meister der Verkleidungen und erbarmungsloser Draufgänger legt er sich mit den Mafiagrößen der gefürchteten Organisation „Black Hand“ an und hatte dabei enorm großen Erfolg, trotz der lachhaft geringen finanziellen Mittel, die seiner Truppe „Italian Squad“ zur Verfügung standen. Spektakuläre Erfolge begleiteten seinen Weg genauso wie ständige Morddrohungen, Gefahr und Verrat, und ebenso ruhmreich und berühmt wie Petrosinos rastloses Leben ist seine Beerdigung, bei der die Straßen New Yorks von 250.000 Menschen gesäumt waren.

Talty zeichnet ein aufregendes Bild der Metropole New York zu Beginn des 20.Jahrhunderts mit Augenmerk auf Verbrechen und Korruption innerhalb der aufstrebenden Verbrecherorganisation „Black Hand“ und auch innerhalb des NYPD und der Stadtverwaltung. 
Spannend und sehr flüssig geschrieben liest sich das Buch eher wie ein Roman denn wie ein Sachbuch. Äußerst detaillierte Blicke auf Petrosinos Arbeit und auf seine Neuerungen, die die damalige Polizei landesweit revolutionierten, ebenso wie auf den Hergang von Verbrechen der Mafia-Organisation und die im Hintergrund gezogenen Fäden halten den Leser ganz dicht am Geschehen und sind gleichzeitig Sinnbild einer absolut hervorragenden und äußerst umfangreichen Recherche des Autors. Auch wenn das Buch sehr viele Details und Namen enthält schafft es Stephen Talty gekonnt, den roten Faden seiner Heldengeschichte um Petrosino nie zu verlieren, er verwebt kluge faktische Schilderung mit erzählerischer Spannung, was dieses Buch außergewöhnlich macht. 
Das Buch ist ein Real-Crime-Blockbuster, den ich allen Liebhabern aufregender Kriminalgeschichten mit gut recherchierten historischen Hintergrund nur empfehlen kann.
Und ich freue mich schon sehr auf die Filmversion mit Leonardo DiCaprio in der Rolle des Joseph Petrosino.





Black Hand
Stephan Talty
Klappbroschur 318 Seiten
Erschienen im Suhrkamp Verlag
November 2018
ISBN 978-3-518469248
Preis 14,95 €

28. November 2018

Wunderbar und eindringlich






Jean-Phillippe Blondel hat mit seinem Roman „Ein Winter in Paris“ eine kleine literarische Perle geschaffen, die fasziniert und bedrückt.

Blondel erzählt in seinem ruhigen und sehr eindringlichen Roman die überaus einsame und stille Geschichte von Viktor, einem unsichtbaren Außenseiter, der erst durch den Freitod eines vermeintlichen Freundes von seinen Kommilitonen an einer Pariser Eliteschule wahrgenommen wird. 
Viktor kam aus der Provinz nach Paris, stammt aus einer relativ bildungsfernen Familie und belegt einen Vorbereitungskurs einer Eliteschule, den Pariser Concours, die unter großem Leistungsdruck und auch elitärem Druck Studenten-Nachwuchs für renommierte Universitäten produzieren.
Viktor ist einsam dort, und einzig Mathieu, ein Junge aus dem Kurs unter ihm, trifft sich regelmäßig auf eine Zigarette mit ihm. Als Mathieu im Treppenhaus der Eliteschule in den Tod springt, hat Viktor plötzlich alle Aufmerksamkeit, zwischenmenschliche Beziehungen verschieben sich zu seinen Gunsten, Viktor wird sichtbar und interessant als der vermeintliche Freund des Opfers. Komplett abgenabelt von sozialen Verpflichtungen gegenüber seiner Familie in der provinziellen Heimat lässt sich Viktor in dieses neue Leben fallen und droht dabei, verloren zu gehen.

Blondel schafft es auf unheimliche Weise, den schulischen Druck und das Konkurrenzdenken, das elitäre Schweigen und die Ignoranz gegenüber Außenseitern, das Stehen am gesellschaftlichen Rand einer Eliteschule zu vermitteln. Die Sehnsucht nach Anerkennung und Gesellschaft bringt seinen Protagonisten dazu, die Aufmerksamkeit zu genießen, sich zugehörig zu fühlen und anzupassen. Die harsche Kritik, die Blondel am elitären Pariser Bildungssystem übt, wird durch das Schweigen aller - Professoren und Studenten - nach Mathieu´s Freitod sehr eindringlich unterstrichen. Nichts verändert sich, und außer dem gesellschaftlichen Zuspruch, den Viktor von vielen Seiten genießt, bleibt alles beim alten - der Leistungsdruck und die Angst vor Versagen und Exmatrikulation prägen den Schul-Alltag weiterhin.
Zwischenmenschliche Beziehungen werden im Roman zum Selbstläufer, abgenabelt vom Ursprung, Viktor findet endlich, wonach er sich immer sehnte, und es fühlt sich beim Lesen dennoch kalt, künstlich und falsch an. Gefangen in der ihm geschenkten Aufmerksamkeit aus höhergestellten Gesellschaftsschichten verliert Viktor seinen Weg und fast sich selbst.


