Mit „Schleifen“ legt Elias Hirschl einen Roman vor, der gleichermaßen intellektuell herausfordert wie erzählerisch verführt. Für mich war es das erste Buch dieses Autors – und die Lektüre hat mich, das sei vorweggenommen, außerordentlich positiv überrascht.
Hirschl entfaltet ein Gedankengebäude, das auf den ersten Blick kühn, beinahe überbordend wirkt, bei näherem Hinsehen jedoch mit beeindruckender Präzision konstruiert ist. Besonders faszinierend ist die souveräne Verknüpfung realer historischer Figuren mit erfundenen Gestalten. Diese Konstellation erzeugt eine produktive Irritation: Man beginnt, vermeintlich Vertrautes zu hinterfragen, während das Fiktive eine fast dokumentarische Glaubwürdigkeit gewinnt. Die Übergänge sind fließend, die Ebenen kunstvoll ineinander verschränkt – ganz im Sinne des Titels, der die Struktur des Romans treffend spiegelt.
Ein weiterer Höhepunkt ist für mich der geniale Zusammenhang, den Hirschl zwischen Sprache und Mathematik herstellt. Was zunächst wie zwei gegensätzliche Sphären erscheint – hier das poetisch Schillernde, dort das logisch Stringente –, erweist sich als überraschend eng verwandt. Sprachliche Muster, rhetorische Wiederholungen und narrative Rückkopplungen werden zu literarischen „Schleifen“, die an mathematische Strukturen erinnern. Dabei bleibt das Werk keineswegs trocken oder theoretisch; vielmehr entsteht ein ästhetisches Vergnügen aus der Erkenntnis, wie eng Denken, Rechnen und Erzählen miteinander verflochten sein können.
Trotz der Fülle an Ideen, Anspielungen und theoretischen Exkursen ist die Geschichte selbst erstaunlich gut zu verfolgen. Hirschl versteht es, die Komplexität seiner Gedankenwelt so zu strukturieren, dass man als Leserin oder Leser nie völlig den Boden unter den Füßen verliert. Die Erzählung trägt, auch wenn sie gedanklich in immer neue Richtungen ausgreift. Gerade diese Balance zwischen intellektueller Ambition und narrativer Klarheit macht die besondere Qualität des Romans aus.
Gleichwohl verlangt „Schleifen“ eine gewisse Bereitschaft zur Vertiefung. Wer den zahlreichen Bezügen, historischen Anspielungen und mathematischen Verweisen in aller Konsequenz nachgehen möchte, sieht sich stellenweise mit einer fast überwältigenden Materialfülle konfrontiert. Es gibt Passagen, in denen man geneigt ist, innezuhalten, nachzuschlagen, querzulesen – und dabei droht der eigentliche Lesefluss kurzzeitig ins Stocken zu geraten.
Im Fazit bleibt dennoch ein überaus positiver Eindruck. „Schleifen“ ist ein mehr als gelungenes Buch – geistreich, originell, strukturell durchdacht und erzählerisch packend. Trotz (oder vielleicht gerade wegen) seiner überbordenden Fülle entfaltet es eine nachhaltige Wirkung. Für mich als erste Begegnung mit Elias Hirschl war dieser Roman eine ebenso anspruchsvolle wie bereichernde Lektüre – und eine Einladung, weitere Werke dieses Autors zu entdecken.
416 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag

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