Am Ende verdichtet Blondel in einem wunderbaren Bogen mittels eines Gesprächs die Handlung, lässt seinen zappelnden Protagonisten von der elitären Angel und zurück ins wahre Leben entkommen. Er bleibt für immer geprägt, so wie ich als Leser auch, nach dieser faszinierenden, spannenden und kritikreichen Lektüre.



Jean-Philippe Blondel
Ein Winter in Paris
Roman
Übersetzt aus dem Französischen von Anne Braun
Erschienen im September 2018
Verlag Deuticke (Hanser)
 

192 Seiten
ISBN : 978-3-552-06377-8
€ 19,00

18. November 2018

Familienpuzzle



Wenn der Schauspieler Christian Berkel ein Buch schreibt, noch dazu ein autobiografisch angehauchtes, ist man als Leser einerseits neugierig, andererseits zwiegespalten, ob das gut gehen würde. Soweit die Vorschusslorbeeren und die Zweifel, der Rest ist schriftstellerisches Können und eine äußerst interessante Familiengeschichte, die an ein paar Stellen phantastisch und sehr gekonnt ausgeschmückt wurde, und der man nicht anmerkt, dass es ein Debüt-Roman ist.

Das Buch „Der Apfelbaum“ erzählt von Christian Berkels jüdischer Mutter Sala Nohl, die sich als junge Frau mehr als Deutsche denn als Jüdin fühlt und natürlich dennoch aus Deutschland vor den Nationalsozialisten fliehen muss. Es erzählt auch von seinem Vater Otto, einem Berliner Ganoven, der Dank Salas Hilfe aus der Gosse entkommen und Arzt werden kann.
Die Haupthandlung folgt dem Lebensweg von Sala und Otto und überspannt eine Zeit von den 1920er Jahren bis in die 1950er Jahre, wo sich Sala und Otto nach ihrer Flucht und seiner Kriegsgefangenschaft wiedersehen können. Nationalsozialismus, Judenverfolgung und der Zweite Weltkrieg bestimmen Salas Leben in der Zeit dazwischen, sie verbringt es teils auf der Flucht in Paris und in Spanien, in einem Internierungslager in Spanien, und teils unter falscher Identität in Leipzig. Otto, Vater ihrer Tochter, ist zu Kriegszeiten in Russland bei der Wehrmacht als Arzt und gerät gegen Kriegsende in russische Gefangenschaft.
Die Geschichte bietet hier nur Hintergrund für den dramatischen Lebensabschnitt, den Sala und auch Otto beschreiten, die Nazizeit ist Auslöser für die Tragödie, die das Paar durchleben muss. Die Nazis spielen keine wesentliche Rolle in Berkels Roman, ohne diese Zeit zu verzuckern schafft es Christian Berkel, das Schicksal von Sala und Otto losgelöst von historischer Wertung zu erzählen, einfach nur als fast kinoreife Familientragödie mit einem Happy End.
Berkels Familienkosmos umfasst noch viele weitere interessante Figuren, die den Roman wie großes Kino erscheinen lassen, zumal alles auf wahren Begebenheiten beruht. Der Großvater lebte als einer der ersten in der Nudistenkolonie auf dem Monte Verità, hatte eine Liebesbeziehung mit Erich Mühsam und therapierte Hermann Hesse. Seine Großmutter kämpfte als Anarchistin in Spanien bei den Internationalen Brigaden auf Seiten der Republikaner, Berkels Großtante lernte in Paris beim Modezar Hermès ihr Handwerk und betrieb eine florierende eigene Boutique dort.

Die Geschichte ist souverän und mitreißend erzählt, die Handlung besitzt eine Dynamik, der man sich beim Lesen nicht entziehen kann. Passagenweise taucht Berkel in seinem Roman selbst auf, er erzählt von Treffen und Interviews mit seiner Mutter und von Nachforschungen zur jüdischen Vergangenheit seiner Familie in Lodz. Das macht die Geschichte für mich herausragend aus den vielen momentan auf dem Markt befindlichen deutschen Familiengeschichten, hier kommt Berkels schriftstellerisches Geschick für mich voll zum Tragen. Indem er nämlich die übliche Beschönigung und Weichzeichnung vieler Deutscher Geschichten beiseite wischt und sich selbst befragt, Täter-Opfer-Rollen ganz klar zuordnet und sehr ehrlich ins rechte Licht rückt.
Von mir gibt es großen Applaus für diese oftmals schwierige Ehrlichkeit und dafür, dass im Roman im wesentlichen eben nicht Geschichte analysiert und gewertet sondern auf sehr persönliche Art erzählt wird.
Das Buch sollte viele Leser finden, nicht zuletzt weil mehr von uns den Nazischwager Günther in ihrer Vergangenheit stehen haben als die jüdische Urgroßmutter Alta aus Lodz, und weil es wichtig ist, sich genau das einzugestehen.
Und davon abgesehen ist es einfach eine wunderbar elegant, spannend und mitreißend erzählte Familiengeschichte, die äußerst lesenswert ist.



Christian Berkel
„Der Apfelbaum“
Roman gebunden, 416 Seiten
Ullstein Buchverlage
Erschienen im Oktober 2018
ISBN 978-3-5500819655

22 €